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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 6 (1859) · p. Seite 23

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
6 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
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23 einigen Stunden weggekommen zu sein und reiste freudig ab. Aber wie seltsam! alt die Nacht hereingebrochen war, kam Rabbi GersLon abermals höchst mißgestimmt und klagte über den Unfall, der ihm zugestoßen. ' Ein Rav sei zerschmettert, und nun werde er wohl schwerlich auf die Feiertage bfimkommen kennen. Sein Schwager sagte, es sei pure Unmöglichkeit, da kein Schmied in der Nähe sei. er müsse sich also schon gefallen lassen, die ersten Tage deS Peßach bei ihnen zu feiern. Jener fügte sich in die Nothwendigkeit, und betrachtete sich alt.da- Opfer deS bloßen Zufalls. Nicht so sein Schwager. Dieser verharrte in feinem bedeutsamen Schweigen, und dachte bei sich: „Bald soll er einet Besseren belehrt werden" und ging abermals zu feinem.Geschäfte in die Mühle. Alt Letzterer hinaus war, näherte sich sein Schwager der Schwester und sprach: „Bis jetzt habe ich ganz vergessen. Dich zu fragen, wie et um Euren c* steht, babt Ihr schon Alle- Euch angeschafft? Da Morgen der Rüsttag zum Peßach ist. mußt Du wobl schon AlleS in Bereitschaft haben, wo sind Deine Mazots. Fleisch, Wein und alles Andere?" Mirjam war in höchster Derlegenbeit; von Allem diesem nichts! nichts! waS sollte sie ibrem ungläubigen Bruder, rer AlleS nur handgreiflich sehen wollte, antworten? Doch sie faßte ein Herz, und sagte: „Lieber Bruder! unsere Armuth ist groß, ober Gotte- Allmacht und Barmherzigkeit weit größer. Ihm vertrauen wir, er ist unser Retter in*der Notb." „Ich weiß es sehr gut", sagte Jener voller Entrüstung, „daß die Allmacht und Güte Göltet schrankenlos; aber welch' ein Un- und Wahnsinn wäre et, die Hände in den Schoß zu legen und geduldig abwarten zu wollen, bis er den Himmel öffnet, um uns von da unsere.leibliche Speise herabregnen zu lassen. Dahieße ja Gott versuchen und seine Güte mißbrauchen! Die Zeit der Wunder ist nicht mehr! Kein Manna läßt Gott seinen Erwählten vom Himmel regnen, aber wir müssen Hand anS Werk legen, müssen streben und unser Brot im Schweiße de- Antlitzeerwerben. Wenn ihr so arm seid, daß ihr selbst am Nörhigsten Mangel leidet, warum sagtet ibr mir'S nicht früher? Wir konnten einen Boten in die Stadt schicken und für Geld AlleS anschaffen; aber jetzt ist eS zu spät, und wir können ja Hungersterben." „Bei allen anderen Menschen mag eS wphl so der ' Fall sein wie Du sagst", sagte schüchtern die Schwester, „aber nicht so binsichtlich meine- Mannet; sei ganz unbekümmert, lieber Bruder, wie oft habe ich bei ihm schon erlebt, daß, alt die Noth am höchsten. Gotte- Hilfe am nächsten war; Hoffnung also und Vertrauen auf Gott!" Der Bruder zuckte die Achseln und dachte: derselbe Wahnsinn als damals, da sie sich einbildete, die Stimme der Mutter allnächtlich zu vernehmen. Er versuchte dann den Schwager zu bewegen, einen Boten in die nächste Stadt zu schicken, dieser aber verficherte, daß die Zelt zu kurz für einen so weiten und schlechten Weg. Schlaflos brachte Rabbi Gerswon die Nacht zu — sich vergeblich mit Muthmaßungen abbärmend, waö baS Ende hievon sein könne. Endlich jedoch tröstete er sich mit der schwachen Hoffnung, daß vielleicht Glaubensgenossen