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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 27 (1859) · p. Seite 107

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
27 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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107 Deine Absichten vollfühtt, Deine Meinungen und Aussprüche sind in Babylonien unbedingte Entscheidungen, und werden im heiligen Lande mit Hochachtung vernommen. Du stehst da. eine lichte, schattenlose Gestalt, und wie Dein Gewand, so ist auch Dein Ruf fleckenlos. Aber dennoch frage ich: warum müssen Dein Weib und Deine Binder darben? warum verweigerst Du von Deinen Freunden auch nur da- Nvthdürstigste für sie anzunebmeu?" Rach längerem Stillschweigen antwortete Rabbah kurz: ..Ich werde mit Mar.Ukban sprechen." In diesem Augenblicke unterbrachen Fanfaren, die von der Straße her erschallten, die Stille de» Gemachs. III. Auf den Straßen von Pumpaditha war großer Zusammenlauf. Ein feierlicher Zug bewegte sich durch die Stadt. Eine Musikbanre eröflnete ihn; Trompeiengesck'metter und Paukcnschlage erschütterten die Luft und verkündeten die Annäherung eine» der Großen deS Reiche». Hinter derselben sprengten prächtig gekleidete Dorreiter, denen drei Reihen Bogenschützen folgten. Wohlgeordnet zeigte sich dann eine Schaar Diener mit den verschiedenen Zeichen ihre- Amte», und. von Läufern zu beiden Seiten begleitet, erschien ein Prachlwagen von vier weißen Maulthieren gezogen. Rach ihm kamen wieder Diener und Bogenschützen und abermals schloffen Trompeten und Pauken den Zug. Die ungeheure Volksmenge staunte gaffend den in Pumpaditha seltenen Zug an; aber sowie der Wagen nahete. schrieen Tausende: ..ES lebe der Resch-Glutha! ES lebe Mar.Ukban!" Dieser erhob sich von seinem Sitze und begrüßte die Menge nach allen Seiten bin. Er war angethan mit aller Pracht seiner Würde; ein blauseidener Kaftan umschloß seinen Körper; vorn offen ließ dieser rin gelbseideneS Unterkleid sehen; ein goldener Gürtel hielt seine Gewänder; an dem blauseidenen Kopfbund prangte eine große Agraffe von Rubinen. die ihn in seinem Range ai» den viertenjnach dem Könige bezeichnete. Je weiter der Zug in die Mitte' der Stadt kam. desto mebr wuchs die Menge, desto -Herz-' licher war der Empfang.' Man hatte die Hauser mit Teppichen behängen und vor ihnen köstliche Blumen und Gewächse ausgestellt. War man aber schon Tagezuvor über die Ankunft deS Rrsch-Glutba auS der königlichen Residenz Ktesiphon erstaunt gewesen, so war man jetzt um so begieriger zu erfahren, wohin der Zug de» ErilSfürsten sich wenden werde. Dieser jedoch verließ die reicheren Straßen der Stadt, lenkte in daS Viertel der ärmeren Bewohner ein, und nachdem er hier die „Straße der Töpfer" betreten, in deren Enge der Zug freilich sich sehr in die Länge auSdehncn mußte, erkannte da- Volk schnell, daß der Besuch deS' Fürsten dem Rabbah gelte. AlSbald erfüllte sich die Lust mit dcut Freubengeschrei: ..ES lebe Mar-Ukban und Rabbah!" Ja, man hörte auch nicht selten den Ruf: „eS lebe Rabbah. un>er großer L<hrer!" allein, gleichsam alS wollte man der großen Pracht deS weltlichen Fürsten gegenüber bezeugen, daß die Armuth de- Weisen noch mehr Verehrung abnöthige. Der Wagen hielt vor dem niedrigen Haufe RabbahS. Die Läufer hatten an die kleine Pforte