Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 10 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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39 Wenn diese Vorschriften wirklich die LebenSregel der Mitglieder geblieben wären, so Hille die rabbinische Richlung nichts weiter gegen jene einzuwenden, als die er« staunliche Macht deS Zaddik über Gesinnung und Hand» lungSweise der Gemeinden und der Einzelnen. Allein sie sind in der Wirklichkeit nicht inne gehalten worden, und man macht der Secte mit Recht groben Aberglauben. Gleichgültigkeit gegen die menschliche Gesellschaft, Streit und Rachsucht. Faulheit und Müsfigang, äußere Vernachlässigung der Haltung, insbesondere aber Trunk und Sinnlichkeit zum Vorwurf; auch die Zaddikim we.nden keineSwegeS ihren Einfluß an. um ben Zustand tiefer Versunkenheit zu andern. Ganz abgesehen von dem Eigennutz, der bei diesen feine Befriedigung findet, ist kein Zaddik bisher in weltlichen Dingen unterrichtet genug gewesen, um zu einer Besserung die Hand bieten zu können. Die Folge von allem ist Stumpfsinn gegen die entsetzliche Armuth in der an sich regsamen und mit Geist ausgestatteten Bevölkerung, Verachtung aller edleren Genüsse deS Lebens. selbst der einfachsten Sauberkeit, Unempfänglichkeit für gesellige Freuden. außer den Verzückungen bei festtägigen Zusammenkünften, Haß gegen alle, die ihrem Vereine nicht angehören, Hochmuch wegen dieser Selbstständigkeit und Gegenseitigkeit, und daher auch ein erstaunliches Kraftgefühl der Secte. welche übrigens im Laufe eines Jahrhundertvon wenigen Familien auf viele Hunderttausende gestiegen ist. Das ganze südliche Polen, ein großer Theil der Juden von Galizien und Ungarn und weiter östlich', dann auch viele Auswanderer In Palästina gehören ihr an, alle von gleichem Geiste beseelt. , [ Die Rabbinen sahen mit Kummer diese Ausartung sich wie eine ansteckende Krankheit verbreiten. Während sie noch in Italien, Hamburg und Amsterdam mit dem Wesen der MessiaSfecte rangen, ohne ihr recht beizukommen . — denn dieselbe erlag nur der inneren Zerrüttung und dem Mangel einer einheitlichen Einrichtung, — erhob sich hier mit weit bedrohlicherer Gewalt ein viel mächtigerer Feind, der ibnen den eigenen Boden streitig machte. Der Zohar war die Fahne der jüngeren Kabbalisten, neben den anderen von jenen verehrten Gesetzlehren. Sie selbst aber, die Rabbinen. hingen dem Zohar an und betrachteten ihn als eine Quelle höherer Weisheit, aus welcher jeder wahrhaft Fromme trinken müsse. Sie hatten nur einen Punkt, auf welchem sie die Schwärmer angreifen konnten, nämlich die vorgeblichen Wunderkuren, schon früher, bald nach dem Tode Maimoni's, Gegenstand heftiger Kämpfe, und die daran sich neuerdings knüpfenden abergläubigen Gebräuche. Vielleicht wäre der Streit nicht so allgemein geworden, wenn nicht die Gelehrsamkeit und Heiligkeit mehrerer Kabbalisten Polendie deutschen Gemeinden am. Rhein und bis nach' Holland bewogen hätte, sie an die Spitze ihrer Gemeinden zu berufen, so daß sie am Ende alle deutschen Gemeinden beherrscht hätten. Die neue Secte betrachteten die rechtgläubigen deutschen und polnischen Rabbinen als einen Ausfluß der fast erloschenen MesslaSfecte. welche nur in anderer Form wieder auferstanden sei. Sie wurden hierin von einem richtigen Gefühl geleitet und der Gemeinsinn, mit welchem sie gegen