Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 21 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4908862-5999350-6000910--1359-4909929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Blumenlese. Luszüge von Erzählungen, Gleichnissen. Gedanken und Meinungen. wie Erllärungen von Schriftstellen aus hebräischen Werken. Pon Joseph Rawic; in Breslau. Alerander von Macedonien, seiner Eroberungen Halter vcr Große genannt, prüfte und erforschte, von Ruhmbegierde brennend, öfter« die Meinungen seiner Zeitgenossen über Größe und Achtung, um dadurch zu erfahren, was sie von seinen Kräften, Vorzügen und Verdiensten hielten. Einst unterhielt er sich in dieser Absicht mit jüdischen Weifen und leitete das Gespräch mit Fragen über vaS Universum ein. „Welcher Zwischenraum ist größer, der zwischen Ost und West, oder der zwischen Himmel und Erde?" „Dein Scheine nach der zwischen Ost und West." Der Beweis?" ..Wenn dte Sonne im Osten oder im Westen erscheint, kann man sie betrachten, nimmt sie aber in der Höbe der Himmelsräume ihre Stelle, fällt die Betrachtung schwer." „Ihr sagtet, dem Scheine nach, laßt sich denn etwas gegen den Beweis einwenden?" ..Ja wohl; die mögliche Betrachtung der Sonne am Osten oder Westen kann davon herrühren, weil bohk Berge den Lauf der Strahlen hemmen, während das Sonnenlicht am Mittag überall bhne Hinderniß durchdringt." „Ist rer Himmel oder die Erde zuerst erschaffen worden?" ..Die Schrift nennt zuerst den Himmel." „Ging in der Schöpfung vaS Lichr der Finsterniß voran, oder umgekehrt?" „Brechen wir hierüber di« Unterhaltung ab. Du könntest unS über den geheiinnißvollen Gang der Schöpfung eine Reihe von Fragen vorlegen, zu deren Lösung der menschlicke Verstand umsonst taö unermeßliche Feld möglicher Antworten durchstreift, er bringt'ö zu keinem Resultate, gelange es auch irgend einer gewonnenen Muthmaßung einen Anstrich von Bestimmtheit und Evidenz aus der Bibel zu geben; der Forschungsgeist soll sich an dem nicht versuchen, dessen Dunkelheit zu enthüllen nichts zu seiner Glückseligkeit beiträgt:" „Wer wird für weise gehalten?" „Unsere Sinenlehre nennt den einen Weifen, der bei jedem Unternehmen auf vle Folge sieht. Diese Ueberlegung veranlaßt, die Dinge, nach welchen wir streben, nach ihrem wahren Werthe zu beurtheilen, und sie gemäß ihren Verhältnissen gegen uns zu achten; diese Ueberlegung veranlaßt nichts zu suchen, .was nicht zu finden ist, oder es nicht du zu suchen, wo eS nicht gesunden werden kann: diese PorauserwLgung lehrt uns den Schein von der Wahrheit, die Gestalt vom Wesen, das Mittel vom Zwecke unterscheiden, und jede Sache für begedrungSwürdig oder für gleichgültig halten, je nachdem die Rücksicht auf ihre wahre Beschaffenheit und' den Umfang ihrer Folgen eö gebietet; die Unterlassung dieses Nachdenkens ist eine Quelle von Kummer und Reue über feblgeschlagene Hoffnungen und vereitelte Erwartungen." „Wer ist ein Held?" „Unsere Sittenlebre bezeichnet den für einen Helden, der, seine Leidenschaften bezähmt. Das Judcnrhum ist in seinen Vorschriften unserer Natur und unseren Bedürfnissen angemessen; eS lehrt den Genuß des sinnlichen Vergnügens als Mittel zu höheren Endzwecken betrachten und gebrauchen. Die Verbindungen, in welchen wir in dem gegenwärtigen Zustande, gegen daS, was irdisch ist. stehen, sollen unS nicht verhindern, uns über das Irdische zu erbeben. Anstatt