Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 6 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 Ratbe foljrn, und sie ganz ibrem Schicksale überlassen. Ich wasche bann meine Hände in Reinigke^t und bin an idrem künftigen Elende unschuldig/' Rabbi Meier niußre nun den Man« Herdringen, - welcher Allegetreulich berichtete, was er mit eigenen Au^en gesehen. AIS Rabbi Gersckon kein Zweifel -mehr übrig blieb,'fügte er sich der Nochwendigkeit,— und bald übte der alltägliche Gang des Lebens und die AlleS bei» lende Zeit ibre Macht auch über fein bekümmertes Herz au<. daß feine Wtrnde, wenn auch nicht bellte, deck bald vernarbte. ES verstrichen mebrere Jabre, und die selbstsüchtige Hoffnung Rabbi Gerschon's, daß Notb und Mangel endlich seine Schwester zwingen würden, ihren ihm mißliebigen .Mann zu verlaffetr, zu ihm zurückzukehreo und seinem Willen sich zu fügen, schwand allmLlig. Diesem gelang eS nämlich, eine von einem kleinen Dache-in Bewegung gesetzte Mühle in Pacht zu nebmm. von deren Ertrag sie, wenn auch nicht in Üeberfluß^ doch nicht in drückender Armuth ibr Leben fristeten. Der Bruder zog immer Erkundigungen ein. und erfuhr, daß .sie ein zufriedenes. obgleich nicht wvblbabendeS Leben führen, und '' daß Gott ihre Ehe mir Kindern gesegnet. Im Laufe der- Zeit fing, auch sein Groll gegen ibren Mann zu schwinden an, seine natürliche Gutmütbigkeit gewann nach und nach die Oberhand und die Liebe zü seiner Schwester erwachte Wieden * Einst — es war in den ersten Tagen d«S MonatS Nisan — hatte Rabbi Gersckon -eine Reise nach einer mebrere Meilen weiten Stadt zu machen, wobin er 1>ei Mißbelligkeüen der Gemeinde als Schiedsrichter berufen worden, und fcm Weg Hbrte ibn nicht fern von dem Wohnorte seiner Schwester vorbei'. Er war im Zwie- ' spalte mit sich selbst, ob er einen Abstecher mache und die so lange ungesehene Schwester besuchen solle. Sein gutes UrbendeS Herz.drängte ihn mächtig dahin, um mit eigenen Auge anzusehen, wie sie leben und weben. Allein sein lebendigstes Selbstgefühl und der Widerwille gegen ibren Gatten sträubten fich mit Macht .dagegen. Er kämpfte lange mit sich, aber letzteres Gefühl gewann die Oberhand und er reiste vorbei, ebne seine Schwester gesehen zu haben. Desto unwiderstehlicher aber erhob sich die Sehnsucht nach derselben auf der Rückreise, daß er endlich beschloß, auf einen Tag — länger konnte er nickt, da das Peßachfest vor der Thür war — sie zu besuchen. E'r kam — die Freude des HiedcrfebenS zwischen Bruder und Schwester nach so langer Trennung, wer vermag sie zu schildern? Aber welch' «in unsägliche» Weh mischte sich in diese bittere Freude! Bei jedem Schritt und Tritt im Hause'bUckle ihn ihre Dürftigkeit an, in jedem Winkel de- Hause» sahs er Spuren der Armutb. Seine sonst so schöne» Mirjam war ärmlich „ gekleidet, abgehärmt von den vielen bäu-lichen Sorgen. - Einige halbnackte Kinderchen umringten sie. trockne» schwarze» Brot verzehrend. Wie weh tbat dieser Anblick dem guten Herzen de» Bruder- und verkümmerte ihm die Freude de» Wiedersehen-. Ihren Mann fand er nicht zu Hause, er war in den nahen Forst gegangen, um Holz zum Bedarf der Feiertage zu fällen. I» Als die erste Stunde de- Willkommens vorüber war, begann der Bruder, feine Schwester wehmbthig betrachtend : „Daß Du mich so vielfach gekrankt und meinem brüdeckichen Herzen so vieles. Weh bereitet, habe ich Dir, liebe Schwester, längst verziehen; aber der Gedanke, daß Du Dir dies Geschick selbst zugezvgen, erfüllt von Neuem mein Herz mit Gram und-Sorge, und meine Wunde, durch die Zeit längst vernarbt, bricht von Neuem auf. Doch ich will Dein Her; nicht mit Vorwürfen betrüben, und die Last Deines Mißgeschickenoch drückender machen; aber sage mir,, meine Liebe, wie lebst Du mit Deinem Manne? Weiß er wenigstens Deine Tugenden zu schätzen? O! ich weiß, er ist ungeschliffen und grob, gewiß vermag er Dich nickt zu würdigen und behandelt Dich so wie er selbst ist." ,.O lieber Bruder", versetzte Mirjam, „wenn Du meinen Mann nach seinem Aeußern beurtheilen wolltest, so würdest Du Dick sehr täuschen. Hai jemals der Schein gelogen, so ist'S bei ihm der Fall. Sein Innerstes bietet zu diesem unscheinbaren Aeußern den grellsten Gegensatz. Unter dem groben Kittel seines gemeinen AnzugeS schlägt' daS zärtlichste Herz"; sie blickte durchs Fenster und sprach freudig, „so eben kommt er. o! ich bitte Dick, zeige ihm ein freundliches Gesicht, feine Liebe zu mir verdient es gewiß." Die Thür ging auf und Israel trat ein, in einen groben Schafpelz gebülll und mit einem Stricke umgürtet. AIS er den Schwager erblickte, legte er die Art aus der Hand und hieß ihn herzlich willkommen. AlS er aber dem kalten, fast verächtlichen Blicke Rabbi GerschonS begegnete, mit dein er ihn vom Scheitel bis zur Sohle maß. wandte er sich weg, machte sich im Zimmer etwas zu schaffen und ging dann zu seinem Geschäfte. AIS er hinaus war. warf der Bruder abermals einen wehmütbigen Blick auf seine Schwester, welche, um der ppinlicken Lage zu entgehen, sich mit Allerlei zu beschäftigen suchte. Bald war da» MittagSmabl fertig, daS, so sehr sich Mirjam auch bemühte. eS komfortabel zu machen, ln den Augen deS Bruders höchst ftugal erschien. Er gab sich natürlich zufrieden und nach dem Essen hieß er die Pferde spannen, um sich auf die Reise zu machen, al» ihm sein Sckwägcr entgegen trat und ihn bat, bei ihnen die ersten Tage de» Peßach zuzubringen. „WaS fällt Dir ein?" sagte Rabbi Gerschon, ihn mir großen Augen ansehend, „wie ich sehe, würdet Ihr Gott danken, daß ihr euer eigenes Auskommen hättet, nicht, daß ihr euch noch mit einem Gaste beladet. daS ist sowohl für mich wie für euch höchst beschwerlich; haltet mich also nicht vergeblich auf und laßt mich ziehen. 3ch habe noch einige Meilen zu reisen, der Weg ist schlecht und morgen ist nvv Der Schwager ließ ihn gewähren. und er reiste ab. In wenigen Stunden aber hörte Mirjam einen Wagen vor der Thür anhalken, und bald sah sie ihren Bruder mit kläglichem Gesichte eintreten, der sich beklagte, daß bei dem holperigen Wege im Walde eine Are zerbrochen sei. Man ging bald an- Werk, und nach Verlauf von einigen Stunden war die Are so ziemlich zurecht gemacht, und der Rabbi war froh, mit dem Verluste von