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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 7 (1859) · p. Seite 27

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
7 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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Lehre unter den Völkern zu verbreiten, somit Trägerin, aber Such Dulderin seines ErbtheUS zu werden; konnte ein jüdischer Platoniker mit vollem Rechte von diesem Volke sagen, daß demselben daS Prophetenthum für das ganze Menschengeschlecht anvertraut worden war, und seine Mission hat wahrlich noch nicht aufgehört! so glauben wir mit demselben Rechte behaupten zu dürfen, daß die Juden im Besondern waren auSerwäblt worden, wie der Seele die geistige Speise der Erleuchtung, so auch dem kranken' Körper Heilung zu bringen, als Aerzte sich an den Höfen aller Großen, wie in den verfallensten Hütten Eingang zu verschaffen, und es giebt kein Land, wo nicht jüdische Aerzte als Meister dieses so hohen gLitlichen Berufs geschätzt und geachtet gewesen sind. Wir haben gesehen, daß in den frühesten Zeiten die jüdischen Leibärzte an den spanischen Höfen die wichtigsten Rollen spielen. Franz I. wollte nur von einem Juden geheilt sein. In Frankreich und Italien, in Deutschland und der Derberei gelangten die Juden als Aerzte zu den böcksten Würden. An Austreibung und Verbannung gewohnt, konnten sie ja ihren Meisterbrief, ihr allenthalben gültiges Creditiv. als einen sie äußerlich nicht beschwerenden Sckatz allenthalben mit sich führen. Die Medirin ist die jüdische Kunst bis aus den heutigen Lag geblieben, wie denn auch die hohen Regierungen der deutschen Länder unablässig in der „wohlwollendsten Absicht" für die Vermehrung der jüdischen Aerzte sorgen. Unsere Jüüger der äsculapischen Kunst können stolz sein auf einen Genoffcn wie Jsaac Cardoso eS war. Mit einer Schrift über den Vesuv, berühmt durch seine Verwüstungen und durch den Tod deS PliniuS, den wunderbaren Brand im Jahre 1631 *), über seine natürlichen Ursachen und den wahren Ursprung ver Erdbeben und Stürme" eroffnete er 1632 seine literarische Laufbahn, zu welcher Zeit er sich auch als Arzt in Valladolid nie-, verließ. In dieser Stadt übre er einige Jahre seine Kunst mit solchem Glücke, daß er bald darauf als Oberarzt (physico mor) nach Madrid, dem spanischen Athen, wie eS zu jener Zeit genannt wurde, berufen ward. Seine Geschicklichkeit 'wurde an diesem Orte bald allgemein anerkannt und man gab'ihm das Zeugniß, daß die von ihm angeorvneten Mittel nie ihre Wirkung verfehlten. Die ersten Jahre seines Aufenthalts waren sowohl praktisch . wie auch literarisch größtentheilS der Medicin gewidmet; so erschien "1633 sein koSmographischeS Werk „über den Ursprung der Well", 1634 seine mit geschichtlicher Einleitung und Anmerkungen versehene Schrift ,,de Febre syncopali“, in welcher er mit einer neuen Theorie austrat. Dieser folgte im darauf folgenden Jahre daS Werk „über die grüne Farbe, daS Symbol der Hoffnung, daS Zeichen deS Sieges", welches er der Dona Jsabetla Enrique; , von der später noch die Rede sein wirb,-zueignete. . In demselben Jahre lernen wir Cardoso von einer neuen Seite kennen, Cardoso als Leichenredner. Seine hier erzählt werden, feiner Donna endlich an frommen Werken *) Im December 1631 erfolgte einer der stärksten Ausbrüche de- Vesuvs, welcher feit 1500 ruhig gewesen war. Der Krater warf eine solche Menge Asche aus, daß sogar m Konstantinopel davon niedergefallen sein soll. 5000 Menschen verloren