Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 34 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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134 a» Gaffer, rauschende Bäche. sich schlängelnde Flüsse: Du stehst auf einer thüringischen Höhe; um dich herum und über dir daS grüne Laubdach, die Wölbung des Waldes, durch welche in tausendfachem Wechsel das goldene Sonnen« licht und der klaue Himmel blicken, und die glänzendsten' Lichter über die btaugrauen Stämme und das grüne Blättermeer ziehen. Alls dunkelt und schimmert zrtgleich um dich herum, ist eine heimliche und doch drrrchlichtete.Welt; Nichts schreckt dich. Alles ist zu traulich und heimlich; dazu rauschet leise der Wind durch die Wipfel und daS Laub flüstert unermüdlich; um dich und in dir ist Ruhe, ist Friede. Aber vor dir schaust du hinunter in ein wertegrüneS Thal, wo um einen blinkenden Teich ein stattliches Dorf feine zahlreichen Hauser gelagert und wie eine neckische Schöne sie Dir bell enkgegenzcigt und doch wieder in Laub und Strauch versteckt; daran lebnen sich Wiesen und Aecker weilbin, von dunkleren Waldstreifen durchschnitten, bis gegenüber die Höhep wieder.anzustcigen beginnen und hinter diesen Dergzug nach Bergzug erscheint, .um endlich aus dem Grün der naben in den blauen Duft der fernen überzugrben. Nack allen Seiten hin gewahrst du auS den Winkeln der Thäler Städtchen und Dörfer herüberwinken, und wenn du alles dies mit einem Blick überschaust, die lachenden Thäler, die grünen Hohen, die Menschenwobnungen, die blauen Berge, wenn du daun noch auf diese Höhe eine Burgruine, auf icne ein stattliches Schloß versetzest — so. hast Du Thüringen in seiner Einfachheit und Lieblichkeit, in seiner Kraft und seinem Schmuck. Unter den sächsischen Herzogtbümcrn ist Sachsen-Meiningen dasjenige, in welchem allein eine ziemlich? Anzahl unserer Glaubensgenossen ansässig ist. Während Weimar und Coburg nur hie und da einige zersprengte Häuflein ^enthalten, zählt man in Meiningen ungefähr 1500 Seelen. Im Dorfe Liebenstein zwar sinv nur zwel ansässig, aber wir-batten Gelegenheit die Haupkgemcinde in Wallvorf zu besuchen, die mehr a!S. 100 Familien befaßt. In Lieben« stein nämlich beehrte uns unser College und Freund, der- - herzogliche Landrabbiner vr. Dreyfuß mit einem Besuche und jemebr unS die ganze biedere und achtunggebietende Persönlichkeit des segensreich wirkenden Mannes ansprechen mußte, desto eher folgten wir feiner dringenden Einladung nach seinem Rabbinatssitze. Die neue Werrabahn führteunS in wenigen'Stunden dahin, Nackbe» sie durch enge Thäler. wo sie oft Stunden weit dein Kelsgestein abge» sprengt lst. sich bindurchgewunben, stößt sie auf die Werra, die sie nicht wieder verlaßt, deren schlängelndem Laufe sie folgt, sich bald von ihr abkehrt, bald sich ihr wieder zuwendet, sie vom rechten zum linken Ufer überschreitet, und so fortdauernd mit ihr das reizende Werrathal'der Länge nach burchschneioet, von beiden Seiten bald durch weitere, bald durch engere Wiescnpläiie und Walvböhen begrenzt; hie und da, wo die Thäler sich erweitern, ein Dorf, eine Stadt, auf der Höbe ein Schloß oder eine Kirche. Der Zug halt einige Minuten an, wir sind in Walldorf und werden freundlich nach dem Dorfe geleitet, während das Dampfroß weiter nach Süden braust. Walldorf liegt au einer Höhe, indem es feine ansehnliche Häusermasse an den Abhang lehnt, die Kircke und daS christliche SckulhauS .auf «inem sieilabfallenden