Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 24 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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*4 fünfte LiLt, der Duft be» Wasser» und der Felder stimmten unsere Geister zu höherem Schwung. Ich und mein sonderbarer Begleiter hätten zuerst leichtbin über Tagesereignisse uns unterbaltsn; dann, von der Schönheit der Natur betroffen, waren wir in Schweigen versunken, al» mich plötzlich mein Begleiter anbicll, meine Hand ergriff und sprach: ..Ich will 4»; ich will mich Ijdnen mmbeilen; ich will Ihnen offenbaren, was ich bi» petzt al» tiefste» Gehermniß streng in mfin Innere» verschldß und bewachte. Sie habdn gewiß von ßener Lebre alter Völker und ihrer Denker gehört, welche ibebaupten. daß der Mensch nach einander viele Leben auf Erben durchmacht: ich habe e» noch anders erfahren -4ich weiß, daß her Mensch auch zwei Leben auf einmal leben kann. unfD" — hier flüsterte er mir leise ins Ohr — ..ich bin einer dieser Unglücklichen..." Wir waren stehen! geblieben; Sie können sich mein Erstaunen, ja meinen Schreck denken. den ich bei dieser Mmheilung meine» Gefährten empfanv! Sein eigen» tbümlicke» Aussehen. fein sonderbares genehmen hatten nur schon früder eine »nbewußte Furcht eingestößt. Jetzt mußten mir seine seltsamen Worte Grauen erwecken; ich abnte. daß ich es mit einem Geisteskranken zu rtzun; wir standen am jaden Abhang. zu dessen Küßen ver tiefe Kluß rauschte; früher gehörte Geschichten von der außerordentlichen Körperstarke k«fr in Gemüthswirren befangenen -Menschen fuhren mir durch den Kopf; mit einem Stoße konnte er mich in kif Kluthen schleudern und bei der Entfernung und Einsamkeit des Ortes war ich unrettbar verloren. Indessen faßte ich mich schnell, trat einige Schritte vom Ufer zurück, um mtch wenigsten» vor dem ersten Anlauf zu schützen. und zeigte meinem Begleiter nur ein erstaunte- Geficht. ..Sie staunen, mein Herr", dob der Student wieder an; ..sehr natürlich; a»er ich will mich Ihnen ganz offenbaren. Sie sind Israelit, und ein wissenschaftlich gebildeter Mann. Sie haben es in dem jüngsten Vorgang bewiesen, daß Sie rpn ganzem Herzen ein Israelit find und für die Ehre Idfes Glaubens und Stammes selbst den Kampf auf Lebest und Tod nicht scheuen. Anderer» seit» haben Sie Alles > in sich ausgenommen, was Wissenschaft und Bildung pielet und darum bade ich volle» Vertrauen zu Ihnen fiefaßt. Hören Hje. Mein Barer, der vor einigen Jahren verstorben, war ein Landpfarrer in einem entlegenen, einsamen Dörfchen. Mit fremden Mengen kam er nicht viel in Berührung. und seine kleine Düchersammlung wurtze durch neuere Erscheinungen nicht vermehrt. Er! war noch au» der Herder'schen Schule, und daher kam e», daß er viel mehr Gefallen an dem poetischen Schwung, an der' erhabenen Begeisterung de» Alten Testament», al» an dser einfachen Redeweise de- Neuenfand; die Propheten, die Psalmen, da» Buch Hiob machten siin eigentliche» Etjudtum aus, ihnen entlehnte er seine Bilder und Redeweise; er hatte sich de»halb eine große Kenntniß rer hebräischen Sprache erworben, und machrq auch mich frühzeitig mit - derselben bekannt. Er bewachtste da» Alte Testatstent al» die Quelle aller religiösen und fitjtlichen Wahrbeitest. al» den Ursprung aller menschlichen Estiwicklung, und wenn er auch a>» christlicher Pfarrer