Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 17 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 Tic alte Ortbodorie batte den Geist zu sehr verngchläsfigt, baue die Zugend zu schleckt unterricktet, batte alle Formen - '»er Religion zu geschmacklos werden lassen, batte zu vielen Aberglauben in die Religion gemischt, j^atre zu - vielen Druck aus daS Leben des Volkes geübt, als daß nicht der Uebergang von einem Ertrem zum anderen Höne erfolgen müssen. Was Wunder also, daß die Bemühungen, balbwegeS zurückzurufen, nickt ganz und nicht gleich gelingen, »aß der Strom, der 'einmal entfesselt war, nicht durch das bloße Wort gerammt werden kann! Wie kindisch verfahren nun die Alrorcbodoren, welche die Schuld trauriger Erscheinungen lediglich auf die paar jüdischen Tbeologen werfen, welche nur Energie die notbwenbige Umgestaltung deö Eulkus förderte«! .Hätte lieber die Ortbodorie Einsicht genug gebabr, die Zeit, und ihre Entwickelung, die Niemand aufhalten konnte, zu verstehen, zu benutzen und durch rechtzeitiges Einlenken zu leiten, statt sich storri'ch und roch ohnmächtig entgegenzustemmen! Dock lassen wrr taS Klagen und Anklagen, daS hilft den Schäden nicht ab. unk erbikkerr nur mebr, wo Einmütbigkect. und Elnverständniß so notb tbnn!" '..Sie baben Recht. Was halten Sie demfiacb von der. sowohl von christlicher als ortbedor Mischer Seite mehrmals geäußerten Behauvmng. daß die Emamcipation dem Judentbume fckaden. und die Juden dem Abfall noch mebr nähern werde?" , ..Ick baltt ne für eine der Phrasen, mir welchen tdrils die Reaktion den Menscken Furcht einjagen, cheilS die. S^önrednerei fckmeicheln will. Lassen wir die Facta frrecken, so finden wir rroe der Emancipation. die bereits last 70 Jahre Tharsache ist.i in Holland die äußerste Lridodorie, ja sogar die krasseste Ignoranz und Unbildung unter unteren Glaubensgenossen, wo hingegen tn Wien, da man koch daselbst weil entfernt von der Emancipation cst. die religiösen Zustände von Paris durchaus wieder gefunden werden. In der Tbat wird bas seit 1790 emancivirte Elsaß dem nichllemancipinen Bavern wohl gleich-, wenn nickt nacksteben.. Nein, waS wir Vie'Emancipationnennen har aut die j religiösen Zustande keinen Einstuß, da es sich bei letzterjer dock nur um die Erlangung einiger böbercn Reckte bandelt. Allerdings wird mittelalterlicher Druck und mittelalterliche Ausschließung die Juten aut der mittelalterlichen Stute zurückhalten: ob aber alle staatsbürgerlichen Rechte oder einige weniger dem Juden verlieben fink, macht im großen Ganzen in religiöser Beziehung nichtaus. Man sagt, daß jüdische Staatsbeamte den Sabbalb nicht feiern' können. Nun, die jütischen Kaufleule sind von Amtswegen sticht dazu genötbigt, halten sie darum »aS SabbatbSgesey? . . Im Gegenlbeil; baben Leben, Bildung und Cultur die Juden so weit geführt, daß sie am StaatSleben Theil tu nehmen befähigt sind, und sich gedrungen fühlen. und> eS bleibt dies ihnen versagt, so wird die Aussicht, eine StaatScarriere zu machen, immer ein Mittel zur Verlockung bleiben, und Manches Gewissen sich damit beschönigen, wenn er die Religion einer öffentlichen Wirksamkeit opfert. Zuletzt, mein Freund, müssen wir gesteben, daß diejenigen unter den.Orthodoxen, welche die Phrase;«m Besten geben, wahrhaft den Stab brechen über ihre Religion. Nach idrer Aussage wäre also daS Judentbum nur .eine Religion geknechteter, ausgeschlossener und verachteter Menschen, und sobald die Luft der Freiheit eS anwehe, gehe es ihm wie dem Schnee des Winters und der Eisdecke, die den Strom gefesselt, die vor dem Hauche des Frühlings schwinden. Wir denken nimmer so von unserer heiligen Religion; und wenn in dem Consticte einer alten und neuen Zeit, einer verlebten und verjüngten Bildung, noch dazu da dieser Eonstict rasch und unvorbereitet über unseren Stamm gekommen, dieser in seiner Religion bezüglich wankend geworden und an Energie für dieselbe etr^as verloren bar. so liegt die Ursache offenbar und die Wirkung war unausbleiblich." „Gut. mein Freund, aber welche Meinung begen Sie dann über die Zukunft unserer Religion? Sind die Aussichten nickt wirklich trübe? Entfernen wir uns nicht mit jedem Geschlechte weiter von ihr, und wenn die Väter noch durch ihre Erinnerungen in ihr wurzeln, was wird die Enkel darin fesseln? Schwinden nickt mit jedem Tage die Svmpathien mehr, und wo sind die Anzeichen, daß ein Umschwung bevorstebe, ja nur möglich sei? Sie selbst baben mir einmal gesagt, die Religion könne ohne Ueberlieferunq nicht bestehen, und wo diese einmal unterbrochen sei, wäre es fast unmöglich, sie wieder anzuknüpfen. Ich fürchte daher, wir verlieren immer mehr Boden unter unseren Füßen. und in der Schwebe können wir doch nicht bleiben." „So bedenklich die Beantwortung einer solchen Krage ist. lieber A., so will ich Ihnen meine Gedanken darüber doch nicht vor^nhalten. Im Allgemeinen halte ich nickt viel davon, daß der Mensch die-Zukunft vorausbrrechne und Voraussage.^ Ich habe zu oft die gescheitesten Menschen sich täuschen gesehen. 'Vermögen wir doch kaum, die Vergangenheit richtig zu erfassen, ick meine selbst die nächste, die doch in ibren Tbatsacken vor uns liegt, und sind darin den mannichfaltiqsten Irrungen ausgesetztr.um wie viel weniger werden wir im Stande sein, die Zukunft zu combiniren, welche tausend Ereignisse und Derbältncffe mit sich bringen wird, von weichen wir jetzt noch keine Ahnung baben. Ick habe als Lehrer Knaben gekannt, über deren günstige oder ungünstige Zukunft, glückliche oder unglückliche Entwickelung ick aus ihrem Wesen und Betragen die entschiedenste Meinung' zu ziehen mich berechtigt glaubte, und alS ick ihnen nach einigen Jahren wieder begegnete, wie ganz anderwar eS mit ihnen geworden und gekommen. Um -viel weniger dürfen wir uns befähigt halten, über die Zukunft einer welthistorischen Erscheinung. wie das Judenthum, urtheilen zu wollen, einer Erscheinung, die in den verschiedenartigsten Ländern, im Schooße der mannichfaltigfien Nationen wurzelt. Ist denn selbst die Zukunft des Judenthums in den anderthalb Millionen seiner westeuropäischen Bekenner identisch mir der in den zwei Millionen slavifcher Landergebiete, in den Millionen unter islamitischem Scepter? Kann dort die Entwickelung dieselbe sein? Verfallen wir nicht dabei in einen ähnlichen Jrrthum, wie die Juden einer kleinen Kehilla. die nach den Zuständen ihrer Duodezgemeinde die ganz« Judenheit beurrheilen? Da wir einen so beschränkten Raum und eine so kleine Zeitepoche überschauen, wie dürfen wir eS wagen, über eine ganze Zukunft aburtheilen zu wollen? Die Geschichte des Judenthums ist an großen Ueberraschungen nickt arm. AlS daS entartete, religiös und sittlich verwahrloste Volk, zerschlagen und