Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 36 (1859) · p. Seite 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
36 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4908862-5999350-6000930--1433-4909988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

142 mit dem Lohne dahin! Ob eS noch fo schweres Opfer kostet, je schwereres, desto willkommner, denn desto größer muß der-Lohn sein, an dem wir uns gütlich thun wollen. WaS Dich dann zur Pflichterfüllung, zur Tugend anspörnt, ist die niedrige Selbstsucht; in dem Beistände, den Du Anderen leihest, ist es nicht die Rettung dieser, in dem Unterrichte, den Du ertheilst, nicht die Belehrung Anderer, die Ausbreitung von Weisheit und Erkcnntniß, in dem Rechte. daS Du übest, nicht die Befriedigiung deS RechtSgefüblS?- sondern allüberall nur Dein eigener Vortheil, den Du suchst, berechnest, anstrehst. Dann aber ist die Rechnung geschloffen, und eS bleibt nichts übrig. DaS Gute, m. Kr., das wir thun,. wirkt insofern aus uns zurück, indem eS unsere Seele besser.und edler stimmt und macht, indem unsere Geisteskraft in der. Uebung des Guten immer kräftiger, unsere Ueberzc.ugung immer fester wird. Wenn eS aber nicht im Gefühle des Guten selbst geschieht, sondern nur um deS Lohnes willen, so ist die herrliche That .wie Licht, das in dem unendlichen Weltenraume sich verliert, und nicht auf einen Gegenstand trifft, den eS'beleuchtet — sie' bessert und veredelt uns nicht. Es ist ganz so. wie wenn wir das Böse unterlassen, bloS aus Furcht vor der Strafe. Der die Sünde nicht thut, blos weil er die Strafe fürchtet, ist nicht um «in Haar besser als der, der sie thut, weil er sich über die Strafe hinwegsetzt, jener ist nur noch feiger als dieser. Finden wir dies nicht auch im religiösen Leben oft genug? Wir sollen.beten, feiern, das Gesetz vollführrn, um uns zu heiligen, um mit Gott in Verbindung zu bleiben, um uuS mit heiligen Gefühlen zu durchströmen. Betest und ieierst und hältst Du das Gesetz aber nur, weil Du glaubst, Gott wird Tir dafür Lohn gebeN, Dir reicheres Brot, längeres Leben, kräftigere Gesundheit, größer» Bestand verleihen — dann vereitelst Du den Zweck all' dessen. Du heiligst Dich nicht, und denkst nur an Dich, nicht an Gott unv Gottes Willen mit Dir! Aber noch tiefer schaute der Schüler Simeons des Gerechten; er sagte sich drittens: diese Meinung ist nicht allein von keiner veredelnden, sie ist auch von schlimmer Wirkung und zwar sowohl auf den, der' das Gute übt, als auch für den es gethan wird. Der Elftere wird das Gute darnach bemessen, wie er sich einen Lohn davon verspricht; was ihm einen größeren Lohn zu verheißen scheint, bas wird er vorziehen; er wird das Gsste unterscheiden, ie nach dem Gewinn, den er ihm zutralut. Dies ist so sehr der Fall, daß ein anderer Weiser, Rahbi (P. A. II, 1.) sich dagegen erheben zu müssen geglaubt, und warnend zurief:. „Sei ebenso vorsichtig bei einem leichten, wie bei einem schweren Gebote, denn D" kennst nicht den Lohn der verschiedenen Gebote!" So werden nur die Begriffe des Guten verwirrt und unsägliches Böse dadurch bewirkt. Hat man eS nicht genugsam erfahren? Gab eS nicht, und giebt es nicht genug Menschen. die sich alle Grausamkeiten, alles Furchtbare gegen AnderSglaubende, gegen sogenannte Ketzer erlaubten, weil der Lohn für die Ausrottung der Ketzerreien alle Strafe für böse Thaken überiräfe? Gab es und giebt es nicht in allen Religionen. Menschen, welche glauben, wenn sie nur