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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 16 (1859) · p. Seite 63

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
16 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 Liese Erkennt»iß der religiösen Innerlichkeit auf mich übt, und wie sie mich mit immer neuen und festeren Banden an die Religion knüpft. ES ist die» eine Verklärung des ZudenthumS, die unsere Zeit an die Seite der besten und glänzendsten Zeiten unsere» Stammes und Glauben» setzen würde, wenn —" „Nun theurer A., sprechen sie aus. ich weiß, was folgen wird." „Wenn wir nicht täglich in den Handlungen'unserer Glaubensgenossen da» Gegentheil sehen möchten, wenn nicht die Religion täglich mehr an Treue und Innigkeit verlöre, wenn wir nicht einem so traurigen Verfall der Religion entgegensehen müßten, daß wir das Auge vor jener Glanzseite unserer Zeit um so mehr zu Boden senken müssen." „Ich stimme Ihnen bei, ich kann Ihre Klage nicht ungerechtfertigt finden." ‘ . i „An wie vielen Häusern klopft da» Peßach an, und es wird ihm, trotzdem man seine Bedeutung kennt, nicht aufgethan; wie viele öffnen sich ihm, aber nur zum Scheine, und neben dem ungesäuerten Brote nimmt La» gesäuerte seinen vollen Platz ein, ganz wie in der Zeit der Könige von Juda zur Seite deS Altars des Einzigen auch die Altäre der Götzen standen und Opfer empfingen. Und unsere Jugend, entweder sie weiß nichts mehr von den Vorschriften des Peßacks, oder sie ist so gleichgültig gegen sie, oder noch mehr, sie zuckt die Achseln verächtlich über sie, daß die Enkel gewiß nichts mehr davon erfahren.. Treten Sie nun hin, und erklären Sie sie ihnen und sei es mit feuriger Zunge — man freut sich Ihrer Beredtsamkeit, man ist vielleicht erstaunt über die Tiefe der Ge« danken, die in unserer heiligen Religion ausgesprochen liegen', aber — man wird doch nicht danach rhun, und auf dem eingcschlagenen Wege immer weiter gehen." „Ich beklage diesen Zustand mit Ihnen. Der Grund alles Uebels liegt in dem Mangel aller religiösen Erziehung; Religion. Gebet. Ceremonie sind aus dem Hause verschwunden; die Eltern geben den Kindern kein Beispiel einet frommen Gesinnung, sondern lassen ihrer Frivolität freien Lauf. Der Gottesdienst wird von Zahllosen höchstens die drei großen Herbstfastlage besucht. Schule und Geschäft ziehen die Jugend und da- Alter von der Haltung des SabbathS ab, und somit wird dem religiösen Leben die Wurzel abgeschnitren." „Diese Erscheinung, die den früheren Jahrhunderten unseres SrammeS so ganz widerspricht, muß aber doch ihre Ursachen haben, und welche sind diese?" „Sie werden nicht schwer zu finden sein. Seitdem die Welt und das Leben den Juden erschlossen sind, geben fie sich diesen immer mehr bin, wie dies der natürliche Zug ist. Werden sie dadurch äußerlich schon von der religiösen Uebung abgezogen, ist es natürlich, daß fie hiermit da» Eigenthümliche abstreifen: so kommt hinzu, daß die Juden in dieser Welt auf eine Zeit stießen, welche der religiösen Innerlichkeit entbehrt, und deren wesentlicher Inhalt unläugbar das materielle Leben ist, der vorwiegende Hang zu möglichst leichtem Erwerbe von Gut und Reichthüm, zum vielfältigsten Genuß Und zu einer eitlen Schaustellung. Ich habe mich lange gewehrt, diese Ueberzeugung von dem Hauptcharakter unserer Zeit in mich aufzunehmen. Ich habe mich bemüht, vor d?n glänzenden Seiten und Verdiensten unsersS