dreimal mit ihrem Stabe geklopft und sie geöffnet. In demselben Augenblicke erschien Rabbah in ihr, um den Fürsten würdig I zu empfangen. Seine Erscheinung war so imposant, daß alSbald die Menge gänzlich schwieg, indem sie voll Neugierde auf die Begegnung der beiden bewundenen Männer schaute. Mar-Ukbau stieg auS dem Wagen herab, und sofort zeigte sich der Gegensatz, der zwischen den beiden Männern in ihrer Aeußerlichkeit bestand. Mar-Ukban war von kleiner Gestell und dabei nicht einmal zierlich gebaut. Sein Gesicht, seine scharf,« blitzenden Augen verriethen eine außerordentliche Klugheit; aber e» fehlte ihnen der Ausdruck der Hoheit und Güte, die au» dem Antlitz RabbahS so unverkennbar strahlten. Vielmehr glaubte man den feinen, zusammengekniffenen Lippen, dem spitzen Kinn, der scharfkantigen Nase de» Fürsten eher List und Schlauheit abzjusehen. Mar-Ukban war schon alt, aber noch sehr beweglich, und mit Leichtigkeit stieg er von seinem hohen Sitze und schritt auf Rabbah zu. Dieser neigte sich zu dreien Malen ehrerbietig vor dem nahenden Fürsten; der Resch-Glutha aber umarmte den Wftsen und küßte ihn; o«f jede Wange. AlSbald traten die beiden Männer in da- Hau» ein, die Pforte schloß sich, der Zug kehgte atzf demselben Wege, auf dem er gekommen, zurück, und nur einige Läufer und Bogenschützen hielten die Straße besetzt, auder sich auch die Menge nach und nach verlief; Rabbah führte seinen Gast in daS kleine Gemach, au» welchem Abajr sich entfernt hatte, und ließ sich mir ihm auf dem Divan nieder. Nachdem die üblichen Begrüßungen vorüber und da» Gespräch sich über gleichgültigere Dinge eine Zelt lang fortbewegt hatte, frug Mar- Ukban seinen Wirth, nachdem er im Zimmer umbergeschaut: „Rabbah', ist kein Lauscher in der Nähe?" Der Angeredete schüttelte da» Haupt und erwiederte: „Wo der Resch-Glutha und Rabbah weilen, bleibt Jedermann schon auS Ehrfurcht so weit entfernt, daß unser Wort sein Ohr nicht zu treffen vermag." „Nun, Mar-Ukban", fuhr er fort, „ich weiß, daß nur ein sehr wichtiger Grund e» sein kann, der den glanzvollen Abkömmling de» Gesalbte« d,S Herrn (König» David) bewog, mein niedere» Dach zu besuchen, selbst dann, wenn ihn öffentliche Angelegenheiten nach Pumpaditha gerufen." „Du hast Recht", antwortete der ErilSfürst, „aber noch offener bekenne ich Dir, Rabbah, daß ich ganz allein um Deinetwillen nach Pumpaditha gekommen, und dieser Besuch der einzige Grund meiner Reife ist." Er hielt inne, gleichsam um die Wirkung dieser Mittheilung erst zu beobachten. Allein Rabbah hatte zu viel Gewalt über sich, um auch nur Erstaunen über diese», allerdings nie dagewesene Ereigniß kund zu thun. Denn in der That standen früher die GefetzeSlehrer, selbst die Häupter der großen Lehrhäuser in Babylonien noch nicht in dem Ansehen, um sie im Entferntesten dem Resch-Glutha gleich zu stellen. Erst durch RabbahS unermeßliche Einwirkung auf da» Volk war ein neuer Glanz über die Lehrer und ihre Jünger aufgegangen. Rabbah gab daher nur so viel Dankbarkeit und Würdigung der ibm gewährten Ehre zu erkennen, wie die Höflichkeit erforderte. Er schloß darum seine Erwiederung mit den Wotten: „Und nun. Herr, wa» hast Du Deinem Diener mltzutbeilen? — Alle» was» ich vermag, steht Dir zu Gebote." jlSortte»»»g folgt.) l

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