Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 2 (1859) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
2 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4908862-5999350-6000885--1261-4909851
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7 Dir ist c» ja ein Leichte-, im Buche de» Schicksals zu lesen." „An diesem Orte und zu dieser Stunde ist emir unmöglich", versetzte Jener, „wenn eS Dich jedoch so sehr drangt, den Schleier der Zukunst zu lüften, so komme nächstens zu mir in meine Hütte, Dir soll dann Dein Wunsch gewährt werden!" Sprach- und trat bald seinen Rückweg an, wo er im Dickicht de» Walde» bald verschwand. E» ist Nacht. Schlaftrunken liegen die Räuber in verschiedenen Gruppen vertheilt. Hoch über sie wölbte sich der dunkele Azur de» sternbesaeten Himmel». Ihre wilden, von innerer Aufregung entstellten Gesichter umfächelte die würzige kühle Nachtlusr. Eine feierliche Stille, nur dann und wann unterbrochen von den melodischen Tönen der schlagenden Nachtigallen, war über die ganze Natur ausgebreitet, diese ewig zärtliche Tochter de» Schöpfers, die um sein Meisterwerk immer und überall ihre buldvollcn Arme schlingt — er mag auf der Höhe der Sitlenreinheik stehen, oder im Schlamme der Entartung versunken sein. Nur von einem von ihnen, den wir in ibrer Mitte in halbliegender Positur gewahren, ist der Schlaf gewichen. ES ist der Häuptling, mit dem seit jener Begegnung eine merkwürdige Metamorphose vorgegangen war. Seit jener Stunde fand er nirgend» Ruhe mehr. Seine wilde Entschlossenheit war gebrochen. , Wenn seine ganze Vergangenheit bis jetzt nur im Dam-! merlicht der Erinnerung in seinem Geiste lebte, so lebte! sie jetzt ganz neu in seinem Gemülbe auf. E» schien als hätte eine Zauberhand den Vorhang, der sie bi» nun verhüllt, wezgenommen. und sie'stand da vor ihm in ' ihrer ganzen Pracht mit ihren lieblichen Bildern und reizenden Jde.'len. die nun wie ein Traum zerronnen. ' Die Zauberin Phantasie versetzte ihn in seine Kinderjahre, in die blühenden Fluren der Kindheit, wo er so viel Blumen gepflückt, so viele ihm im Schoße der Zeit noch keimten, und nun vom Sturmbauche des lasterhaften Leben» so schrecklich geknickt und zerstört dalagen. Welchen schrecklichen Gegensatz bor seinennstiqe Vergangen-! heit zur jetzigen Gegenwart. In welche Qualen fchleu- ' derle ihn dieser Vergleich! Und aufgestackelt vom inneren Kampfe mit sich selbst, aufgerüttelt vom Sturme, der in seinem Busen wüthete, und den er vergeben» zu be- , schwichtigen sich abmühte, erhob er sich von seinem Lager, und einen flüchtigen Blick auf seine Raubgenoffen weri send, der ihn schaudern machte, erhob er ihn bald zum heitern funkelnden Himmel; und al» ob ein bitterer Vori Wurf auch von dort ihm in die Seele sprühte, wen- , dete er ihn bald auch von dort ab. Endlich raffte er ' sich zusammen, hüllte sich in einen Mantel, steckte zwei geladene Pistolen in die Tasche und schlug den Weg ein in derselben Richtung, wo der junge Mann verschwunden war. Er mochte wohl eine Stunde lang durch die > Schluchten und Hohlwege geklommen und durch den dich-! ten Forst sich durchgeschlagen haben, al» plötzlich eine I lichte Strecke im Walde sich ihm zeigte, in deren Mitte j er eine Hütte gewahrte. Er richtete feine Schritte dahin, s und befand sich bald bei einem Pförtchen, da» sich leicht , öffnete. Er befand sich