die Bücher de» Neufn Testamente» alpine göttliche Fortbißdung betrachtete, i so .führte er doch alle Philosophie. RechtSkunde und Politik auf da» Alte zurück. Wa» Wunder, daß er auch ein wahrer Freund der Juden war. Kein größere» Vergnügen hatte der gute Alte, al» wenn irgend ein hausirender oder vagirender Jude sich nach unferm Dörfchen verirrte. Der fand ln der Pfarre ein Nachtlager bereit, eine gute Kanne Milch, Eier u. dgl., wa» der Jude essen durfte. Dafür mußte er zu einer gelehrten Unterhaltung sich hergeben, und selten geschah eS. daß mein Vater nicht irgend etwa» Neue» gelernt oder erfahren zu haben behauptete, und wenn e» der ungebildetste, sonst unwissendste Mensch gewesen. Daber kam e». daß ich mich frühzeitig an dergleichen Gestalten gewöhnte, und meine Mutter erzählte mir, daß e» vor meiner Geburt auch so in unserem Hause gehalten worden. Meine Eltern batten aber noch eine besondere Ursache, ihre Gastfreundschaft gegen wandernde Juden fortzusetzen. Wenige Wochen vor meiner Geburt — ich bin der einzige Sprößling der durch Liebe und Frieden überau» glücklichen Ebe gewesen — al» gerade das Erntefest in der Pfarre gefeiert worden und die fröhliche Jugend sich um Mitternacht nach Hause begeben batte, lag ein fremder Jude in einer Scheuer, weil im Hause kein Platz für ihn gewesen. Eine Stunde spater erhob dieser ein furchtbare» Geschrei und schlug fast die Tbür de» Hauses ein, um die in tiefen Schlaf versunkenen Bewobner zu wecken: e» sei Feuer im Hause und die Flamme schlage schon zum Dache hinan». Meine Eltern schliefen in einer Erkerstube, die. da der Dachstuhl schon brannte, von innen schon ganz unzugänglich war. Da war e» der Jude, der durch Zusammenschleppen von Blöcken und Aufstellung einer Leiter, da Alle die Besinnung verloren hatten, e» meinen Eltern möglich machte, sich zu retten, .wobei er meine Mutter au» dem Fenster hob und sie festbielt, bi» ne den Boden erreicht batte. Meine Geburt wurde hierdurch etwa» verfrüht, und mein Vater um sein kleine» Vermögen gebracht, so daß er seitdem um so eingeschränkter lebte, wenn auch nicht auf Kosten seiner Gastfreundschaft." ..Ich babe Ihnen die» erzählt, um Ihnen den Schlüssel zu dem Rätbsel zu geben, daS ich Ihnen jetzt ganz mittbeilen will. Ich bin einer der Unglücklichen, die zwei Leben in Einem leben, diezwei Menschen in einem Geist und einem Körper "sind: ich bin nämlich Gotilirb Fäfiu», der Stukiosu» der christlichen Theologie, und Galomvn Mose» der Jude, zu gleicher Zeit!"... Ich war bei dieser Eröffnung ganz verblüfft. Mein Begleiter batte so verständig und einfach erzählt, daß ich ihn von jener Tborheit schon abgekvmmen glaubte. Nun stand er da und sprach in feierlichem Tone so bestimmt und bewußt seinen Wahnfinn au» — daß ich vor Erstaunen nur eben langsam die Frage stellen konnte: „Wie so wissen Sie denn da»?"... „Ach!" antwortete der Student, „so lange ich denken kann, dämmert die» in mir. Allein völlig klar ward atz mir bei folgendem Vorfall. Mein Vater hatte mich bi» zu meinem siebzehnten Lebensjahre selbst unterrichtet; dann brachte er mich nach N. auf da» Gymnasium, wo ich sofort jn die Secunda eintral. Nach einem Jahre gelangte ich zur -Prima. Nun war e» Sitte auf diesem, Gvmnastum. baß die neuen Primaner den Abiturienten, die zur Universität abgingen, einen Schmaus geben mußten