Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 24 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
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Obgleich ,» gerade meist ziemlich rohe Gesellen waren — denn der Ton in unserer Schule war unter der langen Herrschaft eine« steinallen Rector» sehr gesunken — so konnte ich mich dem doch nicht entziehen, obschon ich wenig von dem genoß, wa» sie für mein Geld mit verschwelgten. Rach beendigtem Gelage wollten sich die angetrunkenen Zungen einen ..Ion,»" macken, und dazu schlug einer vor. durch die Zudengaffe zu ziehen und seinen Uebermuth an deren Bewohnern auSzulaffen. Wir Neulinge mußten mit. Zch hatte diesen Stadttheil nie betreten. Ein innere» Mißbehagen hatte mich davon zurbckgeh alten. Unsere Rotte langte auf dem Sckauplatzr ihrer Thaten an, und unter Schimpfwörter«. Spvttliedern u. dgl. drangen sie in die enge Gaffe, lasen Steine aut, warfen sie in die Fenster, in die dunkelen Läden, und Alle» floh vor ihnen. Siehe. 'La flog von einer nahen Ecke auch in unseren Hausen ein Stein herein mck ttaf einen der Heuptlärmer tüchtig auf den Kopf, daß er blutete. Nun gab e» Wuthgefchrei, man lief dem Knaben, den man al» Urheber ertappte, nach, holte ihn ein> und der Getroffene holte eben mit seinem Knorenstoct au.», um den unglücklichen Zungen niederzusckmetlern, als dieser in Tode»angst rief: „Erbarmen, Erbarmen, seid Menschen, ick bin ja auch ein Mensck! Zhr habt meinen Dater getroffen!" Da rief e» plötzlich in meiner Seele auf: „Du bist auch ein Mensch? Mehr noch. Du bist ja auch ein Zude, und' willst Tick Deines Brudernicht annehmen?" Schnell sprang ich hinzu, hielt den Arm de- Schläger» mit der Rechten fest, und schleuderte mit der Linken den Zudenknaben in die offene Thür eine- Hause», die sich rasch hinter ihm schloß. Meine Genoffen waren erstaunt, überhäuften auch mit Borwürfen und ' Drohungen. Allein sie waren doch etwa» nüchterner geworden, und da sich eben an der anderen Straßenecke einige Polizisten, von. den Juden berbeigeholt, zeigten, machten sie schnell kehrtum, und verliefen sich -nach Hause. „Mit diesem Augenbj1Af"«bor e» in mir klar geworden. Al» ich bald dabqus^üHause war, forschte ich in meine» BaterS Bucke, in welches er alle seine Begebenheiten und Studien notirte, nach, und fand den Namen jene» Juden, der meine Eltern auS dem Feuer gerettet. Er hieß David Mofe», und so bin ich Salomon MoseS, so weit ich als Doppelmensch Jude bin." Mein Erstaunen war mit jedem Worte meine» Begleiter» gewachsen/und ich wußte kaum etwa» zu erwiedern. ..Aber ich bitte Sie", sagte ich endlich, „daS scheint mir doch nicht» weiter al» eine unglückselige Einbildung, von der Sie Ihre Vernunft und, schon al» Theologe, der Hinblick auf den allgütigen Schöpfer, der jede» Wesen in seiner Art einheitlich und vollkommen geschaffen ■, befreien sollte." »Ach. wa» Sie da sagen", fuhr mein unglücklicher Partner fort, „habe ich mir oft gesagt. Aber, wer sind Sie. wer bin ich, um die Wege Gotte» überschauen zu können? Kennen wir un», kenne» wir alle Menschen so genau, um sogen zu dürfen, Gott hat so Etwa» nicht geschaffen? Lehrt un» nicht die Natur, daß er alle möglichen Arten von Wesen hervorgebracht hat, warum also nicht auch solche „Doppelmenschen", wie ich einer bin? Wissen Sie. weiß ich, wie viele solcher