Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 49 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4908862-5999346-6000874--1228-4909825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
rss „Gewiß so viel, um von den Zinsen leben zu können, tin Rittergut zu kaufen?" „Za wohl, Moritz, mit 1700 Lhlr., die ich für die Bibliothek und da» Mobiliar meine» Vater» gelöst habe. Da» ist der ganze Nachlaß eine» Manne», der da» ganze Fürstenthum hätte früher verschlingen können, ohne daß ein getreuer Unterthan Anstand genommen hätte: „Gesegnete Mahlzeit" zu sagen." „Nicht wahr. Heinrich?" „Gott habe den Braven selige Die neuen Minister verstehen e» besser. Aber genug davon. Sag mir Emil» Addreffe!" „Emil»? Wa» willst Du von Emil?" „Zu ihm will ich. Moritz, zu ibm. Zch habe tbm weh gethan, er wirb mir helfen. Ihr habt allein Herz und da» nöthige Zeug, so einen germanischen Dickkopf aufzuhellen. Hier im Lande bleibe ich nichts Ich lege die Juristerei in ein Ladenfach oder auf den Comptoirpull. Emil soll mich durch da» seichte Fahrwasser meiner balbvergessenen Reguladetrikenntniffe fortbugstren, bi» ich flott bin. wie Ihr seit der Geburt." „Aber Heinrich Du —" „Ja. ich Heinrich. Erbe von so und so viel Abnen, früherer Aspirant aller möglichen SiaatSorden und wirk» licher Inhaber von hundert CotillonSorden au» hoben Ressourcen und Casino». Vielleicht auch, daß ich Ingenieur, Monteur. Operateur, Gott weiß wa». im freien Amerika werde. Ich bleibe achr Tage bei Dir — mit Ihrer Erlaubniß. verehrte Frau, wir plaudern von alten Zeiten, besuchen einmal den braven Schreck und Deinen Schwiegerpapa, dann gen Hamburg und Hüll. Am 15. geht da» Dampfbool Esperantia von Liverpool, so soy sie nicht die Setzei blähen — wie der Lrben»mutb eine» der vielen Passagiere von Hoffnung anschwlllr —s und dieser eine bin ich." „O, bleibe im Lande — wa» mir gehört, ist Dein." ..Da», weiß jich. Junge. Familienliebe, zarte Unterstützung. unverdpoffene Hilfe, sie find nur unter Euch. Bei un» heißt es. mitgegeffen und gewunken,.dann vergessen und versuinken. Wir find schlanke Maste, die der Sturm knickt. Ihr seid wie ein Keller, je mehr Druck, um so fester hält er. Ich kann bet Dir nicht bleiben. Moritz. Wir stfhen nicht Erew Reaktion, wir sind mitten im politischen J>om-Kippur. Siebst Du trotz Geseniu» noch der alte Hebräer. Der grüne PietiSmu» unserer Tage würde Dir und mir die neue Freundschaft wieder versalzen. Abgemacht, ich gebe. Ist Emil noch sul zorir?" „Er ist noch unverheirathet. Du unverbesserlicher Trotzkopf." „Gut, dann werde ich Dein Schwager. Emil soll für» Geschäft sorgen, ich koche ihm Kaffee und braue Bowlen, die erste Ehe ohne Haube! Wird der Junge Augen machen, wenn sein strenger Richter, der trübere Herr über Leben und Tod ihm die Hand bietet mit 1700 Thlr. baarer Mitgift und einer Million Fehler und Dummheiten —-. Wenn er mir nicht au»reißt bei meinem Anblick und mich für meinen frühere« Gefangenwärter hält. Du mußt mich moralisch bei ihm accreditiren. Moritz." So saßen und sprachen die beiden Freunde bi» zum späten Abend. Jede frohe Stunde früherer Tage fand ihr Echo, die. späteren Mißbelligkeiten erhielten schließlich unter Anrufung der Göttin Cerevifia ein solenne» Pereat. Die Abschiedsstunde schlug. Moritz und seine Fray batten den Breven bi» zur nächsten Station geleitet. Da» Signal verkündete den bald heranbrausenden Zug. ..Einsteigen,.meine Herren, hier II. Classe. Hannover. Lehrte. Hamburg!" Wie bewegr drückten sich die Freunde die Hand. Heinrich weinre. „Nicht über Dich und mich, Moritz", rief er ärgerlich über die vorlauten Tbränen, „ich weine über die Europäische Dummheit, die auch auf Seelenharmonie. auf Freundschaft rbr „Koscher" drückt. Alle» au» dem Gläirbigen. eine Null au» dem Individuum macht. Leb wohl!" „Adieu. Heinrich, grüße Emil!'< Dip Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Mathilde winkte mit dem Tuche, Heinrich schwenkte den Hut au» dem.Fenster — trr Zug bog um eine Ecke und war unsichtbar. Nach 4 Wochen kam /io Brief von Heinrich an, mit dem Poststempel Cineinn-ti.—Wie hastig wurde »"erbrochen. die Augen der beiden Gatten wetteiferten im Verschlingen de» Inhalt». Er lautete: ..Gemacht, lieber Moritz! Der Lreon hin)» mir. der Himmel über mir und Emil bei mir. Bei der ersten Taffe Kaffee, die ich kochte, platzte srriljch die Maschine — aber für Spirilu» ist gesorgt. Emil ist ein ganzer Mann, kein theoretischer Grillenfänger wie Du, er fitzt nicht mit der Harte an Babel» Flüssen und trauert — und doch ist er ein kerniger Jude, so ein Hochchargirter in der Loge der „Boe Lritlr!“ Auch hier geheime Gesellschaften für offenen Ehrgeiz. Denke Dir, ich bin im Tempel gewesen. Gerade wie dort, meine armen Obren! Wa» wir find? Menschen! Und dann? Keine Uankees. Wenn mich der Herr - Obristlieurenant nebst Fräulein Tochter sähen-! Wir haben clothing störe, größer und eleganter, ober sonst dasselbe Geschäft, wie beim „alten Salme mit der Glatz in der .Dreckgaffe." Lch spreche so schlecht englisch, daß nur mein Rechnen noch schlechter ist. ober Emil und Schaden werden mich curiren. ' Unser Hau» in der „Walnnt Street“ kann Euer halbe» Rest beherbergen. -Nun denke Dir auf goldnem Grund mir blauen D»chstaben die Firma von Brown ch .... Mein „von" remittire ich Dir zum Verkaufe auf da» Höchstgebot ohne Limitirung de» Preise». Und nun laß Deine Träumereien. Bleibt hübsch, Ihr Juden. unter einander und vertragt Euch. Legt Euch da» Leben zurecht. Wenn sie Euch in Deutschland die Gesellschaften und SlaatSpforten öffnen — dann^ müssen die Klößköpfe berau»spazieren und Jbr seid dock» wieder allein. E» wird dort nie wa»; Moll und Dur. Daß und Flöte, e» geht nlcht. Und wenn'» ginge, wa» wär'»? Sei nur immer Mensch al» Jude — dann siab> Dir alle Menschen Juden. Gott befohlen Euch Beide und mich meiner Bürgerwehrbravourbeldin Mathilde empfohlen. Dein Heinrich." P. 8. „Der oltt Löwe soll da» Negieren lassen. Die Juden hoben Recht. In jedem Parnaß steckt ein Tyrann. Wie leicht könnte Goldstein den Brutn» spielen!" > V.