durch diese Eruption das Leben. Schnurrer, „Ehronik der Seuchen" (Tüb. 1824) II. 172. Bergl. auch Roth, „der Vesuv" (Berlin 1857) 10 ff. Rede aUf den. Tod de'S größten, wegen seiner unglaublichen Fruchtbarkeit fast vergöttertenspanischen Dichter- Lope d« Vega Carpio wurde dem Herzoge von Seffa, welcher bekanntlich -hie Manuskripte Vega'S geerbt, dafür aber auch die Verpflichtung übernommen chatte, die Zierde der spanischen Literatur, in einem prächtigen-Aufzuge zur Erde zu ibestatten, gewidmet. Wir wissen mdtf' in welcher Beziehung Cardoso zü dieser spanischen Koryflhäe stand — vielleicht war tjt sein Leibarzt — und waren nicht abgeneigt, den Berührungspunkten nachzuspüren, welche zwischen Lope de Dega^ und der Geschichte der Juden sich aufsinden ließen. Zur Charakteristik dieses seit Jahrhun. derten gefeierten, als gekannt vorausgesetzten ManneS möge >aß er. der schwelgerischen Liebe zu nüde, ernstlich an die Religion dachte, efaüen fand, fromme, in den Straßen von Madrid noch heute von den Bettlern abgesungene Lieder verfaßte und södan« als Geistlicher, treuer Diener und Freund deS Samo Ofstcio wurde. Lope de- Vega, der Verfasser von 50Ü Komödien, der Dichter deeroberten Jerusalems, der frühere Sänger ausgelassener Liebeslieder, der trostlos war über den Verlust eines ihm früh entrissenen unehelichen KinbeS — präsidirte bei dem Acte eines Autodafe, wo ein dreierlei Verbrechen wegen ange-' klagter Elender aus Catalonicn den Feuertod erleiden sollte und auch erlitt. Dhr Unschuldige, welcher nur einmal und dazu in einem! taumelnden Zustande dem Priester wäbrend der Messe hie Hostie entriß und sie in Stücken zerschlug, behauptete > männlich seine Unschuld, aber der Präsident vcs 'heiligen Tribunals bewies ihm, daß er Lutheraner und Calvfnist zugleich sei und noch, dazu von einer Mutter stamme,! die Jüdiir gewesen. Diesen letzten Anklagepunkt konnte er gewiß nicht in Abrbbe stellen, und so sah -daS Madrider Publicum an einem kalten Januartage unter Zusammenlauf der wilden Menge, unter der sich auch der Höf befand, diesen sonderbaren Verbrecher öffentlich verbrennen. Lope de Vega, der Präsident, wurde später von einer fanatischen Melancholie ergriffen: er geißelte feinen, abgelebten Körper so furchtbar, daß die Wände seines Zimmers mit Blutstropfenbesudelt wurden und starb an, Raserei am 25. >August 1635 — ein jüdischer , Arzt hielt ihm die Leichemede. Der vielgesuchte.Oberarzt von Madrid, geliebt vom Volke, geachtet von Fürsten, Herzögen und sogar vom Könige Philipp IV., idem er sein 1637 erschienene- Werk „über den Nutzen Schnrejund Wasser kalt und^isck zu trinken", bedicirte, iy äußerm Glücke lebend, gab dennoch seine glänzende Stellung, seine königlichen Freunde endlich auf, weil er ihn nicht mehr ertragm konnte, diesen mehr als alle! Folter quälenden, inneren Kampf, diesen sein Gemüth I beständig beunruhigenden, seine Ruhe verscheuchenden Gedanken» hör seinem Gotte als LarventrägLr erscheinet zu müssen. Nicht daS plötzlich über Cardoso' einbrechepde Mißgeschick, nicht daS jeden Schritt beobachtende,! jede- Wort belauschende, jeden Gedanken erspähende GsanbenSgericht. nicht die Inquisition, die, fei sie königlich! eher kirchlich, sich immerhin die heilige nannte, führte ihn dem Judenthume wieder zu. sondern die fteie Wahl, der Trieb fejneS Innersten GlaubenSquellS, sein Herz, daS nie aufgehört hatte, für die ihm angHammte Religion zu schlagen, jdie mir der Muttermilch eingesogene

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