Jahrhunderts die Arzgen über feine - Mängel zu schließen; ich ihabe e» für ein Zeichen des nahenden Alters angesehen^ über unsere Zeit zu grollen; aber zuletzt wärel es selbst eine Schwäche, au» solchen -j„ Bedenken sich die Wahrheit izu verhüllen. Die ungcheuerlicken Erscheinungen im politischen, industriellen und religiösen Leben,' die wir seit zwei Jahrzehnten erfahren haben, drängen unS mit Älachr darauf hin, die eigentliche Ursache zu erkennen. Di^ Abschwgckung alles Idealen, die Verachtung allerein Geistigen, alles dessen, was nicht alsbald zu materiellem Nutzen, oder, wie man zu sagen pflegt, zu praktischen Zwecken umgemünzt werden kann, konnte zu nicht» Anderem führen. In diese Strömung des Lebens warfen sich dle Juden um so mebr hinein, al» eS mit dem Reize der ^Neuheit für sie umgeben war, als sie darin eine Höhe zn erstreben hatten, sie, die bis jetzt auf dem unteren, schlammigen Boden gewohnt. Upd damit kam all' diese Frivolität über sie. Die Religion ist einer großen Zahl unserer gegenwärtigen Juden gar nichtmehr, sondern die ^Befriedigung der Eitelkeit und . der Erwerb äußerer Gütern Alles. Diesm Wünschen und Strebungen ordnen selbst die, welche noch einigen Sinn für das Religiöse und Äeistige baben, dieses dennoch I unter, und wo ein Confliclt der Religion und deS materiellen Lebens eiytritt, zieht die erstere den Kürzeren, selbst nicht bei den Schlechtesten unter unS. Bet den minder Begabten macht das! Haschen nach äußerer Gleichheit j mit den Christen. daS Buhlen um den Umgang mit i Christen der Religion den Atzten Garaus;- unp es-ist so fall von der väterlichen Reli-, waS als Wahrheit anerkannt, ird, pon den Juden, welche schon alS etwas Gleichgülweil gekommen, dflß der gion, die VerlaugnUng desse wenn auch nicht beherzigt in ibrer Religion' verharre tigeS angesehen wird, zu welchem das erste, beste äußerliche Motiv veranlassen kann. I Die Todsünde, die für Alle, welche nicht von innen heraus sich dem Christenthume zugewendet haben , und cS ist anerkannt, daß dies bei Wenigen der Fall ist. in dem Wechsel der Religion liegt, der Meineid gegen Judenthum und Christenthum zugleich, . den die begeben, welche nicht aus Ueberzeugung von einer Religion in die andere übertreten, darüber sieht man hinweg, und wenn «s gewiß ist, .daß die Christen in der Regel die getaufttn Juden noch weniger achten, alS-die wirklichen Juden, so verlieren dagegen die Juden selbst den Widerwillen gegen die" Abgefallenen täglich mehr. Ich fürchte nicht, haß man zu mir. sage, wieso weißt Du,. daß nur Wenige auS Ueberzeugung dem Jubenthume'- treulos werden? Denn. w> nn eS Ueberzeugung wäre, waS fie von unS führte, wäruu^ warten sie denn bi» ein äußerer Dortheil od!er ein äußeres Motiv dazu veranlaßt? Warum ist eS bei dem Eir en ein Amt, bei dem Anderen eine Heirath, bei hemDrinen eine Niederlassung, bei dem Vierten eine gesellschaftliche Stellung, bei dem Fünften ein Stück Geld, das als CausUmomenk hervortritt, während die wahrhafte Ueberzeugung jede derartige Veranlassung mit Abscheu verhüten müßle? Sie sehen, mein Freund, daß ich vor den U^belständein unserer. Zeit nicht die Augen schließe, daß. fie vielmehr Imir tiefe Trauer in die Seele legen, um so mehr, da ich Iste nicht allein al» einen äußerlichen Verlust unserer . Glaubensgenoffenschaft betrachte, sondern darin noch mehr dhn gänzlichen Vorfall aller fitt-

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