Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 24 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4908862-5999350-6000914--1375-4909942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Unglückliche sab mich gespannt an.!ES durchfuhr mich ein Gedanke.! 1 „Hören Sie", sagte ick. ..Kören Sie mich aufmerksam, an. Ich will anncbmen! Allewas Sie mir gesagt, verhalte sich wirklich so. ES mag Mensches geben, die ein zwiefaches Wesen in fflch tragen, Sie! mögen einer davon snn. und gerade vier Doppelmensch sein, den Sie vorgeben. Aber, merken Sie auf. was der Mensch ist, damuß er ganz sein. «Es gefallt mir nlcht. daß Sie die beiden Wesen in fick! so berumvagire^ lasten nach ibrer Lust. Der Mensch bestebk doch überhaupt aus Geist und Körper; aber er ist nur Mensch, lndem er beide zu einer höheren Einbeit bringt. Den Körper kann er nlckt vergeistigen, und den Geist nicht verkörpern; aber beide sind so in einander geordnet, beide wirken so auf einander, gehorchen und regieren einander, daß ne. trotz ibrer Gegensätzlichkeit, zf»» einem Wesen fvurden. So müssen Sie es mit Ihrem Doppelmenschen vsachen^ Warum soll den Gottlieb FLstuS/ der Salomon MoseS, warum .Viesen jener immerfort bekämpfen? Warum sie stch beide feindlich gegenübersteben? Mit Nichten. 'Sind beide in Sie gelegt, so haben Sie den Beruf, beide so zu veretntgen, daß ste stch nicht stch nützen und fördern. Ich hielt inne. um beobachten. „AebnlicheS habe ick so klar, und versucht. < dieerwirken? Dies is beeinträchtigen, ^dern vielmehr die Wirkung meiner Worte zu schon gedacht, n^enn auch nicht der ohne Erfolg.| Wie soll ich die Frage..." j ..Nun gut. Merkeg Sie weiter aufj Sie muffen ,uckt beidezugleich fein* Sie muffen beivie von einander trennen. Sie müssen. »aS Sie gerade ftnd, ganz sein, und dieein für allemal in stch feststellen. Geben Sie Acht: Sie schließen eineti Pact in ssch. un/d halten darauf mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit. ^Denn Sie fick als Gottlieb FLstuS t'üblen, io darf der Salomon MoseS unter keiner Bedingung stch einmischen! und eben so umgekehrt: und um gerecht zu fein, bewilligen Sie jedem von ihnen eine bestimnste Zeit, die gensu innegehalten wird. So und so viele Stunden de- Lagestnd-Sie Gottlieb FLstuS, so und so viele Stunden salomon MoseS. In jener Zeit fühlen und wissen Siestch als Christ, in dieser Zeit als Jude, ujtd richten ibr Tbpn und Treiben danach ein. Zu gleich« Zeit würde ich Ihnen ratben, um hiermit stckerer zum Hiele zu kommen, nach einer Wafferdeilanstalr zu geben, stch einer tüchtigen bydroparhischen Kur zu unterwerfen, um ibren Unreileib in Ordnung zu bringen, und sich von aller Hvpochondkie zu heilen..." Er schwieg, und schien in tiefe- Sinnen versunken. Ick fubr fort: . ..Sie wissest, in der Natur ist Alle« an die Zeit ge< Kunden. Alle- Werden und Alle- -eben hat feine bestimmte Zeit. Wie de^ Herr am vierten Schöpfung-tage da» Lickt an die großen Weltleuchter band, bat er damit allem Daseienden einen bestimmten Zeitraum gewährt. Wohlan, so dürfen die beiden Wesen in Ihnen auch auf nicht» Ändererechnen^ ja. sie treten ibr Dasein eigentlich erst an, indem sie getrennt von einander nur zu bestimmter Zeit er-stiren. Und daran lassen Sie mich noch einen anderen Rath knüpfen. Indem die beiden Menschen also für sich in Ihnen eristiren. suchen Sie jeden von ihnen in seinem Werthe zu ergründen. Denn daS Selbstbewußtsein muß am Ende Herr über beide werden. Wägen Sie ab wer, der Gonlieb FLstuS oder dep Salomon Mose», per Christ oder der Jude in Ihnen mehr wertb sei und Ihrem ganzen Wesen mehr entspreche. Und stnd Sie darüber einig, so vertheilen Sie Ihre Zeit so unter ste, daß dem einen der Tag, dem anderen die Nackt gehöre, dem einen die Sicht-, dem anderen die Schattenseite Ihre» Leben» zukomme. Dann haben Sie gesiegt, indem Sie Frieden und Herrschaft über Ibr zerspaltene» und zerrissene- Dasein errangen, und Gott wird mit Ihnen sein!" So schloß ich meine Rede, mit welcher ick mich selbst in eine tiefe Bewegung hineinqesprochen batte. Der Student hatte zuletzt mit verschränkten Armen mir zugebört. Nach einer Bause fubr er auf. mir der Hand über die Stirn, und sprach mit dumpfem Tone: ..Sie haben mir treulich geratben — Gon wird mit helfen!" und damit schlug er einen Nebenpfad ein und entschwand bald meinen. Blicken." Freund N. schwieg. Alle Anwesenden blickten auf ibn, und riefen wie mir einem Munde: „Nun?" „Nun", fuhr er nach einer Bause fort, ,,ich sah den Unglücklichen erst später wieder." „Wann und wo?" frugen wir begierig. „Als ich nach einigen Jahren die Irrenanstalt in S. besuchte. Er erkannte mich nicht, wieder.. Bon der UniversträlSstadt war V einige Tage nach unserer Unterredung, abgereist, und ich börte nichtwieder von ibm, bis ich ihn in S^ufällig fand. Er war da — unter den Unheilbaren einregistrirt, und ging, sichtlich verfallen, dem Tode mit schnellen Schritten zu. Wie hatte ich auch einen Augenblick an eine Au-gleichung, noch dazu auf künstlichem Wege hoffen können!" Wir dankten dem erfahrenen Arzte; seine Erzählung gab so viel zu denken. Die israelitische Bibelanstalt. (S. Nr. 13 d. Bl.) Dain Nr. 24 der „Allg. Ztg. d. Iudenth." fortgesetzte Derzeichniß der Spenden zeigt bereitdie Gefammtsumme von 1133 Thlr. 16 Ngr. 5 Pf. an. Der Erfolg kann demnach wohl al» sicher angesehen werden, und um so mehr wird jeder Verehrer der heiligen Schrift aufgefordert. werktbätig dafür zu wirken! Allgemeine Zeitung de» Iudeuthum». No. 23. 1859. Leitende Artikel: Magdeburg. — Die israelitische Bibel- Anstalt. — Literarischer Wochenbericht. ZettungSvachrichteu: Deutschland: Frankfurt a. M. — Preußen: Sttttin, Berlin. — Oesternichischer Kaiserstaat: Wien, au» Galizien, Rre»zow. — Rußland: Warschau, au» Rußland. JgjF Zu beziehen durch jede» Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thal«, vierteljäyrüch % Thal«. Verantwortlicher Redakteur: Jt Stäbe. 8«1tt »»> t, U < B»chh«»»tu», i» Leivriß. — Druck »«, >ler»»»«r Sie»« i» Lripziß.