Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 26 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
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103 neuen Herrschern 'nickt gefiel. Sie durchzogen mit dem ' Siegesschwerte das jüdische Babylonien; als dieses ihnen! aber keinen Widerstand leistete, sondern sich willig unterwarf, nahmen sie den Juden nur das Recht der peinlichen Gerichtsbarkeit und entfernten sie auS allen StaatSämtcrn, ließen sie aber, außid kleinen Plackereien seitens der schwärmerischen Priester, ruhig gewähren. Bald trat selbst Gunst und Freundschaft an die Stelle der augenblicklichen Abneigung. Die Chebrin erkannten dieselbe Feindschaft gegen die Römerherrschaft in den Juden, und der folgende König. Schabur I., berief sogar die damaligen Lehrhäupter der Juden Mar-Samuel und Rab- ^hah bar Nachmani häufig an seinen Hof. und beehrte sie mit seiner Hochachtung so sehr, daß Mar-Samuel, dieses Gefühl theilend, als der König auf seinem SiegeSzuge in der Hauptstadt von Kappadocien 12,000 Juden batte niederhauen lassen, weil sie ihm hartnäckigen Widerstand geleistet, nicht einmal Trauer um sie anlegte — wohingegen Schabur ihn versicherte, baß er außer diesem Falle niemals jüdisches Blut vergossen habe. Doch verlassen wir den Hügel am Ufer deS Euphrats, steigen hinab auf die breite Landstraße, die nicht weit von ihm vorüberläuft, verfolgen sie mitten durch den Strom der Kommenden und Gehenden, bis wir die offenen Thore des stattlichen Pumpaditha erreicht haben. . II. Unter den kleineren Häusern von Pumpaditha war eS vielleicht das kleinste, durch dessen niedrige Pforte wir jetzt cinschreiten. Nach der Straße zu zeigte es nur eine graue Mauer, aus Bruchsteinen aufgeführt, von der der Mörtel längst herabgefallcn. Nur eine einzige kleine Fensteröffnung. von der das Drathgitter herunterhing, zeigte sich über der Pforte. Don den. Kragsteinen deS platten Daches hingen Schlingpflanzen und Epheu, die üppig gewuchert, herab. Alles verrieth die Armuth, die in dem Hause herrschte. Durch einen kurzen dunklen Gang gelangen wir in ein kleines, aber helles Zimmer, daS nach dem Hofe hinausging. Die Gerathe in demselben waren wenige und von schlechtester Beschaffenheit. Ein Divan an der einen Wand des Gemachs mit einem verschossenen Teppich belegt, ein hölzerner Tisch und einige Sessel gleicher Art waren Alles, waS man in demselben erblickte. Nur lagen auf dem Tische einige Pergamentrollen und Bände, die in damaliger Zeit von hohem Werthe waren, sowie sonstige Schreibmaterialien. Dennoch vergaß man schnell der Armseligkeit dieser Umgebung, > wenn man auf die beiden Menschen sah, die sich in vem, Zimmer befanden. Sie waren beide in tiefes Stillschweigen versunken; im Angesicht beider sprachen sich Trübsinn und tiefe Sorgen aus. Aber welche Schönheit, welch' Adel war über den Mann auSgegoffen, der vor dem Tische saß. Eine mächtige Gestalt, und dennoch von ieinstem Ebenmaße, königlich, imponirend, war er ganz in schneeweißes Linnen gekleidet/ und von einem eben solchen Gürtel umschlossen; ein gleichfarbiger Bund umgab das Haupt und die hohe, breite Stirn, und unter diesem Kopfbunde quollen lange, schwarze Locken bis auf die Schultern hernieder. Das etwablaffe Angesicht war