Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 7 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-28 Liebe zu den Satzungen brachte den lflng gehegten Ent. schluß endlich zur Ausführung, Spanien und Madrid und Alles, waS ihm in dieser Stadt lieb und theuer geworden, zu verlassen; seitdem er einmal erkannt hatte, daß eS deS-rdeln Menschen unwürdig sei, Wohlstand, Ansehen und Würde durch eine Beschränkung im Denken und Glauben zu erkaufen, höhere, immer neuen Reiz und neue Wonne schaffende Gefühle dem äußern, oft im Nu schwindenden Glücke zu opfern, konnte ihn nichts mehr an den Ort fesseln, der mit so vielen Auszeichnungen ihn überschüttet hatte. Nach Italien, diese» obwol päpstlichen, aber in jener Zeit für die Juden doch so heimatlichen Lande, daß eS gewiß nicht ohne Grund daS jüdische Paradies genannt wurde, wandte Cardoso. seine Blicke und wählte Venedig, die Stadt mit ihren reichen Juden, zum einstweiligen Aufenthalte. Hier angelangt, fiel mit den Schuppen von seinen Augen auch der Name Fernando. Freudig und willig ließ er die einzig und allein den Juden weihende Operation an sich vollziehen und schmückte sich mir dem Namen deS zuerst auf göttlichen Befehl durch daS Dundeszeichen geweihten Juden. An dem Orte seiner Weihe und Wiedergeburt entstand auch 1673 unseres JfaacS treffliches, naturphilosophisches Werk unter dem Titel'„Philosophia libera“, in welchem er nach einer als Einleitung vorangeschickten Geschichte der Philosophie bis auf feiffe Zeit das ganze Gebier der Naturphilosophie methodisch betrachtete und welches dem damals so mäch- -i tigen. mit Mnigen und Kaisern an'Pracht und Glänz wetteifernden, die Juden ganz besonder-- schützenden Senale der Lagunenstadt von ihm gewidmet! wurde. Italiens großer Geschichtsschreiber, Gregorio Leti, welcher von de.n zu jener Zeit größten Mächten Europa-, Frankreich, England und Holland, als solcher besoldet wurde., kannte Cardoso und tbut des eben genannten aus sieben Büchern bestehenden Folickiten Erwähnung. Pon Venedig wan- Kerle er, aber erst in den letzten Jahren feine- Lebenaus uns unbekannten Gründen nach der zu jener Zeit blühenden jüdischen Gemeiner Verona, und auch hier erwarb er sich den Ruf eines tüchtigen, in seinen Euren glücklichen ArzteS. WaS Cardoso alT-Arzt, Naturforscher und Philosoph geschrieben, waS er auf dem Gebiete ^dieser verschiedenen Wissenschaften geleistet hat, haben wir im Verlaufe unserer . Betrachtung, wenn auch nrzr durch di« bloße Angabe der Werke erfahren, und wir haben nun noch sein letztegroße- Dermächlniß,-welcheseine Leistungen für Juden und Juventhum verwahrt, feine vorzügliche, sehr seltene Schrift „Excelendas y Catanias de tos Hebreos“ kurz in- Auge zu fassen. Diese ist, wepn wir richtig »er« muthen, zur Abwehr gegen politische Bedrückung "und jesuitische Verunglimpfungen erschienen und insofern beruht ihr Entstehen auf geschichtlichem Grunds. Mit dem 1676 gewählten, damals schon 66 Jahre ollten. aber dennoch glühenden Papst Jnnocenz IX. war ein schwerer Druck über die Juden Italiens gekommen. Znnocenz war, wie der wohlbekannte, mit jüdischer Geschichte so vertraute Leo sich au-drückt, „von der Würde derömischen Stuhls begeistert", und die Jesuiten, diese ehernen Stützen und Träger de- Stuhls, regten die Bevölkerung Italienan allen Orten gegen die Juden auf. Gewöhnliche, den Charakter definstern Mittelalters an sich tragcnde Beschuldigungen wurden auch damals — und Niemanden wird eS Wunder nehmen, denn selbst die „Aufklärung unserer besseren Tage erstreckt sich noch lange nicht so weit", daß diese der menschlichen. Vernunft Hohn sprechenden Anklagen gänzlich verklungen wären — gegen die arme Menschenclaffe vorgebracht. Da sollten sie auS Muthwillen, um sich gütlich zu thun, Heiligthümer schänden, unschuldige Kinderzur Augenweide martern, da sollten sie Brunnen vergiften, sollten treulos handeln gegen die ihnen Schutz gewährenden Fürsten, io ihren von Dank und bitterer Klage überströmenden Gebeten nich den Segen deS Himmels für ihre anders denkenden und anders glaubenden Mitmenschen erflehen, da sollten sie — und waS nicht Alle-? Was war nicht dem nur Haß und Verfolgung brütenden Gehirn jener schwärmerischen Finsterlinge entsprossen? Tiefe und überraschende Gelehrsamkeit prägt sich in diesem- Bosheit und Aberglauben zugleich bekämpfenden, großartigen Werke auS; Cardoso verbreitet sich darin, über die neuere und ältere Geschichte und entlehnt mit vieler Geschicklichkeit den heiligen Schriften die Waffen, deren er in seinem Kampfe bedurfte. DaS Ganze zerfällt, wie der Titel auch schon besagt, in zwei Haupttheile, wovon jeder wieder in zehn Capitel zerlegt ist. Auf den Inhalt dieses von uns mehrfach benutzten Werkes hier näher einzugehen, kann unsere Absicht nicht sein. Cs sickert seinem Verfasser für ewige Zeiten den Ruhm eines tapferen VerlheidigerS feiner Glaubensgenossen und in der reichen von Philo eröffneten, nock nickt zum Abschluß gekommenen Literatur der jüdischen Polemik wird man nie vergebens nach dem Namen Cardoso suchen. Ein Jahr vor seinem Tode, welcher ihn aller-Wahrscheinlichkeit nach in Verona ereilte — 1678 hielt er sich .dort noch auf — erschienen seine gewiß nicht ohne Grund gerühmten „Verschiedenen Poesien". UnS sind keine davon bekannt. Jacinto Cordeiro, dessen „Sieg durch Liebe" lange Zeit ein Lieblingsstück der Madrider Bühne war, hat unserem Doctor Jsaac Cardoso in seinen „Lobliedern", und der berühmt« Zaeuto Lusitano, dieser Glanzstern seine- Jahrhunderts, wie. ein Krakauer Professor ihn nennt, . seiner medicinischen Kunst ein Denkmal gesetzt. Allgemeine Zeitung des Judenthums. No. 6. 1859. Leitende Artikel: Die Kundgebungen der Israeliten in Frankreich. — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Preußen: Bleicherode, Berlin, Magdeburg. — Oesterrelchischer Kaiserstaat: Waitzen. — Frankreich: Paris. — Dänemark: Kopenhagen. _Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thaler. Verantwortlicher Redactenr: K. Rabe. Verlag von Vaumgirtner'« vuchhaudluag in Leipzig. — Druck vva «lexauder Diebe iu Leipzig.