dem jungen Manne gegenüber, zu dem ihn ein unwiderstehlicher Drang so mächtig hingezogen hatte. „Ich binzu Dir geksmmen", hob der Räuber an; „Dich um die Lösung Deine» Versprechen» zu bitten, —sage mir, welche» Geschick mich und meine Genoffen erwarte." „Ein Mann^vie Du, der einem edlen Grafengeschlechte entsprossen, den «er nur die Treuuud Lieblosigkeit eine» Weibe» — Dritte Stiefmutter zur Derweiflung und diesem teuflischen Handwerke getrieben, »erlangt gewiß nicht von mir die trügerischen Gaukeleien eine» Zau-, derer» und Wahrsagers", erwiederte Jener fest und ernst, »diese vermöchte ich auch nicht zu geben; allein wenn Du wissen willst, wa» für ein Ende die göttliche Religion unv die menschliche Erfahrung weissagen solchem Menschen wie ihr, so will ich» Dir inkurzen bündigen Worten sagen. In unserem Leben herrscht kein Fatum, da» mit eiserner Hand defr Menschen feinem Verhängnisse zuführe. — Alle» wa» tf»S hienieden begegnet, ist zwar der^reinste Ausfluß eine» über un» waltenden liebevollen göttlichen Wesen», dennoch ist der Mensch trotz seiner Abhängigkeit von 6 er göttlichen Leitung gewissermaßen Meister seine» Geschicke», weil er Herr seiner Handlungen ist. deren Folge — die himmlischen Schickungen sind. Die Pfade, die'zum Leben oder Tode fuhren, stehen Je»»,« offen; der Mensch bat freien Willen zu wandeln an* beiden; er hat auch dann noch freie Wahl, wenn et den verderblichen eingeschlagen, auf den guten zurückzukehren. Kein sittlicher Abgrund ist so tief, von dem eine Wiederkehr unmöglich wäre. Die ewige Vergeltung ist altgerecht, und die menschlich« Erfahrung, diese ewige Lehrerin der Menschen, lehrt, daß die Feinde der Gottheit und der Menschheit noch nie. ein gute» Ende! genommen, — und Du willst nicht ableugnen, daß D» einer der größten bist. Auf also! und folge dem Rufe Deine» Herzen», da» in Dir erwacht zum besseren Leben, zur' Wiedergeburt! Denn wie da» Wild im Walde, gehetzt und verfolgt, fällst Du doch endlich in die Hände der Gerechtigkeit, die dann die Versündigung gegen sie in Deinem Blute abwäscht. Auf also, nicht gezaudert! Der Weg zu Deiner Wiedergeburt sühn Dich über den Ocean. in die Hemisphäre, wo die Freiheit rhrxn Sitz aufgeschlagen, wo ungeheure Länderstrecken der menschlichen Hand warten, um.zum Eden Gotte» umgeschafftn zu werben; dort eröffnet sich Dir ein neue» harte», aber arbeitsame- und fleckenloses Leben. Zwar werden die Wogen de» Weltmeer» nicht vermögen, die Schandflecken Deiner Seele abzuwaschen, aber einst nach einer grtzßen Reihe von Jahren wirst Du geläutert dastehen, und meiner Worte eingedenk sein. -Wer von Deinen Genossen meine Worte beherzigt, ziehe mit Dir// Wunderbar fühlte der' Räuber sich zu Muthe. Eine 4 Sonne war ihm aufgegangen, wie sie ihm lange seine» . Leben» Bahn nicht beschienen. Neue Hoffnungen belebten seinen gesunkenen Muth. Er sank endlich auf die Knie uizp rief au»: „O, Erhabener! womit habe ich so viel Güte verdient? woo^it kann ich mich erkenntlich zeigen?" „Beide» ist längst geschehen", sagte der junge Mann feierlich, „nur eine Schuld der Dankbarkeit habe ich abgetragen! Erinnere Dich jener schauervollen Nacht, al» Deine Horde da» Städtchen D. überfiel, und dort ihre Mordbrennereien verübte. Einige von ihnen hatten sich in einem Winkel desselben verloren, dort da» Häuschen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.