Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 27 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
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p -- 106 Und wenn <» die heiligste, die beglaubteste Sage ist, dürfen wir vor ihr die Hände in den Schoß sinken lassen, und machtlos uns ihr hingeben? Wem stehen mehr Mittel zu Gebote, die Reichthümer der Welt oder wenigsten- Wohlhabenheit in gerechtester Weife ju erwerben? Wer verdient sie mehr, alS der unermüdliche Rabbah mit seiner rastlosen Thätigkeit und unerschöpflichen GkisteSsülle? Wer wsirde einen besseren Gebrauch davon machen, alS Rabbah, dessen Herz voll Barmherzigkeit gegen jedenleidenden Bruder ist. und defftn scharfe Einsicht am besten weiß. waS zu schaffen und> zu begründen nvthwenbig ist? Aber Du weist jede Gabe, jede Belohnung Deiner Anstrengungen, jeden Ersatz für Deine Thätigkeit hartnäckig ab.". ,.O. Abaji —" rief^ Rabbah aus. upb.erhob sich von seinem Sitze; „also auch Du mißverstehest mich? auch Dir ist nicht aufgrgangen, wameine Absichten, meine Plane, meine Triebsiedern und Ziele ßnd?! Abaji, als ich von Judaa auSgeivandert und daS erste Mal in diese Gegend gekommen war, alS ich die großen Städte begrüßte, in welchen sich Tausende des versprengten Israels, gesammelt, als ich die weiten Landschaften sah, welche von meinen StammcSgenossen mit Fleiß bearbeitet und in'^Ueberfluß bewohnt waren, da wallte mein Herz vor Freude über, denn ich erkannte, daß eS das Werk der Vorsehung sei, Israel Luch jn der Zerstreuung nicht untergehen zu lassen, sondern ich Osten emporzubringen, wenn eS im Westen gesunken, ich'Norden zu heilen, wenn eS im Süden verwundet wordien. Als ich aber bei nährrer Bekanntschaft die Unwissenheit gewahrte, in. welche das Volk versunken wap, die Finsterniß, die sich darüber gelagert; alS ich tausendfach beobachtete, wie die Leute von den Speisegesetzen nichts wissen, von den ReinigkeitSgeboten nichts halten, vom Eabbach waS zu thun und zu lassen keine Richtschnur haben, «ie auch die Unstttlichkeit tief eingewurzelt, von Zucht und Keuschheit in den meisten Häusern.wenig Spur, wie die einen Väter .ihre Töchter um Lobn und Geschenke verhandelten, die anderen Jünglingen und Jungfrauen jeglichen Umgang mit einander gestalteten — da, Abaji. gelobte ich mir mit den heftigsten Schwüren, alle meines Kraft anzuwenden, um riese Uebel gründlich zu heilen, mein ganze- Leben dem Streben zu weihen, in dieser Gegend, in diesem von Gott gesegneten Lande Lehre unh Gesetz, Zucht und Sitte heimisch zu machen. Ich folgte der Einladung meiner Brüder und ging noch eiumal nach Judäa zurück, um mich noch mcbr zu diesem großen Vorhaben zu befähigen und zugleich mir den Ruhm zuverschaffen,^dcr mir in Babylonien die Wege zum Herzen des Volkes ebnen, und welcher allein vom heiligen Lande auSgehen konnte. Alle-, waich erlebte, bestärkte mich in meinen Entschlüssen. ES ist nur zu gewiß, ra- Land unserer Väter gebt einer schlimmen Zukunft entgegen. Die Religion der Nazarener beherrscht daS römische Reich, und geht darauf auS. durch den weltlichen Arm daS Judenthum, nicht zu verdrängen, sondern zu erdrücken, zu vernichten. Das Joch lastet so schwer auf uns in Judäas daß der Geist sich nicht mehr frei aufschwingen kann; ich sehe voraus, nui noch kurze Seit, und die Lehrhäuscr weiden dort mit Gewglt geschlossen und vielleicht alle Söhne! unseres Volkes