Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 16 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4908862-5999350-6000903--1329-4909905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdisches Bolksblatt Zur Retehrung und Aulerhaltung aus jüdischem Hebiele. Herau-gegeLen vou- Rabbiner »r. Ludwig Philippson in Magdeburg. 1 (No. 18. 1859] Sor tiefer Zeitschrift erscheint wöchentlich eine Rawmer. Ptti» de» Jahr» gaog« l Thft. Vierteljährig 7Rgr. Slle vuchhandlnogea, P»stLmter «ob Zeitung-expeditioReR nehme» Bestellungen an.-' [6. Jahrg. 2. i Die Juden in der Gegenwart. Mein Freund A. trat mit einer envaS unwilligen oder bock unzufriedenen Miene aut dem Antlitz in mein Zimmer, und warf fick in einen Lehnstuhl. „WaS ist Ihnen, lieber A?" sagte ich besorgt, indem ich zu ibm trat und seine Hand faßte. Er lachte, und sein Gesicht klärte sich auf. „Ist cS nickt daS Schrecklichste, daS der Mensch erleben kann, von HauS und Hof verjagt zu fein, verbannt auS der lieben Heimath, hinauSgeschleuden aus der theuern „Gewohnheit des Daseins"?" rief er mit einem komischen Pathos auS. „Ihre Worte und Jbr nunmebriges Aussehen widersprechen sich. Doch halt. waS frage ich neck — ist eS nicht so? Ihre theure HauSfrau vertreibt Eie durch den würdigen Empfang, den sie dem Pcßack bereitet, aus dem Hause?" „3a. ja. Stauben. Scheuern. Malen, Tapeziren. Waschen. Plätten und wer weiß was noch, lassen mich nicht zu Athem kommen, und wir baben doch erst vor acht Lagen den Haman und seine Söhne einmal wieder gelängt —Ste lobe ich mir Zdre Gattin, die beginnt erst vierzehn Tage vor Peßach. da macht sie Zhnen noch mir acht Tagen Frieden ein Geschenk, ein unbezahlbares Geschenk! Rechnen Sie daauf ein fünfzig Jährchen eheliches Glück, und sie macht Jbnen ein Angebinde von einem ganzen, langen Jahre der süßesten Rüde . . ." „Nun, mein A.", erwiedette ich. „Ihren Ansichten nach müßte Ihnen ja jedes vor Peßach gescheuerte und von unten nach oben gekebrre Haus als ein wabreS Heiligthum erscheinen und eine.rechte Freude machen — Sie, der treue Anhänger, der aufrichtige Freund unserer guten alten Sitten, unseres ererbten jüdischen Herkommens —." „Da haben Sie Recht, ein „gescheuerkeS, gereinigtes HauS". aber nur stickt ein in der Reinigung begriffenes — daS ist mein Abscheu, meine Idiosynkrasie-." „Nun. Freund, wer daS Gute haben will, darf vor dem Opfer nicht zurückschrecken." — „Dennoch — sei eS der Unmuth, der anders raisonnirt als das befriedigte Herz, sei eS. daß ich vom Rationalismus unserer Tage auch schon angesteckt bin. unbewußt — denn wer kann sich vor den Einwirkungen der Gesellschaft ganz bewahren." „Nun. Sie meinen doch nicht mich mit Ihrer „Gesellschaft"?" .Gewiß nicht, Sie find, waich nenne, ein rechter Jude, so Einer mit Leib, und Seele, besser, viel besser als ich, der ich so oft fühle, daß mir! doch die ^.Seele^ fehlt, nämlich eine tüchtige Kcnntniß und ein tieferes Forschen, und vielleicht gerade darüm mich ein wenig zu viel an den „Leib" hafte — also,-ich wollte sagen — dennoch kam mir piSweiley der Gedanke: warum wir gerade da- Peßach/ also heil AuSzug auS Aegypten, der vor viertausend Zabrcn geschah, noch so nachdrücklich, noch mit einer solchen Umkebr unseres ganzen häuslichen We- . senS, unserer ganzm Lebensweise zu feiern haben, daß man sich wie in eine ander« Zeit und an einen anderen Ort versetzt glauben könnt« — die göttliche Vorsehung hat uns ja seitdem so oft von Pharaonen befteit, und die Sklavenfesseln an unseren Armen zerschlagen." ' „Ei, ei. lieber Freund, j5it sind wirklich vom Rationalismus angesteckr—wie hülfen Sie ^so raisonniren, da ja die Vorschrift der Peßachftier, wenn auch^nur in ihren Grundzügen, in der Thorah verzeichnet ist, und gerade auf die Peßackfeier in dm übrigen Tbeilen der Schrift mehrmals ein besonderer Nachdruck gelegt worden, wie bei Joschua und Joschijah." „Nun, ick raisonnire ja nickt, ich frage ja nur» und in der Hagadah selbst wird derjenige, „der nichtzu fra- | gen weiß", als zu der ünkersten Mmschenklaffe gehörig betrachtet; und ich'frage uickt al- „Bösewicht" und „Einfältiger". sondern möglichst »lS „Weiser." „3ck will eS nicht näher untersuchen, in welche der vier Kategorien Ihre Fragt gehöre, sondern sie zu beantworrm versuche». DaS Peßachfest, lediglich alS ErinnerungSfeier an daS Factum deS Auszuges auS Aegypten zu fassen, scheint mir völlig! ungenügend, selbst wenn wir diese, jedenfalls großartige Pcfreiung eineganzes Volkes auS der egoistischen Tyrannei eineauch vor dem Grausamsten nicht zurückfchpe'ckeNden Despoten zugleich alS ein- Svmbol aller nachfolgende» Rettungen betrachten, wie denn in der That unser» Weisen die Defteiung aus Aegypten mir der zukünftigen Erlösung in die mgste Verbindung bringen. DaS -Peßachfest umfaßt viel «ehr. Zunächst ist eS das GeburlSfest deS Volkes Israel. So lange unsere Väter in Aegypten wohnten, bildetm sie eine Masse, aber kein Volk; eine Masse!.von gleicher Abstammung und mit gleichen Traditionen, aber kein zusammenhängendes Ganzes. Erst mit dem Auszüge vom „Barbarenvolke" wurden fie selbst zu einem Volke, und zwyr unter de« eigenthümlichen Vorgang, daß sich ihm jeder Israelit durch einen fteiwilligen Act anzuschlteßen erklärte. Darum befahl Roscheh, daß jede israelitische Familie schon am