Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 27 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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A Zur Jüdisches Volksblatt Retehrung und Unterhaltung auf jüdischem gebiete. Herausgegeben von » - Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Magdeburg. Mo. 27. 1859 ] Ben dieser Zeitschrift erscheint wöchentlich eine Nummer. Prei» de» J«hr» gang« l Lhlr. Btenteliächrig 7>, Ngr. «kle Buchhandlungen, Postimter und Zettungrexpeditionen nehmen Bestellungen an. [6. $ahrg. 3. Quartal.] Rabbah. Eine Erzählung au» dem vierten Jahrhundert. Eortsetzung an» Nr. »».) „Als ich zum zweiten Male", führ Rabbah fort, „auS Judäa hierher zurückkehrie, fand ich Dich, mein Äbaji, als Waise vor. unter dem Schutze Deiner Base Mirjam. Dein Vater Cajlil Halle Dich der Obhut seines Weibes hinterlassen, de»r aber die göttliche Vorsehung diesen Beruf nur kurze Zeit ließ. Auch sie schloß bald darauf die Augen, und wenn Deine- VaterS Schwester nlcht gewesen. hättest Du in zartem Alter untergehen müssen. Die Hingebung, welche Dir Mirjam erwieS, und dle Klugheit, mit der sie Deinen früh erwachten Geist zu verstehen und zu leiten wußte, gewannen ihr meine Ach. tung und — meine Hand. Vielleicht war dieS übereilt von unS Beiden, vielleicht haben die Stürme, die seitdem über unsere Häupter ergingen, nachtbeilig auf daS Gemüth meiner Gattin gewirkt — im Grunde ihrer Seele ist sie sehr brav. Nun. ich bin Dir bis jetzt yur als-Dein Lebrer und Führer erschienen — Du sollst jetzt auch einige Blicke in mein' Leben werfen. „Du hast gelesen, mein Sohn^ ft» Buche deS Propheten Scbemuel, waS dem Höhenfester Eli geoffenbart worden. Weil er wußte, daß feine Söhne sich Fluch zuziehen würden, und er ihnen nicht gewehrt, sollte eS ihm zwar niemals fehlen an Nachkommen, aber ein dreifacher Fluch sollte auf ihnen lasten auf immer: erstens, eö sollte kein GreiS sein in seinem Hause alle Zeiten, und zweitens, wer übrig bleibt von seinem Hause, sollte kommen und sich bücken um eine Bettelmünze SilberS, und endlich, vor ihm soll sich Liebe wandeln in Haß, und Haß in Liebe, das, waS ihn lieben sollte, wird ihn hassen, und waS ihn hassen sollte, wird ihn lieben." (Schemuel, Cap. 2.) „Ein schrecklicher, furchterregender Bann!" „Ja, denn ein kurze- Leben vor sich zu haben, selbst für daS größte Streben, und mit den Nöthen der Armuth kämpfen zu müssen, während der Geist deS Höchsten und Edelsten voll ist. daist ein barteS LvoS — doch daunseligste, den Kampf mit dem Haffe und — mit unzeiriger Liebe bestehen zu sollen!" Rabbah seufzte tief auf. ..Nun. Abaji, ich bin vom Geschlecht« diese- HohenpriesterS Eli, und wenn ich diese weißlinnenen Kleider alS Abzeichen der Cohanim trage, so schlägt doch ein traurige- Gemüih darunter ob dem Fluche, dessen Zeugen sie auch sind." „Aber. Meister — verzeih, wenn ich mich zu äußern wage — ist eS denn, ganz recht zu glauben, daß der Gott, von dem eS heißet: „er ist gütig Allen, und seine Barmherzigkeit reichet über alle Wesen", von dem wir täglich beten: „er verzeihet gern", daß dieser seinen Zorn über die Sünden Einzelner viele Jahrhunderte andauern lasse? Dom Sinai sprach' er: „er ahndet die Schuld der Väter an den Kindern bis lndritte und vierte Geschlecht" — aber seit den Tagen de- Hohenpriester- Eli sind an fünfzig Geschlechter über die Erde gegangen; wie sollte der Gott der Gnade da stoch zürnen?." „Wie, Abaji, hast Dg eS nicht gehört? Col hajamim, alle Tage., sprach der Bote de- Herrn zu Eli, und waS sind .fünfzig Geschlechter vor dem schrecklichen Worte: „alle Tage"?! , ujnb weißt Du, ob nicht von den fünfzig Geschlechtern immer wieder, gesündigt worden, daß da- Gericht Gottenicht mlfhören konnte davor? ob sie die alten Vergehnngdn nicht immer wkrber^erniunten, daß auch die Strafe deS Herrn sich erneuern mußte? O, lieber Sohn, man sieht Bieleim Leben, waö der Verstand nicht. begreift und mit seinen Paar Vordersätzen nicht zusammenreimen kann, und eist doch so.. . Ich bin geboren in dem Städtchen Mamal ln Judäa. Ach, wenn Du die Straßen von Mamal durchwanderst, wunderst Du Dich ob der vielen schwarzen Lockcnhäupter, denen Du begegnest — silbernes Greifenhaar suchst Du vergaben-; denn die Stadt ist fast nur vom Gefchlechte de- Priesters Eli bewohnt, und daS kennt „keine.Greise in feiner Mitte". Ich habe drei Brüder: Samuel. Aschaja, und Chananjah, 'ach, drfi herrliche Männer — aber sie sind arm, und ^müssen sich „bücken um eine Bettelmünze SilberS." Sie, die auS dem Borne der göttlichen Lebre so tief geschöpft. die Meister im ParadieSgarten der Agava, müssen sich von Schuhmacherarbeil nähren, und zwar, weil die Armen von Mawgl wenig' der Sandalen bedürfen, für Duhlvirnen. Aber ihr Sinn iss keusch und rein, Niemand kann ihnen auch nur einen unerlaubten Blick nachsagen, man nennt sie darum „die Heiligen de- Lande- Israel". Und nun, Äbast, hast Du nicht eben eine Scene erlebt, die Dir genügend zeigt, wenn Du enicht seit Jahren wüßtest, daß an hem Dann der Armuth ich hinlänglich Theil habe. und hast Du nicht auch gesehen, daß, was mich lieben sollte, Mich hasset-waden dritten Bann betrifft, der Tod, er wird schon nicht au-bleiben." Beide Männer schwiegen eine Zeit lang. „Wohl, Ohm", beganst Abaji wieder, „eS kommt nicht mir zü, zst zweifelst., Abeis ist' enicht des ManneS Pflicht, mit allen erlaubten Mittelst sein Mißgeschick zu bekämpfend