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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 34 (1859) · p. Seite 135

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
34 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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135! und verfallenen Köuper angehättgt hat gar wohltbun, wenn Sie 500 rührigen, betriebsamen, nach hübscher Außenseite strebenden und zum Theil ganz wohlhabenden Juten biiieinrückten unv sich daselbst ordentliche Häuser bauten, — wie denn in Walldorf einige hübsche, städtisch gebaute Straßen den Juten gehören und in ihrer Mitte ein stattliche-, jüdische- SchulhauS prangt. Andererseilsind denn doch vie vielen Familien zu bedauern, denen die Väter so viele Zeit fern bleiben müssen und die so viele Kräfte und Zeit auf unnütze Wege zu verlieren haben. So lernten wir selbst in Lirbenstein einen wackeren Mann kennen, ver daganze Jahr hindurch daselbst ein schwungreiche- Schnittgeschäfl betreibt und nur die Sabbathe bei seiner Familie in Wallvors zubringen kann. SS ist sicher, daß die vielen hieraus entspringenden Unzukömmlichkeiten zuletzt dennoch den Sieg über die unvernünftige Verweigerung des natürlichsten Rechtegewinnen werden, und eS sind daher unsere GlabenSgenossen in Sachsen-Meiningen nur zu ermuntern, unermüdlich wieder und wieder alle Schritte zur Erlangung deS natürlichsten Rechtes deS Bürgerzu tbun. Wir haben schon zu viele ähnlicher Schranken vor unseren Augen fallen sehen, als daß ihnen auch nicht diese in die Raritätenkammer folgen sollten, wohin sie gehören. Vor zwanzig Jahran durften die Dresdener Juden noch keinen offenen Laden in Dresden halten, und jetzt können sie königliche Notare werden. Vor dreizehn Jahren durfte noch kein Israelit au- Burg nach Magdeburg ziehen, und keiner au- Magdeburg ein Grundstück in Burg erwerben, obschon nur die Elbe zwischen den beiden Städten fließt, und jetzt stebt undaS ganze schöne Vaterland von Saarlouis bi- Memel, offen — warum also nicht auch von Walldorf bis Meiningen?... Im Uebrigen ist der regierende Herzog ein höchst humaner Fürst, und eS giebt wiederum sehr wichtige Momente, in welchen Derselbe und seine Regierung sich wahrhaft wohlgesinnt erweisen. Der größte Zheil des GehalteS de- Landrabbmen wird von der Staatskasse getragen, und als dieser vor einigen; Jabren einem Rufe zu einer anderen Stelle zu folgen gesonnen war, ertheilie ihm die Regierung eine persönliche Zulage von 100 Gulden jährlich, um ihn zum Bleiben zu bestimmen. Mein Aufenthalt in Walldorf war zu kurz, um mich mit den Instituten der dortigen Gemeinde näher bekannt zu machen; doch erfuhr ich so viel, daß der Gottesdienst daselbst in sehr geordneter Weise mit Chor und Responscn seitens der ganzen Gemeinde abgehalten wird. Dagegen wohnte ich selbst dem Gottesdienste in dem dreiviertel Stündchen von Lietenstrin entfernten kurhessischen Dorfe Barchfeld bei, wo 43 israelitische Familien zusammen wohnen. Eine sehr hübsche, geräumige Synagoge, welche jedoch von der stets vollständig versammelten Gemeinde auSgesüllt wird, nahm unS auf und wir waren recht tief ergriffen von der tadellosen Andacht, von dem geregelten Gange deS GotteSdiensteS, von dem rracten Einfallen der ganzen Genninde bei den Refponsen und der Einhaltung der Melodie^, soweit man dienur von einer Masse ohne Instrumentalbegleitung erwarten kann. Ich fühlte mich im Sinne vieler kleinen und mittleren Gemeinden Preußen-, die doch sonst so viele Bildung in