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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 17 (1859) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
17 (1859)
Date
1859-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt. Zur > Retehrung und Unterhaltung auf jüdischem Gebiete. HerauSgegrben von , Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Magdeburg. Mo. 17. 1859.] Boa dies« Zeitschrift erscheirtt wöchentlich eine R,««er. Prei« ve» 3aörgang« 1 Thlr. Brerleliährig 7', Nzr. Ille «uchhaadlnogen, Pestämter und Zett»»g«expeditlooen nehmen Bestellongen an. ^6. Aalirg. 2. (Quartal] Die Juden in der Gegenwart. (Schloß -) * „Suchen wir, lieber Freund, gewissenhaft nach den Ursachen dieser unerquicklichen Zustände, denn unerquicklich muffen sie von jeder Parte, genannt werden — so ist es nothwendig ein wenig weiter zuruckzugeben. Daß ich dabei auf das Unparteiischeste zu Werke gebe, setzen Sie voraus, da es mir stets um die wahrhaftige Erforschung der Wege zu thun ist, auf welchen die göttliche Vorsehung unseren Glauben und Stamm durch die Menschengeschichte hindurch leitet, und der Mittel, durch welche wir ihr am ehesten entgegenkommen. Die Ortbodorie der letzten Jahrhunderte war zu einer völligen Stabilität, zu einem geistigen Stillstand geworden, dem rede Geistesbewegung nicht allein feblte, sondern der sie auch als feindlich auSschloß. Die Durcharbeitung des Gesetzes war so bis zur äußersten Verästelung vollendet, daß die noch vorkommenden kasuistischen Fragen nur von der kleinlichsten Art sein konnten, welche nur die Meister der Kunst, nicht mehr aber das große Heerlager zü beschäftigen vermochten. Selbst die durch Sabbathai Zwi hervorgebrachte Bewegung war nur eine vorübergehende und drang nur an einigen Orten in die. Masse ein. Dabei war zu gleichet Zeit Licht die Bedrückung, wobl aber die Ausschließung voii der ganzen übrigen Welk die größtmöglichste geworben. Während so in der Welk rings umher ein neues kräftiges Leben geweckt war und in tausendfältigen Erzeugnissen sich gestaltete, war das Judenlbum fast rodt, und stand in seiner ganzen Erscheinung der Well, ihrer ^Bildung, ihrem Geschmack schnurstracks gegenüber. Aber diese TodeSstille fand nickt im jüdischen Stamme selbst statt; in diesem pulsine das Leben in voller Kraft. Ein solcher Zustand konnte kein dauernder sein, und nachdem durch innere und äußere Ursachen einmal in die Mauer, welche die Juden von der übrigen Welt nennte, eine Bresche bineingebrocken war, mußten sich die Verhältnisse in kürzester Zeit wie durch einen Zauberschlag ändern. Die Welt zog auf allen ihren Pfaden -die Juden mü aller Macht an, Wissenschaft. Kunst. Industrie, Gesellschaft, Politik erwarben sich sofort die zahlreichsten Jünger unter diesen. Diesen mannichfaltigstcn Reizen mit reicher Befriedigung stand nun bas stabile Judenthum im Innern ohne Lebensbewegung, in der äußeren Erscheinung selbst in den Formen, welche ursprünglich von großer Wirksamkeit, von tiefstem Sinne waren, verworren und veraltet, gegenüber. So ist eS in der Thar die Onhodoric der letzten Jahrhundert,, welche als Urheberin dieser plötzlichen Umwandlung in religiöse Beziehung anzuklagen ist. Ein Stamm, der seil, sinem Jahrtausend die blutigsten Verfolgungen, die drückendst!« Ausschließungen um feiner Religion willen erttagen, der sich ganz in seine Religion versenkt hatte und in sie gänzlich aufgegangen war. dieser selbe Stamm sollte^ in einem balben Jahrhundert in einen Zustand des grösiren religiösen JndifferentiSmus. einer gänzlichen Apathie» ja sogar der Mißachtung gegen seine Religion geratben^ Würde im Judenthume der letzten Jahrhunderte eine «Fortbildung st'attgefunden haben, würden die Erschwerungen erleichtert, per Druck deS Gesetzes vermindert worden ^sein, würd^ die Bildung den von der Zeit angeseyren Rost allmäblig. abgeputzt und der Geist das innere Leben im Schwünge gehalten haben: fürwahr, lieber Freund, wir batten uns beute nicht über' einen solchen Versatz unserer Religion zu beklagen. Diesen Zuständen gegenüber, und da» Gefährte der Religion auf der abschüssigen Baba aufzuhalten, und zu einer^neuen Höhe hinaufzulenken, begann' man nun, dle kdhre des JudenrhumS, den Gevankeninbalt aller seiner Institutionen, und seine Geschichte aus dem auf ihnen ruhenden Bann zu lösen, sie zu verkünden, und ibr Banner hoch zu tragen; andererseits strebte man, dem Gottesdienst eine würdige weihevolle Gestalt wieder zu-gebrn und sing sogar an, diejenigen Gesetze, welche am ehesten den Konflikt zwischen Leben und Religion brrvorriefen. zu einem Reformversuche heranzuzieben.—Die letzteren Versuche scheiterten, die zweiten batten und haben allmählig einen immer günstigeren Erfolg, die ersteren waren mir einem wahrhaften Siege gekrönt, indem man die Lehre des JudenthumS zu einer neuen, organischen Ueberzeugung kräftigte, und sie als den höchsten Ansprüchen der- Menschheit genügend aufzustellen vermochte. Hierdurch entsprang sowohl ein neue« Streben, als auch Kampf, und beide als die Aeußerungen eineneuerwachten Lebens mußten als willkommen erachtet werden. Wenn nstn allerdings der Erfolg, den sich der erste Enthusiasmus -der wiederbegonnenen Verkündigung geträumt, nicht erreicht ward, wenn die neuen CulruSformen den Reiz per Neuheit wieder verloren, selbst die Predigt nicht nachhaltigen Zauber übt. der svstematische Religionsunterricht gegen Religionslosigkeit und selbst Abfall nickt genügend schützt, wenn die Kraft der Ueberzeugung in einer materiellen Zeit lange nicht die Energie der alten Ge- und Verbote in ihrer Entschiedenheit erreicht: so darf man darum dennoch die Wirksamkeit der neu erwachten Strebung im Judenthume nicht gering anschlagen.

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