auS ihrem Heimathlande vertrieben. Soll darum unsere heilige Lehre zu Grunde gehen? Nein, gerade daS Gegencheil! Hier, in de« Lande, wo unser Vater Abraham, der Erste zur Erkenntniß kam. in dem gesegneten Lande deS Phrath, soll ein neues Israel erblühen, hier soll die Sonne der Lehre aufgeben, wie nie zuvor, daß ihre Strablen alle Hütten der Zerstreuten erleuchten sollen, bis zu den vier Säumen der Erbe! Zu so großem Werke. Abaji, gehören aber große Anstrengungen, außerordentliche Mittel. Die Gelehrten allem machen eS nicht, sondern daS Volk. In diesem muß das Gesetz wie eine Ccder um daS FelSgestein seine Wurzeln fest und unauflösbar schlagen. Noch ist dies Volk bereit, noch hört es auf die Stimme des Lehrers, noch trifft das begeisterte Won mitten in dessen Herz. Wer steht es nicht» überall gebärt sich ein neues Wesen. In Rom hat daS Christenthum dir alten heidnischen Götter überwunden; hier har sich die Religion des FeuerS mit neuer Kraft erhoben. nichiS Anderes neben sich duldend; aus dem Süvlande hören wir, daß unter den Jkkum (den Anbetern der Sterne) neue Lehren erst,h^w und Dahn brechen. Da muß auch daS Judenthum sich wiedergebären. Und wie? Nur durch die Heilighaltung deS Gesetzes, nur durch vie Feststellung desselben für alle LebenSverhälnnsse, daß der Jude sich anders sieht und anders handelt wie die Völker, unv in Allem, was er sieht und handelt, den Dienst des Ewigen unv Einzigen bethätigt. Nur dadurch kann er im Gewühle der Völker bestehen, im Gedränge der Meinungen und Religionen, die alle eine Herrschaft üben durch den Weltlichen Arm — nur daS Juventhum ist daS Beherrschte. Sieh, Abaji, dies waren meine Ansichten, mit welchen ich auS Judäa zurückkehrte, dies meine Absichten, mit , welchen ich an daS jüdische Volk in diesem Lande herantrat. Auf die von meinen Vorgängern schon vorbereiteten Grundsteine wollte ich ein Lehrhaus errichten, in welches sich die auS Judäa verjagte Lehre flüchten könne, und den Ausbau deS Gesetzes vollenden, unter dessen Dache daS Volk gesichert wohnen könnte für lange Zukunft hinaus. Wie ver»vchte ich aber dies? Allein dadurch, daß ich dem Volke ßie Ueberzeugung gab, baß eS mir um keiner persönlichen Wohlfahrt, um keines Lohnes, sondern allein um des Volkes und res Glaubens willen zu thun sei. Wie? Hast Du nicht meinen Vorgänger R. Huna Ben Cbijah gekannt, der für seine vierhundert Zuhörer, so groß war sein Reichthum, vergoldete Sessel bereiten ließ? Die Schätze hatte er durch die Zollpacht gewonnen, und man mußte ihn nöthigen, entweder diese ober seinen Lehrstuhl aufzugeben. WaS hat er bewirkt? Daß die Metidta von Pumpaditha in Verfall gerieth, und daS Volk sein Anseben nicht gelten ließ. Nein! an dem Lehrer des Judenthums darf kein Makel haften; nicht Habsucht, nicht Herrschsucht dürfen alS die Triebfedern seine- Handelns, als die Gründe seiner AuSsxrüchc erscheinen. Je reiner sein Charakter sich darstellt, je glanzender feine Tugend und Gottesfurcht strahlen, desto williger folgt ihm die Masse» desto' mehr hängt seine Schülerschaar an seinem Munde!" Rabbah hatte sich wieder auf seinen Sessel niedergelassen, seine Arme kreuzten sich über seine Brust, sein Haupt senkte sich voll tiefen SinneS. .Dennoch wagte eS Abaji nach einer längeren Pause mit sanfteiu Tone daS Wort wieder zu ergreifen: „Meister, Du hast mit bewunderungswürdiger Kraft Deine Grundsätze verwirklicht,,