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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 16 (1859) · p. Seite 62

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
16 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 “7 10, des ersten MvnatS sich ein Lamm verschaffen, und di-;um 14. venrabren solle (2. Mos. 12, 3» 6.). damit kies so eine Thar reiflicher Erwägung und freien Entschlusses sei. Nun trage ich Sie, wenn sckost jeder einzelne Mensch sich geklungen fühlt, seinen Geburtstag durch daganze Leben hindurch .unter frohen u^d traurigen Ereignissen :u feiern. wie sollte dirnickt ein ganzer Sranlm, so lange er sein Dasein nock in seinem Bewußtsein rräLt?" ..Sic haben Reckt, und es ist dies immer ein Grund mehr, da- Peßachseü hoch und heilig zu Hallen. Aber .-sehen Sie, ick erackte doch da- Eckabuorhrest, als die Feier der Gesetzgebung auf dem Berge Sinai, nock viel Voder. Dieser große erhabene Acr rer göttlichen Offenbarung. diese Verkündigung der einfachsten, ab« dock umfassendsten und daS ganze Leben veS Menschen tragenden Gebote dal rock ungleich größeren Werrd, und müßte eine eingreifendere Feier baden, als die bloße jGeburt des Volkes." beweglichen sollten nur „Nickt doch. Leben wir davon ab. daß. die Eckrifr selbst kiese Bedeutung dem Schabuolb, das nach ihr Erntetank- und Erstlingsfest ist, gar nickt verleiht, sondern erst die Tradition nach Berechnung dsr von rer Schritt angegebenen Daten, so werten Sie dock gleich anderes Sinnes sein, sobald Sie mick zu Edrde gehört. ,Ist eS Ihnen nie als sehr cigenthümlrck aufgefallen, daß den Israeliten zum Abend vor dem Auszuge das Schlackten und Verzehren eines Lammes, das Strengen des Blutes an die Pfosten, und die An. wie ries gestehen sollte, auf's genaueste geboren ward? Hat man vor; dem gänzlichen Verlassen eines Lande», wo der Stamm, seit Jahrhunderten gewobnr, nichts Wichtigeres zu tiun? Vor einem Fortzuge mit Frau und Kind, mit aller Habe? Aber tie Antwort liegt bereit. Es mirzicben alle die. welche stck zu rem nunmehr gen Berufe Israels, zur Anerkennung und Anbetung des einzigen Gottes, zur Anhänglichkeit an seine Lehre und. zum Gehorsam gegen sein Gebot geheiligt, durch einen freiwilligen 21« sich und lhr Haus geweidet Hanen. Jeder Israelit sollte sein Haus als ein Heiligthum, sich selbst wie zu einem Priester des einzigen Gottes weiden. Darum das Sprengen des Blutes an die Pfosten des Hauses, um eö wie eine Opferstäne zu sühnen; darum daS Verzehren des Lammes, ron welchem nichts übrig gelassen werden durfte. Und tiefer A« sollte von ra ab jedes Jahr erneuert werden; im heiligen Lanre selbst mußl^ trotz dem Bestände eines Tempels, zu jenem Feste dasselbe geschehen. Rock mehr, der Israelit sollte während des gqnzen Festes nur ungesäuertes Brot essen, nur Ungesäuertes in seinem Hause haben, ganz wie der Priester das ganze Iabr bin-' durck im Tempel nur ungesäuertes Brot essen durfte, da dieses symbolisch daS Reine, Heilige darftellte, während da- Säuernde. Nährende die Sünde, den Loh barstellte. Wenn wir zuvor sagten, daß mit dem Auszüge aus Aegypten die eigentliche Geburt des Volkes Israel rerbunden war, so sollte dieses Israel eben and«S geboren werden, als andere Völker; es sollte mit seiner Geburt seinem Berufe, der Anbetung und Erkennmiß dieS einzigen GotteS, dem Empfange und der Trägerschast seiner Lehre geweiht^.und