in der Nähe sein mögen, welche, wie eS fo oft zu geschehen pflegt, von jüdischer Barmherzigkeit beseelt, auch hier Abhilfe schaffen werden, und daß seine Schwester bloS suS Scham gefühl eS ihm verhehle. Er wartete' also geduldig btS Mittag. Schon ist der pjn verbrannt, die Stube so ziemlich rein gemacht, da- -wenige Äöbel gescheuert, aber aus dem .Kamine kein Funken Feuer, um daS Mittagessen zu bereiten. Eine namenlose jüngst bemeisterte sich unsere- Rabbi. zu dessen größtem I Erstaunen und Aerger die Schwester und ihr Mann! seiner Unruhe den größtem Gletchmuth.entgegensetzten.!! Er glaubte sich im Hause Irrer und/verstuchte seine -Sckwachherzigkeit, die ihn in diese traurige Verlegenheit versetzt. Stunde auf Stunde verrann und keine Spur von Hilfe! Nun vermochte er eS nicht länger zu ertragen, er wollte schön die ganze Wucht seines Zorneauf die arme Schwester wälzen, als sein Schwager Israel mit freudiger Miene hereintrat und seinen Gast rinlud, mit ihm hinauszugehen, um im frischen klaren Wasser de- Bachedie vorschriftmLßige NV12U vorzunehmen. Rabbi Gerschön fühlte bei seinem Hunger. Zorn und Angst gar keine Lust zum frischen kalten Bade; da es aber vom Gesetze vorgefchrieben wird, konnte der Rabbiner dem Ansinnen seine- Wirlhesich nicht wikersetzen und fügte sich auch hierein. Kaum hatte sich Rabbi Israel mehrere Male unter- Wasser getaucht, alt sein Gefährte eine merkliche Merarmopbose, die mü ihm vorging, bemerkte. ES schien albähte er seine vorige Hülle von sich gestreift, und ein neuer höherer Mensch, J verklärt und in tiefem Entzücken versunken, stände vor ihm.^ Unwillkürlich fühlte er sich von einem geheimen Schauer" und tiefer Ehrfurcht ergriffen. Erst,rer setzte seine mVott fort und schaute immer fir auf die Wasserfläche hin längst de- Bache-. Rabbi Gerschön folgte mir seinen Augen den Blicken de- Schwager-, und ihm schien eals bemerke er in weiter Ferne den Schattenriß eine- Kahne-, geleitet von einem einzigen Ruderer. Mit jeder Minute kam der Kahn näher und als er in ihren Gesichtskreis kam, zeigte esich, daß ein Dauer auf demselben saß und mit kräftiger Hand ihnen zuruderte. Angelangt' fragte der Bauer im- Dialekte der dortigen Dauernsprache nach dem Pächter der Mühle Rabbi Israel. Als dieser sich ihm für die Person au-gab! die er fo eben verlangte zu sprechen, sagte Elfterer, er käme von der nächsten Stadt, von wo ein gewisser Kaufmann dem Rabbi Israel die inliegenden Sachen zum Present aus die Feiertage geschickt und bat. man möchte ihm behilflich sein au-zuladen. Die Beiden eilten froh audem Wasser und zogen den Kahn auf» Ufer. Bald fitzg man an au-zupackes und sieb! welche Wundersachen enthielt diestr Kahn! FeineS Silbergeschirr, MazotS von blendender^Weiße, geschlachtete welsche Hähne, Fäßchen mit feinem goldenen Ungarwein, bunt gewirkte Divan-, feinelinnene- Tischzeug u. s. w. Rabbt Gerschön -glaubte feigen eigenen Augen nicht. „Auf", sagte sein Schwager „laßt unS diese Kostbarkeiten heim bringen, daß meine Mirjam Anstalten zum Eeidarabende treffe. Man brachte die schönen Dinge"^ heim. Der Bauer bat.-man möchte ihm gestatten zu übernachten, und als man ihm diese Bitte gewährte, setzte er fich in ein Winkelchen hin, seine kleine Pipe schmauchend. „Wunder",-dachte Rabbi Verschon bei sich, „sollte fich die Mildthätigkeit so weit erstrecken! und womit hätte

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