Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 17 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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67 zertrümmert, auden brennenden Ruinen Jerusalem-, vom unerbittlichen Sieger nach den unabsehbaren Ebenen Mittelasiengetrieben ward, wer konnte da vorau-sehen, baß gerade audieser innerlich und äußerlich chaotischen Masse datreue, unabweichltch der Religion de- Einigen anhLngende. und durch die weiten Wüsten nach Jerusalem zurückkehrende Völklein hervorgehen würde? Do» ich irre mich, esah es Einer ja voraus, und verkündete eS mitten unter den Trümmern, JeremiaS; und ein Anderer sah eS mitten unter ven Gef-Kgenen voraus, und verkündete e-, Ezechiel. Aber gewißlich spottete die Mehrzahl der Zeit, genossen darüber und hielt es für eitle Schwärmerei. Al» die Juden nach dem Fall dezweiten Tempeldurch alle Länder der Erde sich verbreiteten, als sie unwissend, ohne genaue Kenntniß ihrer Religion in der Masse durch darömische Reich sich ergossen, der freie Sinn de» alten Römers, der von brr Intoleranz seiner Nachkömmlinge keine Ahnung hatte, ibnen darömische Bürgerrecht verlieh, als sie in den nächsten Jahrbundnten sich, ganz wie jetzt, in daöffentliche, allgemeine Leben versenkten, als sie im Heere, in den Staat-» und Communalämtern. als Lehrer und Redner/ in der Mathematik und Philosophie, ja auch al- Schauspieler und Schauspielerinnen, al- Musiker und Tänzir sich auSzeichneten, als römische Satt)» riker über den Einstuß, den die Juden übten, sarkastisch spotteten — wer hätte da voraus gesehen, daß nach einem gar nicht langen Zeiträume der mittelalterliche, ausgeschlossene und umgitterte, aber auch der streng talmudische Jude hervorgehen würde? Wer im vierzehnten Jahrhundert unter die spanischen Juden getreten, den Geist der Gesittung, der Wissenschaft und Kunst in so hobcr Entj faltung unter ihnen gewahrte, ihre Stellung, ihren Ein-; fluß, ihre nur zu große Hinneigung zu den lururiösen , und üppigen Sitten der Zeit, wer ihre Dichter und Phii losopben in arabischer und spanischer Sprache beobachtete. > wer hätte vorautzgesehen, baß 50 Jahre spater die- Alles j verschwunden, mrd^sbde Nachkommen jene türkischen Juden! sein würden, welche eine Schule mit Bann belegen, weil; in derselben dafranzösische Wort savoir conjugirt wird, VaS in seinem parkait die Form j'ai su har, ähnlich klingend mit dem Namen deS Stifterder christlichen Religion in französischer Au-sprache. Wer. über die Zukunft einesolchen Stamme-, einer solchen Geschichte «in abschreckendes Unbeil fällen will, ist wahrhaftig mehr als vermessen? Hierin sind aber auch die jüdischen Lehrer aller Par» reien und Richtungen steteinerlei Meinung gewesen. Haben sich unsere alten Propheten dahin ausgesprochen, baß sich einst alle Nationen unter der^ Kahne der Israeli» tischen Gotte-lehre vereinigen werden, waren mitten in den blutigsten Verfolgungen die Rabbinen niemals zweifelhaft, daß keine Au-rottung im Stande wäre, die Juden so zu vertilgen, daß nicht solche übrig blieben, welche die Satzungen ihrer Religion mit aller Sorgfalt üben würden: sv steht auch kein neuerer Lehrer an, die weltgeschichtliche Mission de- JudenthumS zu verkünden, und somit den Bestand unserer Religion alS für immer gesichert zu erklären. Sie erkennen hieraus meine Ansicht; doch will ich Sie nicht blos mit dem Allgemeinen abspeisen. So schwankend auch die Zustände zu sein scheinen, so hat doch die Ortbodorie noch Boden genug, um dem historischen Judentbume in seiner Fortentwickelung zum Anhalt zu dienen.. Aber eben so!sicher hat auch die neubearbeitete Lehre de- JudenthumS Alraft genug, um schaffendes Leben in Judentbum und Juden zu erhalten und zu befeuern. Nur eine UehergangSperiode, wie die unserige einmal ist, kann darüber Zweifel taffen. Vergessen wir nicht, daß namentlich religiöse Erscheinungen Jahrhunderte brauchen, bevor fie, find sie in ihrer bisherigen Basterschüttert worden und in der Hinwegbewegung von ihr begriffen, die neue Grundlage fest i und sicher gestaltet haben. Wenn wir in dem gegenwärtigen Judenthume eine Fortbewegung von der alten talmudisch-rabbinischen BasiS nicht abläugmn können, so müssen wir doch in ihm die ueue LebenSströmung zur Klärung. Durcharbeitung, neufr Festigung seiner Lehre, seine- Gedankeninhalts, der großen „religiösen Idee", die es it die Welt gebracht hat und die es für die Welt erhält uftd ausdaut, zugestehen. Wohlan! so muffen wir erwart,w daß diese Lehre sich auch wieder auS dem Gesetze Moscheh's, daS das ewige Fundament des JudenthumS ist, eine concrete Basis, eine bestimmte Gestalt erschaffen werde, ganz wie daS talmudische Juden» thum that, alS das palästinensische Leben deS JudenthumS zertrümmert wor^dn. Hur daß dienicht in /Einem Tage geschieht, nicht von Einer Hand vollbracht wird, sondern seine Jahrhunderte in Anspruch nehmen wird. Sollte hierüber eine ziemliche^ Anzahl abgestorbener Reiser von dem uralten, ewigen Stamme ab- und der Vermoderung anheimfallen — nun, fühlen Sie, fühle ich, .fühlen nicht Tausende von un» die , Religion Israels in ihrer ganzen uralten Lebenskraft in ^unserem tiefsten Innersten? ist sie nichl der Odem uns^re^ Lebest? möchten wir leben ohne sie? . . Gut, gut — dlaS .sind Zeichen der, Zukunft genug. Neben dem Alten besteht schon daS' Neue, Sprießende — innen in ihnen Allen waltet das ewige .Einige und Daffelbige, das durch < llen Wechsel der Zeiten unp Gestatten geht!— geben Sie beim, tbeurer und laffen Sie Ihre HauSsrau fkri walten, und feiern Sie Ihr Peßach mit dem erbebenden Bewußtsein vollen, ganzen Lebens, das aus den Grundsteinen der vier Jahrtausende ruht, aber auch fröhlich und ftisch in daS Leben zukünftiger Jahrtausende in sicherer Ahnung hinauhreicht." Wir drückten uns die Hände und nahmen mit leuchtenden Augen von einander Abschied. Die wahre Gottesverehrung. Ein Gleichniß des Maimonides.*) Ein König wobnt in seinem Paläste, und seine Unter» thanen befinden sich theilS in dem Lande, theilS außerhalb desselben. Einige Derer, die im Lande sind, kehren dem Palcste deS Königden Rücken zu, da- Gesicht einer anderen Gegenv zuwendend. Einige derselben wollen nach dem Palaste de» Königgehen, um dort zu verweilen, und dem Könige aufzuwarten, find aber bibeute noch nicht zum Anblick der Mauern de- Palastegelangt. Einige von ihnen jedoch erreichen den Palast, den fie *) Mor. Reb. III. -1.