geheiligt werden und jener Act am Abend ror dem AuSzuge war die priesterliche Weihe hierzu; sein Geburt-fest war zugleich sein Weihefest, und diesen Inhalt hat daS immer wieberbolte Peßackfest. Es ist das immer erneuere Weihefest jedes Israeliten zur Priesterschaft des einzigm GotteS. und an und mir ihm soll jeder Israelit zu diesem höheren Berufe seines Lebensich weihen. Die Anknüpfung an den Auszug, aus Aegvpten ist demnach nur das äußerliche Moment, und waS sich an jenen AuS- . zug knüpfte, daS bilver auch beute noch den eigentlichen Inhalt deS Festes. Sic seden aber leicht ein, mein Freund, dass alle einzelnen Vorgänge, die später folgten, selbst die Gesetzgebung aus Sinai, koch nur die Conseauenzen dessen waren, waS mir dem Ausruge selbst gegeben war, und werden nun gern dem Veßachfeste einen besonderen Reichthum an symbolischen Handlungen einraumen, der wiederumin seinem Ausgangspunkte die vielen Vornahmen unserer lieben Frauen in unseren Häusern mit sich fübn. Haben die Rabbinen die Hauswirthschast an diesem Feste den Frauen besonverS schwierig gemacht, so ist es nur eine natürliche Vergeltung, daß die Frauen ,S den Männern etwaschwierig macken, und wir müssen uns in Geduld fügen." „Ich danke Ihnen für den Ausschluß, den Sie mir - gegeben. unv ich werde nunmebr in der Tbar daS Fest mir noch größerer Innigkeit feiern. Aber ist eS denn nicht eigenthümlich, daß man uns diese innere Bedeutung des Peßacks niemals erschlossen bar, daß man lins lediglich an die äußeren Geschrcktsmomente wies, so daß wir wirklich nur darum die Mazzah zu essen glauben, weil unsere Väter in der Etle kein ordentliches Brot sich backen konnten, und das Fest lediglich feierten, weil unsere Väter ror Jahrtausenden auS Aegvpten zogen? Warum lehrte man uns nicht diesen tieferen Gedanken kennen, um uns nickl blos äußerlich, sondern mit ganzer Seele als Priester des alleinigen Gottes zu weihen, unv uns in der ganzen Bedeutung, in dem ganzen hohen Werthe dieses Berufes i zu fühlen?" „Machen Sie Ihrem Lebrer keine Vorwürfe. Erinnern Sie sich vielmehr Ihres Iugendlehrers —." „Ach, ja wohl, der har selbst nichts davon gewußt. ES war ein lieber, alter, kleiner Mann, mit einer großen Brille auf der Nase und einem Dreintaster auf dem Kopfe, der seinen Schulchan Aruck und seinen Rafchi wohl auswendig wußte, aber was da nicht in deutlichen Worten stand, das kannte und beunruhigte seine gute Seele nicht. Er haue eine große Furcht vor Gewittern, und als er alt war. konnten wir ihn mitten im Winter veranlassen uns nach Hause geben zu lassen,, wenn wir sagten, eS steige eine große schwarze Wolke am Himmel auf. und ein Gewitter komme zuversichtlich." „Nun, lieber A„ so war eS früher überhaupt; um den Gedankeninbalt, um Motiv und Zweck deS Gebotes kümmerte man sich nicht; man sah AlleS als ein Factum an; dieS und dies ist geboten, darum muß es gescheben; es steht geschrieben, darum ist es zu vollführen. ES war und ist demnach der Beruf und die Aufgabe der gegenwärtigen Zeit, den Lebrinbalt der Religion und aller ihrer Institutionen wieder zu erforschen und an das Licht zu schaffen, überall Bewußtsein zu wecken und zu befestigen." „DaS erkenne ich an", fiel mein Freund ein, „erkenne eS gern an, denn ich selbst, erzogen und groß geworden in jener naiven Weise, erfahre eS täglich, welchen Zauber

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