Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 8 (1859) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
8 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4908862-5999350-6000894--1291-4909875
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

»u den Füßen dcS Beschauers breitet sich Bltdab mit seinen weißen, nur Moscheen und Minarcts unrernnschten Hausern und seinem immer grünen Gürtel von Orangenbäumen, die zu gleicher Zeit mit Blüthen und goldenen FriHien beladen' sind. au». Wenn der Mond dieses Gemälde zu erhellen emporsteigr. wenn die weiße Stadt ans den fantastischen Schatten, die durch dir Berge und die (svrreffcn in da» Lbal geworfen werden, hcraustritt. wenn der Sang der Nachtigall sich mit der melaticholischcn Stimme der Muezzim, die vaS Abendgebet auSrufen. niischr. so scheint eS Euch, als ob ein Hauch der Liebe uns der Poesie nnS aus dem Schoße der Stadt mit dein Duste der Orangen anwebe. Man fühlt sich in einem Lande der Legende», und Mysterien, und man begreift die Vorliebe der algierschen DcnS für dies süße Plidab. auS dem sic die Stadt ihrer Lust, den Schauplatz ihrer Liebesabenteuer und ihrer Ausschweifungen machten, und daS bis zum heutigen Lage den Beinamen, Bltdah die bcurlisane. bebalien bat. Aber ack.! wenn man von den Bergen nach rer Stadt bittuntersteigt, daun leben wobl Gesüble und Poesie. Man bat den Traum über die Wirklichkeit vergessen, den Orient über Frankreich. Blidah, wie Algier, bar seinen orientalischen Mantel unter dem Hauche der (Zivilisation abgcworsen: man siebt in ibm nur schnurgerade Straßen, französische Kaufläden, bedeckt mit lügenhaften Zuschriften, Geschäftsleute im Pallelot. flach der Parade gebende Soldaten und Scknellposten, die Enck durch ibr Gerolle betäuben. Vergebens suchen einigt maurische Hauser aus der Mitte der französischen Gebäude, die jene durch ibrc schweren Stockwerke und ihre mit. Ziegeln bedeckten Dächer erdrücken, bervorznblicken; vergebens daß einige verschleierte Frauen. Araber. Neger. Juden, einige mit Burnus, einige mit der Godurah oder der türkischen Tracht bekleidet, unS zuweilen erinnern, daß wir in einem fremden Lande sind; der Orient ist bin und Frankreich überall. daS eingeborene Element verschwindet und mit ibm der asiatische Stempel. II. Blidah zählt auf 11,000 Einwohner beinahe 7,000 Europäer. Der Rest besteht au» Arabern. Mauren und Juden. Diese letztein.-wie überall, sind die meist zahl» reichen. Ebenso wie in Algier sind sie fast alle Kaufleute, Handelsleute oder Schneider. Ihren Sitten nach vollständig Araber vor der französischen Invasion, fangen sie jetzt an . im Gegensätze zu den Muselmännern, die Gebräuche des europäischen Lebens sich auzueignen. Mehr als Einer von ihnen bat eine französische HauSeinrichlung und die Nationaltracht nüt der unseren verrauscht. Die jungen Leute haben, was ihrem Geschmacke keine Ehre macht, den Turban verworren, um sich. höchst prosaischer Weise, mit einer flachen Mütze zu bedecken, sowie die gestickte Weste und die bauschigen PantalonS der Türken. Die Blidader Israeliten zeichnen sich, wie ibre Glaubensgenossen aller Länder, durch ihre Intelligenz, ihre kaufmlännische Thätigkeit und die Leichtigkeit auS. sich dem Willen und den Sitten ihrer Oberherren zu fügen. Einige unter ihnen, die in unseren Schulen erzogen sind, füllen auts Ebrenbafteste