sich zu einem Sklaven sinnlicher Lüste! > zu crnievrigtjn, der dem Reize des Vergnügens nicht! zu widerstehen vermag, und demselben Ehre. Gesundheit und Rühe opfert, beberrschr dtznach de» Grundsätzen des Iud^nihums Lebende sich selbst, setzt seinen Trieben und. Neigungen die gehörigen Schranken, lernt daS, waseinen Simren am meisten schmeichelt, willig entbehren, wenn eS die Religion gebietet, und behauptet dadurch seine Freiheit, den edelsten Vorzug deS Menschen." „Wer heißt ein Reicher nach Eurer Lebre?" „Der sich mit seinem Besitze begnügend fteut. Reichtbum ist nur ein Mittel zur Freude, nicht die Freude selbst, und Manchem stehen Quelle« deS Vergnügens offtn, aus denen er deshalb nicht schöpft, weil über dem unablässigen Streben nach größerem Besitze, er den wirklichen Genuß vernachlässigt und vergißt, ^Überhaupt sind Rejchthümer. Ansehen und Macht, ein bequemes Leben, eine unünrerbrochene Stärke, geräuschvolle und blendende- Aufzüge nicht wesentliche Tbeile der menschlichen Glückseligkeit. Nur die Vorstellung, daß rr nichts ohne Absicht, nicht ohne eigentliche Bestimmung, nicht um alle seine Wünsche in den engen Kreis von'Arbeiten und Erholungen einzuschließen. sondern mach dem Bilde Gotteö, in Aebnllchkeit mit dem böchstvollkommene'n Geiste, begabt mir Vernunft und großen Anlagen dazu erschaffen, um Weisheit. Tugend und Vollkommenheit zr^m Endzweck aller seiner Bemühungen zu machen, die Gegeniwart in Verbindung mir ver Alles enträthftlnden und vollendenden Zukunft zu betrachten und anzurpenden, nur diese Betrachtung verschafft dem Menschen 'Licht, Ruhe und Zufriedenheit." „Ich habe in Bezug auf Letzteres", fuhr Alerander fort, „noch einige Fragen, und will mich kurz fassen, um kur; Eure Antworten zu resumixen. WaS' muß rer Mensch thun. um zu leben?"» ..Er oipfere sich Dem Guten." ..Was muß der Mensch chun. um zu sterben?" „Er lebe dem Bösen." „Was muß der Mensch thun, um Gunst'und Beifall bei seinen Mitmenschen^ zu gewinnen?" „Er Haffe das Herrschen." ..Ich dächte daS Gegentheil. er bemühe sickO ussr Herrschaft, er erlangt'dadurch einen großen Kreis zur Wohlthätigkeit." „Wohl richtig, jedoch Allen zu gefallen ist unmöglich, und mancher Regent versiebt es auch hierin— er gründet daS Glück vou Tausenden auf daS Unglück von Taufenden." „Ist es besser im Meere oder auf dem festen Lande seines Aufenthalt zu nahmen?" „Daraus, daß selbst kundige Seefahrer sich freuen, wenn sie ans Land kommen, ist es laicht zu ersehen, daß das Wohnen aus festem Boden vorzaziehen sei." „Wer von Euch ist der Klügste? ich möchte, ihn zu meinem Rath bescheiden.' „In der Beantwortung lich einerlei Meinung, Deiner Fragen waren wir sämmrwir schienen also alle auf einer und derselben Stufe Ver Klugheit zu stehen...Ich sehe; *aber, woran ich bin. weyn Ihr Euch gegen mich erkläret." „Nicht wir, die Wahrhieit ist gegen Dich." „DaS Schwert Eurer Kritik.erinnert i^ich an meid Herrscherfckwerl; ich werde den Faden der Unterhaltung abbreckeft und durch deinen Machkspruch Euyen LebenSfaden zerreißen." „Die Macht ist in der Hanv deS Herrschers und Königs, aber auch Recht soll bei ihbr c't^ir Macht haben. Geziemt esj einen Venrag zu brechen? AIS Dl» Dich zu einer Unter- , rcdung mir uns herabließest, gingst Du nickt auf Offenl heit und Auftichtigkeit! ein? Söll nun darauf Offenheit ' und Auftichtigkeit einIgebeN (untergeben')?"--.Alerander,