von schwarzem Barte umrahmt, der dann breit und voll über die Brust bis an den Gürtel herniederwallte. Die großen feuersprühefiden Augen, die Äm^rnase, der feine^ und doch volle Mund, daS edle Kinn. ofts Alleflößte.. dem Beschauer ein Gefühl der Hochachtung, ja der Der-« ehrung ein. Es war daS Antlitz eines tiefen TenkerS, eines beherrschenden Geiste-, der viel gerun'geo mir sich und Anderen, und stetgesiegt, der sein Ziel klar schaute und mit vollem Bewußtsein verfolgte. Don ihm ging wie ein Lichtglanz durch daS Zimmer aus, der die Dürftigkeit in demselben bedeckte: man glaubte vor einem Herrscher zu stehen, dessen Majestät nicht von der Pracht der Umgebung abhängig ist. Etwas entfernt von diesem Manne, der hoch in den Dreißigen zu stehewschien. lehnte ein Jüngling schweigend an der Wand zwischen den beiden Fenstern deS Gemachs. Auch in seiner Gestalt und feinem Angesichte sprach sich Adel und hohe Gesinnung aus, die fich hier mst dtr Liebenswürdigkeit der Jugend verschmolzen. Aber er reichte nicht hinan an die Größe des Mannrs, aus welchen er mit tiefer Ehrfurcht blickte. Plötzlich wurde die Stille, die in dem Gemache herrschte, durch eine kreischende Stimme unterbrochen, welche vom Hofe het dem Gemach sich näherte. Die Thür ward aufgenffest»Kd ein Weib in vernachlässigter Kleidung, mit leidenschaftlichen Geberden drang stürmisch ein. Sie war ücherych noch nicht aus den zwanziger Jahren hinaus, aber die Spuren früherer, großer Schönheit waren durch die Leidenschaften, denen sie unterworfen, und durch die Vernachlässigung, die sie fich zu Schulden kommen ließ, wenigstens in diesem Augenblicke fast ganz verschwunden. „SRun, f$iu sie. „sag' mir, wovon ich heute den Hunger der Kinder stillen soll, von mir und Dir gar. nicht zu reden? Man sagt zwar, in Pumpaditha - einen Korb voll Datteln um einen Denar, aber wenn man den einen nicht im Hause hat, giebt'S auch nicht eine einzige Dattel. Wahrhaftig, wahrend in Rabbi,Chasdah'S Hause die Hunde mit Waizenmehl gefüttert weiden, habe ich für Rabbah 'und -seine Kinder nicht einmal Gerstenbrot zu reichen. Und ^wessen Schuld ist daS? ist es nicht Deine Hartnäckigkeit, Dein Stolz, der jede Gabe, jede Belohnung zurückweist? der für Alle arbeitet und Niemanden für sich arbeiten lassen will? Ich lobe mir den Stolz, wenn er sich a^uf Reichthum oder doch auf Wohlhabercheit stützt — aber Bettelstolz ist der schlimmste von allen..." Die Frau hätte ihrem Derdruffe wohl noch lange Luft gemacht, wenn nicht l er Mann den Arm gebieterisch ausgestreckt und mit Ruhe dle Worte gesprochen hätte: „Still Mirjam, der Llesth-Glutha Mar-Ukban wird bald hier sein, und ich werde mit ibm von der augenblicklich gänzlich geleerien Schipura (Lehrhauskaffe) sprechen.^ „Der Resch-Glutha hierher? unter dieses niedrige Dach? Träumst Du, Rabbah?" fuhr das Weib aus, und da sie den Ernst in den Mienen ihres Mannes fab, eilte sie auS dem Zimmer mit dem Rufe: „Nun, bann wird mir der Bäcker Heute noch Brot leihen!" Ein Seufzer entftchr der Brust Rabbah's. Aber er wurde noch übertönt von dem Seufzer deS jungen Mannes, der, wie empört, sich aus seiner ruhigen Stellung erhob und imige Schritte dem Tische näher trat, welchem Rabbah saß. „Verzeihe, Meist«, und Oheim» wenn ich es wage, *