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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 10 (1859) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
10 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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duldet keinen Uebergriff eines anderen Zaddik in seinen Bezirk und keig^Unteriban darf fick von dem! seinigen zu einem anderen wenden. — Der Zaddik läßt in seinem Gebiete durck Sendboten Beiträge sammeln. wer ihn sehen will, muß dies erkaufen, und ihn zu sprechen ist nock kostbarer; er wird daher leickt wohlhabend, und eS giebl deren sebr reiche. Auch nack seinem todc ist sein Grab eine Quelle der Einkünfte für seine Angehörigen, welcke die Scklüsset zu dem Denkmale. daS jedem errichtet wird, in. Händen haben. Jeder Anbänger wallfahrtet tadln, besonders schwangere Frauen; eine Reliquie von demselben bringt Segen. — Solche Wallfahrtsorte giebt eS bereits viele.! Der Zaddik ist dtr höchste Rickrcr. und sogar Herr über Gesetz unk Recht. Wo er fick in einer Gemeinde befindet, wird alles Streitige oder Zweifelhafte seiner Entscheidung unterbreitet, und selbst sein Rplb gilt als Vorschrift. Jede.Angelegenheit, Unternehmung. Geschäftsfache, ra jeder Zustand, Kinderlosigkeit, Unfruchtbarkeit, Krankbeir, — alles wird ihm vorgerragen.!und überall - weiß er zu rarbe» oder zu helfen; jeder befoilgt, was er sagt, kenn.er har die Macht über Tod und Lfben. Viele begeben fick zu ihm. bloS um ihn zu sehen, und zahlen dafür gern, mehr aber für seinen Segen, odev sein Gebet, oder auch rin Erlösungsfpiel. mit allerlei Münzen, Pidjon. Seine Hand zu berühren, sühnt schlechte Traten, seine Mütze den Hochmurh, sein Gürtel smnllche Begierdenseine Beinkleider Blutschande, seine Thefillin Frechheit,— also vollkommener Ablaß! Der Zadblk ist der Mittelpunkt seiner Gemeinden. Wer nur abkommen kann, besucht ihn zum Neujahr-feste. Tie angesehensten Gäste werden bei ihm zu Tische geladen. ost sind mehrere Hundert bei ihm zur Tafel, und werden mir Silbergeschirr bedient; die Uebrjgen speisen -im Orr.' alle aber bringen den Tag bei. ihm ^u. — Alle Sabbarb. sammeln sich die Jünger zu ihm, utid genießen da ihr Vesper. Scholesck SudeS (drei Mahlzeiten, hier: drille) genannt; man ißt, trinkt Meth, tanzt zj aber man hört auch feine Belehrungen, meist kabbalistischen Inhalt-. DaS dauert bis in dir späte Nacht, und zwar ohne Licht. Manche dieser Vorträge liegen gedruckt vor, fie sind Zeug-, niffe der verworrensten Phantasie und der aberwitzigsten Wortklauberei. Derartige Versammlungen führen dem Zaddik alle Neuigkeiten zu, deren er zu seinen Prophezeihungen bedarf, und die Treueren ferner Jünger dienen somit als Zeitungen über Pttfonen und Familien. Dies« wichtigen ' Nachrichten gewinnt er außerdem alle Tage in dem Frühbade, wovon alle Chassidim Gebrauch machen. Der Zaddik verweilt da 2—3 Stunden, und dort wird von ' ' weltlichen Dingen offen gesprochen, besonderim Klafel (ElauS) oder Det-Zimmer. daS nur Chassidim betreten dürfen, und daS nicht bloS zum Beten, sondern auch zum Essen, Trinken und Tabakrauchen dient. Eine Ausnahme machh der Sabbath, zu welchem sich jeder Chafsid am Freitage durch ein Schwitzbad vorbereitet. Einen sehr entschiedenen Einfluß übt der Zaddik auf seine Anhänger als deren