Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 24 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt. Zur Lelehrung und Untergattung auf jüdischem HeKiete. . Hcrau-gegeben von Rabbiner »e. Ludwig Philippson in Magdeburg. riM „. »o, dieser Zeitschrift eichet« »SchnUtich ei>e R»m«n. Preis des Jahr» , n z* , [9to. 24. 1859.] NAR-L.»''..»-» LWL"!"^ *’*'*"' f6- Z^rz. 2. Quartal] Der Doppelmensch. Eine psychologische Skizze. (Schlag an« Nr. 22.)») ES war zehn Uhr Vormittag, als eS an meiner Thüre klopfte. Herein trat der junge Mann, der gestern durch sein sonderbare- Benehmen meine flüchtige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er nannte mir seinen Namen und stellte sich mir als Vertreter meine- Gegnervor. ES war eine eigenthümliche Erscheinung. Seine untersetzte und derbe Gestalt zeigte doch einen vorgebeugten Brustkasten, der vorn etwaeingesunken erschien, und über den der ötopf sich noch mehr nach vorn' niederwandte. Seine Stirn, spärlich von dünnem, hellblondem Haar umzogen, schien fast dreieckig; die Augen, zumeist niedergeschlagen, verriethen eine innere Unruhe, und hinter dem schnellen,' stechenden Blick zeigten sich dann und wann sonderbare Lichter; dabei wandte sich sein Gesicht fast immer von einer zur anderen Seite, alob der Anblick de- Gegenüberstehenden vermieden werden sollte. Die Wangen waren grau, obschon voll, die Lippen zusammengekniffen. Der auffallende Jüngling brachte jedoch eine sehr willkommene Botschaft. Meinem Gegner war. mit der Nüchternheit die Besonnenheit zurückgekehrt. Efand sich, daß er gerade an demselben Tage wie ich promoviren, und dann die Universität verlaffen wollte. Er war der Sohn einer Wittwe, die von ihm Erleichterung ihrer beschrankten Lage erwartete — und nun hatte er leichtsinnig solch ein Geschick heraufbefchworen. Dieerfuhr ich natürlich erst später. Jetzt wurde mir nur mitgetheilt, daß mein Gegner zur Einsicht gekommen, daß er Unschwer beleidigt habe, ohne die geringste Deranlaffung gehabt zu haben, alden kindischen Unmuth, nicht gleich zum Spiele zu kommen. Er halte es für seine Pflicht, feinen Fehler wieder gut zu machen, und obgleich esich von selbst verstände, daß er. fall» ich mich weigerte, SatiSfaction anzunehmen, auf dem Kampftrlatze erscheinen würde, so würde er doch freudig die Hqnv zur Versühnung bieten. Ich stand nicht an zu erklären, daß ich A für eine Todsünde halten würde, seine Entschuldigungen nicht anzunehmen, da die Beleidigung offenbar im Rausche *) Verbesserungen von Druckfehlern in Nr. 22 Sp. 1 Z. 34 *• "dessen Lebhaftigkeit" nicht „«»Wesenheit"; S. 86 Sp. 2 Z. 26 v. u. ..Schlachtfelde-"; Z. 18 v. ». ..Sw» drengenoffe." geschehen. H. solle glch mit Iseinen Gefährten von gestern um eine bestimmte Stunde in demselben Kaffeebause ein» sinven, ich wolle mit den meinigen kommen, und wenn dann H. erkläre, daß er nur mit Bedauern an die Be« leidigung denke, dje er mir üngetban. und baß er sie gern zurücknedme und mir seine Achtung bezeuge, so wollten wir Alle de- Geschehenen ve^geffey. ES wurde acceptirt und mit allem Anstande au-» geführt; darauf kamen eitrig^ Flaschen Wein, welche unfehr^heiler stimmten uyv [ unS vertraut mit einander machten. Ich.bot meinem Gegner an. unser Duell wenigstenim Prqmottonksaale au-zufechten, und esollte ein ehrlicher ökampf^werden mit gleichen Waffen, ich wollte seine Differtstirn nicht vor der angesetzten Stunde ansehen, er dir «eite Nicht. Mein Gegner aber kraute sich hinter dem Ohr^r und meinte, die Waffen würden nicht gleich sein, denn er hätte schon gehört, daß ich ein guter Lateiner sei, d:r von der Leber Herunterschwatze. während erein mordschlechter, der über dacorpus juri* und . die Pandekten die Cicervnianischen Perioden vergessen habe. Nun, ich gab auch diesezweite Duell auf, und wir trennten unö. ohne. unaußer einem flüchtigen Begegnen am- PromorionStage, jemals wieder gesehen zu haben. Ein Änderewar es mit dem ivngen Manne. Er batte sich schon an dem Tage jener Aussöhnung zutraulich an mich geschloffen, und sich, soweit er seinem sonderbaren Wesen nach dierhun konnte, offen und freundlich gezeigt. Ich war immer gewohnt, solchem Entgegenkommen mich nicht zu entzieben. und hier kam noch eine eigenthümliche Änziebung hinzu, "die diesepsychologische Räthsel auf mich äußerte. Man war. waS er rhat und sprach, niemals auf dagefaßt, was erfolgte, denn eS trat meist der grellste'Widerspruch und unvermittelt und unveranlaßt hervor. Man war jede- Mal überxgfcht, weil man eS nicht verwuthete und auch nicht begriff, da eine böse Absicht, eine bewußte- Spiel sich durchaus nicht verrieth. Ich fab edaher gern, aler mich um die Erlaubniß bat. mich öfter besuchen zu dürfen, und die Gelegenheit sogleich epgriff, mir einen Abendspaziergang anzubieten. ES war ein schönet lichter Abend, und nachdem wir den prächtigen Park durchschritten, der sich im Westen der Stadt au-breitet, gelangten wir an da- Ufer deruhig strömenden Kluffe-, über dessen Wellen der Mond seinen Silberschimmer warf. Wir folgten L seinem Saufeauf einem bequemen Pfade, und die Milde der Luft, da-