Unglücklichen umhergehen, nur daß sie ihren Mitmenschen ihr Weh verbergen, wie ich e» thtte, wie ich ,» bi» zu diesem Augenblicke rhat? Ach. der Einzige, zu dem ich noch also hätte sprechen können, ihn deckt^da» Grab, meinen theuern Vater — aber wie Hälse ich ihn damit betrüben sollen?.' Seitdem siehe ich ganz «llein. und ttage da» Doppelwesenstill leidend in mir umher..." Er bedeckte sein Angesicht mir den Hänrer, und Thriänen quollen itm hervor. Zch war voll Mitgefühls. „Aber",'redete ick ihn noch einer Pause wieder an, .^>us welche Weise äußert sich denn diese sonderbajre ISrscheinung in Ihnen?" Diese Frage schien wohlthätig zu berühren, da, sie eine Annäherung an.sejjne Phantast, enthielt. »In sehr mannigfaltigier Weise tritt sie in mir ein. au» inneren und äußeren Veranlassungen. E» ist nur Ruhe m mir. wenn ich Dinge betreibe, die für die beiden Menschen in mir gleich interessant sind, ohne den einen ober dsn andern besonder» zu berühren. Studire ich Sprachen. Csasfikrr. Mathematik oder dergleichen, so überläßt sich diesem mein Innere» in Frieden und-mit ganzer Kraft. Aber der Zwiespalt ttitt um so stärker hnvor. sobald uiich Etwa» berührt, wa»^GlaubenSmeinungen betrifft. oder sobald ich in der Welt auf etwa» stoße, wa» . den Christen oder de».Juden berührt. Dann kommen die beiden Wesen in mir ln Streit, ein harter Kampf entspinnl sich in mir. di« Meinung de» Juden hadert wider die^ de» Christen, wa» nur der Verstand, da» Herz, mein Wissen und Fühlen heranbringen kann, um die entgegengesetztesten Lehrsätze und Ansichten zu begründen ober umzustoßen, wird laut in mir, und mit einer Hartnäckigkeit, mit einem Trotz, mit §iner Erbitterung, bi» Alle» in mir wirbelt, und ich ohnmächtig niederstnke. Sie fragen, und doch stvdiren Sie Theologie? Oft schon kam ich in der Thal zu dem Entschluss,', diesem Studium zu entsagen, aber vermag ich e»? Gerade wa» ich siiebe, dahin treibt e» mich um so mehr, wie mit einem Heißhunger ergreift e» der Dämon in mir, um e» nicht lo»zulassvs, bi» ich erschöpft bin. Und trete ick nun unter die Menschen, und höre ich da unter den Christen auf die Juden schimpfen, sie verhöhnen, verlästern, so empört sich mein halber Mensch jn.mir, und will dagegen auffabren und e» Niederkämpfen. Ta» läßt ^tber wieder der andere Theil nicht -- zu und heißt ihn schweigen; denn da» ist da» Schreckliche, daß ich innen keine Versöhnung beider herbeizusühren vermag, sondern daß jeder Theil voll Feindschaft und Dorurtheil gegen den anderen ist und bleibt, trotz ernstlicher Anstrengung. So erging e» mir ja auch neulich bet dem unangenehmen Vorfall mit'Ihnen. Al» ich einige Zelt schwieg, begann der Student wieder: „Wa» soll nun darau» werden? Bei allem meinem Studium kann ich an kein Eramen und keine Stelle denken. Wenn nun bei der Prüfung im Angesichte der Examinatorrn mein Doppelgänger in mir auftrikt, mir meine Heuchelei vorwürfe und seine Argumente. dagegen au»- packte? Kann Ich hoffen ruhig und sicher aus Lehrstuhl und Kanzel zu sprechen, »der wird mich nicht der unselige Wirrwarr ergreife« »ad fick Luft machen? Zch darf e» nicht wagen; und doch drängt die Zeit, und selbst da» Ende meiner Geldmittel «ahnft-mich daran. Wohl, rathen Sie mir. Sie sind ja auch Arzt, haben Sie nicht» von ähnlichen Menschen gehört? Kennen Sie kein Heilmtttrl?..."