Dorbeter an Sablbath« und Festtagen. Man hält sehr viel auf seine DortragS- und Sangweise, wie rauh und widernatürlich beideauch' klinge. Er macht dabei die seltsamsten Geberden, klatscht mit den Händen, verzerrt daS Geficht. schreit wie ein Rasender, springt umher, fallt nieder und kriecht. Die Zuhörer machen dieS nach und'die Versammlung gleicht denen der Derwische, von welchen daS Alle» vielleicht herrüht. Am Auffallendsten zeigt sich der Lärm auf offener Straße bei Segnung drS Neumonds, zu welchem die Chasffdim vorher sich durch ein GlaS Branntwein in heitere Stimmung versetzen. Die Grundsätze dieser Srcte, welche im Allgemeinen zur rabbinifchen Richtung gehört, haben doch so viel Eigenrhümlickes, daß fie den Mitgliedern ein besondere» Gepräge ausdrücken, welche» zumal in der Art, wie sie im Leben sich entfalten, den rabbinifchen Juden gänzlich widerstrebt. Wir entnehmen dieselben au» ihren eigenen Sammlungen, ohne die abenteuerlichen ErbauungSschrifken, mit denen sie den Glauben ihrer Angehörigen unterhalten und stützen, zu berücksichtigen. Gon ist überall, in der Welt und um die Welt. Niemand darf glauben, durch Beschäftigung mit irdischen Dingen ihm fern zu stehen. Auch in den irdischen Handtirungen und selbst auf der niedrigsten Stufe des Lebenist Gott zu erkennen und zu finden. WaS Gott sendet, ist zu unserem Besten. Ihn allein muß man als den Urheber alles HeilS und aller Leiden ansehen. Seinen Willen allein haben wir zu vollziehen. Die Offenbarung und da» Verdienst aller guten Werke beruhen auf unbedingtem Glauben, alle Klügelei und Philosophie ist störend und daher zu meiden. Man muß glauben ohne Beweis, die Erkenntniß kommt später. Die Wunder darf man nicht als natürliche Wirkungen erklären. Da» Gebet fordert die tiefste Andacht, daher laute» AuSfprechen der Worte, Gesang und starke Geberden, zur Entfernung aller störenden Gedanken. Die Andacht wird vernichtet durch den Sauerteig fremder Wissenschaften, äußerlicher Anschauungen, sinnlicher Triebe. Das Hauptstreben deS Menschen muß Wahrheit sein. Alle Erkenntniß, alle Belehrung und Vervollkommnung hat der Chassid beim Zaddik zu suchen, daher muß er ihn aussucken, sehen, sprechen, und selbst wenn er zu sündigen scheint, verehren, nur dadurch wird er rein und von Sünden frei. Der Zaddik muß aber seinem Berufe gewachsen sein, nicht etwa blo» einem größeren nachäffen wollen. Buße und Bekehrung sind ein wesentliche- Mittel zur Seligkeit, uud dazu muß der Mensch beständig bereit sein. Niemals darf der Mensch an Befferung verzweifeln. Der Chassid soll sich fern halten von fremden Wissenschaften, die nur zu Unglauben verleiten. Ebenso vom Dienst de» Mammon. Selbst Geschäfte sind in Gottesfurcht zu verrichten. Dem Chassid wird empfohlen: die höchste Freudigkeit, volle Uneigennützigkeit, fleißige» Wohlthun, Friedfertigkeit, Schonung in Deurtheilung Anderer, Unerschrockenheit ohne Frechheit, stete Aufmerksamkeit auf sich selbst, Mäßigkeit, die höchste Sauberkeit an Körper und Kleidung und er wird gewarnt vor Sinnlichkeit, vor Stolz und Uebermuth, sowie vor Trägheit und Unzustfiedenheit. Al» Quellen der Belehrung dienen der Secte außer Bibel und Thalmud vorzüglich die Gesetzsammlungen und der Zohar. Ihr Gebetbuch ist da» der Sefardt«.

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