die verderblichen Gaukeleien der Wunderthäter auftraten, verdient um so mehr unterschieden sich gewänder. Eliah» Gelehrsamkeit und Anerkennung. als sämmtliche damals 'bei deutschen Gemeinen sowohl in Poleir als in Deutschland und Holland an der Spize stehenden Rabbinenmit wenigen Ausnahmen in gemeinnützigen Kenntnissen völlig unwissend waren. - . In Deutschlan! fand die Secte schon durch die Unmöglichkeit unre^ so verschiedenen Regierungen, bei welchen ihre Gegner Einflrß hatten, festen Fuß zu fassen, keinen Boden für ihre. Wirksamkeit; die wachsende Weltbildung stand ihr gänzlich entgegen. Klar denkende Rabbinen von höherem Ansel en, wie ein Ezechiel Landau in Prag, ein fleißiger Schriftsteller. zugleich durch Schönheit der Gestalt und Gew »ndl seit im Leben allgemein beliebt (st. 1793 hochbejalrt). ^Steinhard in Fürth u. A. eiferten außerdem gegen ven! Unfug mir genügendem Erfolge. Aber auch in Poln selbst erhoben sich gewichtige Stimmen, welche dem Um!fichgreifen des UebelS Schranken fetzten. Thatfächl chen Widerstand bewirkte in den, bedeutenderen Gememdeit der berühmte Eliah zu Wilna (1720—97), öon;beiij wir noch sprechen. Im Anfang deS Jahres 1772 waren viele Sectirer in jene sehr zahlreiche Gemeinde eijngedrungen, hatten dorr bald einen Bersaal eingerichtet, in demselben, die Setardische Gebets ordnung vermischt, mit Luriaschen Gebeten, zugleich mit den seltsamen Gebräuchen der Chafsidim eingeführt. Sie euch äußerlich durch weiße Sabbalhobwohl ohne Amt. aber seiner großen Ges nnungStüchtigkeit wegen (s. w. u.) allgemein hoch verehrt, regte den Vorstand gegen diese.. Neuerung auf, unh buchte eS dahin, daß derselbe kräftige Maßregeln ergriff. Eine strenge Untersuchung trat ein. Der Predige^ (Maggid) der neuen Gemeinde^ Hajim, ward vernommen. May verbot ihm alles Predigen, und er wurde so sehr beängstigt, daß er öffentlich Buße-that und sich von der Sect« loSsagte. Ein Gelehrter, der sich als Prophet geberdete, Jffar, warscheinlich auch Verfasser sectireriscker Schriften, wurde eingesperrt und gegeißelt, zuletzt genöthigt, seine Jrrtbümer durch Rundschreiben an seine Anhänger;u widerrufen. Die Schriften «der Secte wurden verbrannt. Gegen Neuerungen jeder Art sprach man feierlich Bann aus, und sandte diesen durch Rundschreiben allen größeren Gemeinden zu. Bald darauf wurde in der Messe zu Brot, wo unzählig viele Gemeinden vertreten waren, eine große Versammlung gehalten, und Bann verfügt übep alle Neuerungen und Neuzxer. namentlich über Einführung anderer Gebete, — mit Ausnahme älterer bestehenden Abweichungen gewisser frommer Kabbalisten-Synagogen^ —, über daS Lärmen und Toben beim Gottesdienst, und über das Tragen weißer Gewänder. BriSk, MinSk und Sklow traten bei und wirkten durch Briefe weiter. In Woschäno verordnet man, keine neuen Betversammlungen zu! dulden und den Dorbttern jede Aenderung zu untersagen. Niemandem solle gestattet sein, Chassibim zum > Sabbathmahl einzulaven. Bei Familien-, Beschneidun^S- und HochzeitSmahlen solle der Hausherr darauf achten, daß niemals zwei derselben beisammen sitzen, daß ^dieselben sich aller Geberden enthalten, und daß sie sofort nach beendetem Mahle sich entfernen. Den Ehqssidim ifli nicht zu gestatten, milde Gaben einzusammeln. waS nu^deu» Rabbinen und dem beamteten Dorbeter zustehe. Kein Eh-fsid darf sich akh Maggid gebühren.