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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 18 (1859) · p. Seite 71

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
18 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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71 Da stehen die zwei Mütter: Synagoge und Kirche vor seinem Richterstuhl. Tiefe bat jener ihr Kind, dasie geboren und gesäugt, nächtlich entführt. Nun sagt die Eine, für Dich ist daS Kind todt, und für mich lebendig; die Andere behauptet: Nein, für mich lebt es. und für Dich ist eS todt. Was thun? Das Schwert vrS Scharf, richters dürfte im 19. Jahrhunderte nicht mehr den Effect machen, den eS zu SalomoniS Zeiten hervorgebracht. Die angeblichen Mütter würden zu einem solchen Urtheile nur lachen. Die Talmudfrage hat der hiesigen ultramontanen Partei, vulgo Univers, viel zu schaffen gemacht. Da wurden Eisenmenger, Raymond Martin ynd Eonsorten durchstöbert. im Judenhaß blieben sie aber weit hinter ihren Brüdern in Deutschland. So ein französischer Haman ist doch keinen Schuß Pulver werth, der kann kaum Schimpf lallen, und vergißt er sich, so faßt ihn das Wörterbuch der Aeademic beim Frack. ..Herr Doctor, sind Sie de-Teufels?" Warum geht Herr Veuillot nicht zu Herrn Wagener nach Berlin, der könnte ihn jetzt in seinen Mußestunden ausbilden. Der Talmud wurde von Herrn Veuillot zum Feuertode in Effigie verurtheilt, und Tags darauf begab sich Herr Veuillot nach Rom, um dort seine Sünden loS.zu werden. Auf seiner Retourreise machte er die Bekanntschaft deS vielbekannten jüdischen BanguierS MireS. des Unternehmers der römisch - katholischen Eisenbahnbauten. In Paris angekommen veranstaltete Herr MireS einen großartigen Ball, zu dem alle adelige, finanzielle, künstlerische und literarische Größen geladen wurden. Nach einer langen Beschreibung dieser brillanten Fete erzählt die Union de l’Ouest: ..Tie Journalistik war durch die Herren Girardin, Granicr re Eaffagnac unv Renee von» (.'onstitulionel vertreten. Herr MireS haue auch Herrn Veuillot invitirt. der Hauptrcdacreur des Univer» schlug die Einladung aus. baue aber zwei Tage vorher einein Diner beigewobnl, daS dieser reiche Israelit ihm zu Ehren gegeben." „Vor zwei Monaten (sagen nun die Gegner des Herrn Veuillot) donnerte er gegen die Juden, und nun stößt er mit ihnen an. Inde irae? und warum diese Ungerechtigkeit? Man gefällt sich noch immer, den Redacteur deö Univers in Zügen zu malen, die nicht die seine»» sind. Nein, Herr Veuillot ist nickt das, wofür ein eitleS Volk »bn hält. Geschickt und geschmeidig, ein echies Kind unseres Jahrhunderts, huldigte er gestern noch Rom, dafür läßt er heilte die Juden heim Weine hochleben. Er verstebt'S. gar meisterhaft feilte Stange zu balanciren. ..Nur dann, wenn er die Feder zur Hand nimmt, läßt er KriegSdonner erschallen, legt er sie nieder, dann wird er wieder: er selbst. Har er sich einmal seiner Schreibcrwuih cntlrbtqt, so wird er ein charmanter lustiger Taielzenosie, der sich in aller Gemütlichkeit mit seinen Gegnern zu Tische setzt, um zu beweisen, daß sein Magen keinen Groll bewabrt." C’esl tout comme chez dous! Die hiesige Synagogenfrage ist vom Eonfistoire erledigt worden, und man soll nächstens schon zum Bau eines großen Gotteshauses schreiten. Die heiligen Hallen ■ reichten, zumal an Feiertagen, dem Andrange der Andächtigen nicht mehr hin und da in unseren Tagen keine Wunder mehr geschehen,>so klagte gar Mancher dpa« NL. Man war in den letzten fahren auf Synagvgen-Succursäle angewiesen; da stellte jlch aber, wie in Wien, der Uebelstand berauS, daß so ein provisorisches mpiscm de Vien nicht Weihe genug halte, um sich zu einem maisou de eonLancs zu erheben. Seit fünf Jabren schleppe ick mich mit einem unerhörten «an herum, bjrn ich in Wien während meiner Devotion in einem Aushülfsteuipel vulgo eouservuloire - de musique attrapirt habe. Seit 14 Tagen aber drückt er gar alpenschwer auf' meinem Herzen. Könnte doch daS Sündenbekenntniß, daS ich hier feierlich ablegen will, mein Her; erleichtern! Ich glaube nämlich; daß die aufgefrischte. österreichische, jüdisch.christliche Diesistboten-Frage mein Lbelll ist. und daß ich ganz allein daS Auftauchen .der Stubenmädchen-Geserah von 1818 versündigt -habe. Einige Wochen v»r Jom-Kippur batte ich in demselben Saale einem Concerte beigewohnt, in dem der: weltberühmte Komikers Treumaun mit seiner ihm ange-/ borenen verve, in einiien gelungenen EoupletS die Wiener Stubenmädchen carrikitte. Ein fataler Zufall führte mich an die Bethstelle, die vor einigen Wochen mein Sperrsitz war. War da eine Andacht möglich? Ich rief die Engel mit allen heiligen Schaaren an, drückte die Augen, tief ein. als hätte ich meine aufgeregte Phantasie dadurch blenden können — ich fab nur Treumann und abermals > Treumann. Da lief ich hastig davon. In den großen Tempel konnte ich mich erst zu Neila-Zeit schleichen. alS dort die bewaffnete Macht vor Müdigkeit schnarchte. Ich köre schon die-Frage des nachsichtigen LeserS: Werden Sie noch lange so l'ortplaüdern? de vais trancher la question. *) *t Lurch dm n«*l» Tempel in der kiopoldfiadl ist diesem Uebelstande abaeholfen- Aber die übele Wahl solcher improvisirlen locale ist allerdings nachtheilig. Die Redaction. Blumenlese. Auszüge von Erzählungrß. Gleichnissen, Gedanken und Meinungm, wie Erklärungen von Schriftsteller» au» hebräischen Werken. Bon Jos pH Rawicz in Breslau. Onkelos war dir Schwesterfohckde- Kaiser- Hadrian und halte einen stgrktn Hang, sich an das jüdische Volk zu schließen und dessen Glauben und Lehre anzunebmen; e8 widerstrebte ihm gber, diesetiefe Geheimniß seinem Onkel zu entdecken/aus Furcht, ckuf Abreden, Einwendungen und Hinderuiffe zu stoßen. DaS jüdische Gefühl wurde unüberwindlich e und er mußte einen Plan entwerfen, um unter den waltestde» Umständen seinen Wunsch verwirklichen zu können. Er ging zu seinem Onkel mit der Verkündigung: -„Ich möchte mich dem Handel widmen." „Meine Kaffe",, erwiedert der Kaiser, „kann Dir hierin gute Dienste leisten.1' ,,Daran liegt mir weniger", erwiedert der verständige Reffe. „alS an einem guten Ratbe, an einer merkantilischen Regel. Ich will nämlick auch in die Fremde, um Welt- und Menschenkenntmß mir anzueignen und bedarf iner Richtschnur, um nickt fehl zu gehen." „Deinen Entschluß", ermuntert ibn der Onkel, „kann ich keineswegs mißbilligen. Viele Pläne durchkeuzen sich im Kopfe deS 'Menschen, die bisweilen erst >

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