ihrem Schoße bergen, von dieser Dorfgemeinde beschämt, und wußte edem dortigen Vorstände, dem Dorbeter Weil und Lehrer Lewald wahrhaften Dank. Der Vorstand, der von meiner Anwesenheit wußte, ersuchte mich um einen Dortrag. Da ich nicht wußte, ob diedem Herrn Prorinzialrabbinen in Fulda, zu dessen Sprengel Darchfeld gehört, genehm sein würde, und jch während der Kor jede Aufregung streng vermeiden mußte, so lehnte ich eS ab. AIS ich aber die versammelte Gemeinde betrachtete, von ihrer , schönen und würdigen Haltung erfreut war, eS den Gesichtern ansah, daß sie Etwavon mir erwarteten, und eS mir als ein Unrecht erschien, einer Gemeinde daS Wort zu versagen, wenn sie eS zu hören wünscht, änderte ich meinen Entschluß und betrat zu einer kleinen Ansprache die Kanzel. ES war' gerade die Sidra Balak verlesen worden und da ich vorher durch die Straßen de- Dorfegeschritten , so wußte ich, waich den Hörern zu sagen hätte. Der Au-ruf DueamS: ..Wie schön sind deine Gezelte, o Jakob, deine Wohnungen, o Israel.'" trat mir auf die Lippen. Wie? ßrug ich, 'obschon wir wissen,.in welche schöne Ordnung Moscheh daS Lager der Israeliten zu bringen gewußt, wie da- Heiligthum xin' der Mitte stand, die drei Geschlechter Levi'S und die Familie Ahron'S-- um dasselbe, und dann die vier Läger zu je drei CtämMen mit ihren Fahnen und Standarten zu einem Viereck darum gelagert — wie konnten?die Laubhütten (rrcc) und Zelte,'" in denen die Jsraeliteit Nunmehr 40 Jahre in der Wüstr wohnten, die am Abend aufgeschlagen und am Morgen abgebrochen wurden, schön genannt werden, und zu der begeisterten Schilderung veranlassen, welche auS dem Mund, Bileamö stoß? Öder, frug ich weiter, war Bileam ein Seher, und schaute km Geiste den Reichthum -und die Herrlichkeit, die Paläste ünh Schlösser, in welchen unsere Vater im heiligen Lande wohnen würden? Aber diese waren nur ein einfaches Volk von Ackerbauern, uyd alS ihr reichster König den Tempel auf Morijah bauen wollte, mußte er sich Bauleute auS TyruS holen, in Israel »yaren dergleichen nicht vorhanden. Oder fab er im Geiste den Glanz und die Fülle, vbelche unsere Väter im Mittelalter umgab, und ihre Wohnungen nach der Zerstreuung schmückte? Welch' ein Hohn! Wer rinmal durch die schr.eckenerregenden Reste eineS JudeaviertelS in einer dem Mittelalter entsprungenen Stadt geschritten ist, wird kaum begreifen, wie unsere armen getretenen Väter darin haben eristiren können. Und fürwahr! auch jetzt noch sind wir Juden im Ganzen ein arme- Volk, dasich nur durch unermüdliche Detriebsamkeit, durch rastlose Anstrengung erhalten kann. Die Paar Reichen sind gegen die große Masse nicht zu rechnen, und wenn wir noch heute durch di» großen und kleinen Städte und durch da- Land ziehen, die Paläste und Villen, die großen Häuser und Pracht- Wohnungen gehören den Juden nicht, oder nur sehr selten. Wie also ist d,^ Au-spruch VilcamS zu erklären?... In der Thal, Bileam, vom Geiste Gottegetrieben, sah in da- Innere der Zelte unv Wohnungen Israel-, und hier sah er zuerst ein innige-, friedliche-, liebereicheS Familienleben, Eltern, die Allefür da- Wobl und die Heranbildung ihrer Kinder äufopftrn, Kinder, welche . große Bürden^ auf ihre Schultern nehmen, um 7fre alters« grauen Eltern zu erhalten, Männer und Frauen, die treu . an einander hangen, Geschwister, die sich in den Stunden der Noth beistehen und Frieden leben; tr sah ferner Mäßigkeit und Selbstbeherrschung darin heimisch, und alle

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