Hügel, der noch die Reste starker Ringmauern zeigt, die einst, inr dreißigjährigen ' Kriege, dem Anprall der Herrhaufen fielen. Es ist eine schöne, lachende Gegend. Das Werrarhal hat hier eine ziemliche Ausdehnung, und die üppigen Wiesen werden von Zeit $u Zeit durch die Werra bewässert, so paß rin mannichfalriger Wasserspiegel der Gegend Reiz verleiht. Ziemlich in der Milte des Thales erhebt sich ein einzeln stehender Berg, der Landsberg genannt, welchen der geschmackvolle und feingebildete Fürst durch neue Parkanlagen, durch Erbauung freundlicher Schweizerhäuser an der Seite und einer mittelalterlichen Burg auf der Spitze des Berges um so mehr zueinem lieblichen Aufenthalteorte umgeschaffen, als man von ihm zugleich eine schöne Aussicht genießt. Etwas über eine halbe Stunde entfernt liegt die Residenz Meiningen, in welcher eiiiige wenige israelitische Familien wohnen, die in gemeindlicher Beziehung zu dem nahen Dorfe Dreißigacker gehören, das freilich noch vor 30 Jahren wohl 30 Familien zahlte, jetzt aber, besonders durch Auswanderung nach Amerika, nur noch 3 oder 4. Es versteht sich, daß die Mehrheit de« in Walldorf ansässigen Israeliten, die den dritten Theil der ganzen Bevölkerung bilden, ihre Nahrungszweige außerhalb ihres Wohnsitzes suchen müssen, viele sogar nur Freitags zu ihren Familien zurückkehren, um Sonntags wieder von dannen zu ziehen, und zum Theil ihre bestimmten Geschäftsplatze während der Wvchenzeit in anderen Städten und Dörfern des Landes haben. Ebenso wohnen in der Stadt Hildburghausen etwa 14 Familien, während auf anderen Dörfern des Landes viel zahlreichere Gemeinden bestehen. Unser freundlicher Leser hat sicherlich, wenn er dies liest, die Meinung, daß unsere Meiningenschen Glaubensgenossen das Dorsleben trotz ihren städtischen Gewerben so rorzieben, daß sie—darum die Dörfer wie Bienenstöcke bewohnen, und die Städte leer lassen — und emsig müssen.sie fein wie die Bienen, wollen sie ibr Brot erwerben; und emsig wie die Bienen sind sie, denn sie erwerben ibr Brot genügend und im Schweiße ihres Angesichts. Oder der Leser meint, sic wären solche Freunde der Bewegung, daß sie eS vorziehen, vom Lande in die Städte zu laufen, um nicht zuviel dabeim sitzen zu müssen. Aber er hat fehlgeschossen. Das Dorfleben hat keine besonderen Reize für sie und das Daheimsitzen wäre ihnen auch lieber. Aber wir haben hier wieder einmal rin Specimen deutscher Emancipation. Die Juden in Meiningen sind emancipirt; sie können, soweit die Zunftgesetze es gestatten, alle Gewerbe betreiben; können, wenn die Regierung eS will, im Staatsdienste angestcllt werden, .und eS giebt sogar schon drei Juristen jüdischer Confession. zwei Rechtsanwälte und einen Refercndarius. Aber — Freizügigkeit ist ihnen versagt, sie müssen bleiben, wo sie sind; sie sind in die Dörfer-gebannt, in welche das erbärmliche Mittelalter sie hineingezwungen; sie dürfen den Wegen der industriellen Cultur nicht folgen — sie müssen daher zu vielen Hunderten m einem Dorfe wohnen, wahrend in den! nur eine Stilnde entfernten Meiningen nur einige Wenige Platz greifen durften, die durch Reichthum und Connerion hineingeschlüpft sind. ES ist dieS eine ganz eigene An Nationalökonomie, Gerechtigkeit und Duldsamkeit zugleich. Fürwahr, eS würde dem verkrüppelte» Rcstdenzstärtchen — verkrüppelt, weil eö einem kleinen glänzenden Haupte, das eS in mehreren niedlichen Straßen dem Bahnhofe zugewendet, besitzt, einen häßlichen, buckligen