DerwallungSvosten auS; die klebrigen. ganz - de!» HcjndelSbeschLftigungen hingegeben, habrn Nichts von Idieserfi einfachen und patriarchalischen Geiste, der kas Ertuheil! ihrer Väter war. und den wir noch bei den Israeliten ^er Wüste angetroffen. bewahrt. Kaum machen hiervon ^wel oder drei Personen, welche sich dem Studium in hstligen Schrift und de» Talmuds hingeben, oder offizielle filemter bei der Svnagoge versehen. eine Ausnahme voll der allgemeinen Regel. Unter Liesen will ich El^azar mir dem Beinamen der Erzähler, ansührcn. > Elvazar ist türkischen Ursprungs, und obgleich in Afrika erzogen, trägt er^ doch den Turban von Kaschmir und -den braunen «asta!» der Israeliten feines LändeS. Er ist ein hochgewi!chsen^r GreiS. mit einer stark ^gebogenen Nase, schmalen Lihpen, und einem liefen'von Intelligenz leuchtendest Äuge. Arm, lebt er von dem be. ^scheidenen Ertrag seine» dreifachen Amte», eine» Vorsängers. Schächter» und Rabbiners. Von liebenswürdigem Charakter imb artigem Benehmen steht er in Verkebr njit allen israetlitifchlen Familien und bat Zutritt in mehr als einem mrstlelmästnischen Haufe. Wohlunterrichtet m der heiligen Schnitt stnd voll von jüdischen und arabischen Traditionen!des -andeS, macht er die Wonne der Eingeborenen während der Abendstunden durch seine phanrastischen oder schnIhaften Erzählungen aus. die er mit einer orientalischen Lebbaftiakeit wievergiebt. Geht er vor einem maurischen KaffeehäuS vorüber, so ziehen ihn zwanzig LandeSkuiVir in den Saal, um ihn vollzustopfen mir Thee. Kaffee uns Tcbak und ihn dafür zum Entgelt zu einer dieser wunderbaren Erzählungen zu veranlassen, von denen allein er Kenrtnlß bat. und welche die naive Einbildungskraft de: Arhber fo sebr anregen. Eleazar spricht und schrcibtt^aS Arabische, Hebräische und Türkische» und kann sich hinmnglich int Französischen verständlich machen. Ich war strährind einer langen Zeit sein Freund ,unD wenn ich zuwejilen!daö Glück gehabt, ibm nützlich gewesen zu sein, so hat er mich weit über mein Verdienst durch seine unermü! liche Gefälligkeit, seine immer gerngesebenen Besuche, sein«! verschiedenartigen und-pikanten Erzählungen belob it. sowie auch durch die köstlichen Kuchen von Honig, und Ani». dir Osterkuchen und die Palmcnzweigc, die er mir regelmäßig zu den Festen Purim. Ostern und Laubhütten zuschickie. Ich habe ihm wohl zwanzig Mal, in der ^Rilte der Seinigen sitzend, wahrend einegai zen AbendS zugehört, wie er irgend eine phantastische o)er schreckliche Legende erzählte, oder wie er auf eine pilante Art Egend ein Kapitel der heiligen Schrift erkbäite. EineS AbendS, beim AuSgang deS SabbathS, bege znete ich ihm. wie er nach seiner Gewohnheit unter din allen Olivenbäume« deS heiligen Haines, der Blidah begrenzt, lustwandelte. Ich setzte mich ihm zur Sei«, dicht an den Palmenbaum, der gerade vor der kleinen Moschee deS Haine» steht. Die Sonne streute ihre letzten Strahlen zwischen daS blaffe Laub der Olivenbä rme und der Abendwinv brachte un», indem er über die Orangen hinweg streifte, einen süßen Hauch deS Wohlgiruch». Die Stunde und der Ort waren für Erzählu lgen geeignet, und Elsazar ließ sich nicht lange bitten, um mich zu befriedigen. Wir unterhielten unS über!>en Zustand der Verachtung, ia_dem die Juden Algerien» vor der französischen Eroberung ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.