die Ceremonialgesetze streng halten, können sie allesittlich Böse thun, jene sühnen diese, unv es bleibt ihnen noch Lohn übrig? Und der. Empfanger.einer Wohlthar, der, für den Opfer gebracht werden, wenn er denkt, jener bekommt schon seinen Lohn von Gott, hält er sich nicht jeder Dankbarkeit überhoben? glaubt er nicht, daß er jeder Verflichtung entzogen sei, da seinem Wohlthäter und Retter schon von Gon vergolten werde — ja, glauben solche Leute nicht am Ende, daß vielmehr der ihren GuleS thut, ihnen verpflicht« sei, da sie ihm Gelegenheit geben, sich großen Lohn von Gott zu erwerben?! DieS Alles erkannte Antigonus von Socho; und da er also fand, daß dieser Glaube von der Belohnung jeder guten That durch Gott des Menschen unwürdig sei und seine Freiheit beschrankendem Guten alles Verdienst raube und die Begriffe vom Guten gänzlich verwirre, rief er aus: „Seid nicht wie die Diener, di« dem Herrn dienen in dem Sinne, daß sie Lohn empfangen — sondern die Ehrfurcht vor Gott sei aut Euch!"-- Also sollen wir glauben, daß die Erfüllung unserer Pflichten, daß die Uebung guter Thalen nicht mit Lohne von Gott gekrönt werde? — Das will uns auch nicht in den Sinn.: Es ist zu bestimmte Lehre der heiligen Schrift; es ist zugleich eine Lehre, die in unserem Innern zu sehr wiederholt und von uns in unserem Herzen als richtig unv wahr gefühlt wird. Erwägen wir daher andererseits, was für sie spricht. Wir fragen uns zuerst: jeder einsichtsvolle Erzieher und Lehrer, warum stellt cr dem guten und pflichtgetreuen Schüler Lob und Prämien, dem-faulen und schlimmen Zögling Tadel und Züchtigung fest? warum überläßt er es ihnen nicht frank und frei, wie sie verfahren wollen? Weil.er die ihm anhertraulen Menschenkinder zum Guten erziehen, sie durch alle Mittel zum Guten anleitea, vom Bösen abschrecken, und sie an die Uebung des Guten gewöhnen will, bis dieses -so feste ^Wurzel im Geiste des jungen Menschen gefaßt hat, daß er des LehrerS nicht mehr bedarf. Nun, der Mensch ist während deS ganzen Lebens in der Erziehung, und konimt auS ihr gar nicht heraus. Was die Schule irs der Kindheit, das is: das Leben während unseres ganzen Erdcndaseins; awdi der erwachsene Mensch bleibt ein Zögling, und der einsichtsvolle Lehrer — das ist Per allweise Vater im Himmel. Ober habt Ihr schon einen Menschen auf Erden gesehen, von dem Ihr mit völliger Entschiedenheit sagen-ko littet, der ist ganz fest im Guten, der schwankt und irrt ni^, der läßt sich von Leidenschaft niemals verblenden, von lackenden Zielen niemals verleiten?... Ich habe solchen Menschen bis heute nicht getroffen. Nun, so darf der Mensch nicht darauf pochen, völlig frei sein zu wollen, einen völlig freien Willen zu üben. Ja, hinter dem Erdentreiben muß ihm immer noch ein unsichtbarer Vergelter erscheinen, ein unbestechlicher Lohncr und Sttafer, damit in all den oftmaligen Prüfungen, wo das Gute in ihm schwankt, wo irdischer Vortheil ihn zu einem Fehltritt aalockr, irdischer Nachtheil von einer guten That abzieht \ der Gedanke an Gott, dessen Gericht und Vergeltung ein Gegengewicht bilde und ihn zur Wahrheit und Tagend antreibe. Nein! der Mensch wird niemals so absolut gut, daß ft absolut frei sein könne, und darum muß dem Bösen in ihm ein Gegengewicht fein — der Glaube an den Lohn und die Strafe durch Gott! Wir fragen Leiter: ist eS nicht natürlich, nicht selbstverständlich, dag an das Gute sich das Gute knüpfe?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.