Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 46 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999346-6000872--1218-4909816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
183 Die Juden in Kurdistan. ^Aus^Senjamin'S „Acht Jahre in Asien und Afrika".) Kurdistan, daS GebirgSland in Asien östlich vom bebauen, ohne die geringste SchadloShalt langen zu können oder zu erhalten. Der Herr gebietet über Leben und Tod er verkauft sie nach seinem Gefallen an entwever in ganzen Familien oder «inzel >e Glieder der selben. Wenn ein Herr zrt Rosse ein« Trgriö, gehört mehr dem Namen als der Thal nach zum türkischen Reiche. Die Gebirgsbewohner, feit uralten Zeilen an Unabhängigkeit gewöhnt, dinier ihren natür« lichcn Wällen verschanzt, halten ihre eigenthümlicken Eilten und Gebräuche, Gesetze und Traritioien fest. Sie setzen so ihre freie Cristen; fort und zahlen dem Sullan einen kleinen jährlichen Tribut, jedoch auch diesen nur kann, wenn sie selbst wollen. Sie bilden ine Art Bunt unabhängiger Stämme, deren jeder unter einem besonderen Häuptling stehl. Die Stämme theien sich wieder in Familiengrupxen und leben meist in blutigen Streitig» keilen und Fehlen untereinander. Tie hier und da zerstreuten und zum Dableiben ge« zwungenen Inden sind im wahren Sinn des Wortes von wilven Stammen umgeben. Ok'r sind fünf, zehn bis zwanzig jüdische Familien Eigcnthum eine i Kurden und werden von dieser^ mir Abgaben und! kißhandlungen überladen. Drückend- Steuern lasten auf ihnen, die sich für den Aermsten bis auf 500 Piaster jälrlich belaufen. Endlich sind sie gehalten, zu verschiedene t Jahreszeiten Frohndienste zu verrichten, die Felder ihre \ Gebieters zu ing dafür vereiner Sklaven, kinen Anderen, n Juden oder Nestorianer auf seinem Wege antrifft, so!äßt er ihn bis zur Stallthür vor sich herlaufen, ohne ihn zu erlauben, einmal Alben, zu schöpfen. Diese grausapre Gewohnheit wiederholt sich fast tagtäglich. Ein Gebrauch, der an die ganze feudalistische Barbarei dcS Mittelalters erinnert, ist VaS sogenannte Herrenrechl. — Wenn ein junger Israelit 02er N, storianer (eine christliche Seele) heirathen will, so muß er seine Draut dem Herrn, dem sie angebört, abkausen; denn durch den HeirathSvertrag komvir die junge Frau rnier die Herr> schalt cineS anderen Gebieters und dad irch leidet der erste Herr einen Verlust d,r jährlichen Kopfsteuer, wofür stelS eine Entschädigungssumme gefordert wird. Zudem soll die Braut, ehe sie in das HauS ihrrS ManncS einzieht, den Lüsten dcS Herrn dienen, waS ein sehr alter bei den Orientalen eingeführter Gebrauch zu frin scheint, denn schon die Talmudifien sprechen daron. (Messechet Ketubot Fol. 3, S. 2.) Erst seit wenigen-Jahren ist dieser mpörende Miß. brauch abgeschafft und in eine Grldabgabe verwandelt, wozu ein blutiger Vorfall die Deranlaffun ■; gab. da nämlich ein junge- Mädchen nach verzweifeltem Widerstande ihren Ehrenräuber tödtete. Ein Mißbrauch bat jedoch den andern ersetzt, vaS Recht deS Hertn muß erkauft werden.! Die Juden, welche die Ortschaften Kurdistan bewohnen, kennen VaS Gesetz Mostkaum dem Nam«n nach. Wenige unter ihnen können lesen und ihre einzig! religiöse Kennt« niß besteht in dem Kriath Schema, von n elchem sie jedoch nur den ersten DerS kennen. Seit ei> iger Zeit sendet man ihnen aus Bagdad Bibeln und Gebetbücher n,. Ihre-Mailum besitzen den Schoulchan Aruch Beth Joseph (die Sammlung). allrS Nebrige ist tbnen unbekannt und ihr ganzer Gottesdienst 'beschränkt sich auf einige her, sömmliche Verrichtungen, die mechanisch und abergläubisch auSgeübt werden. Ich habe hier noch eines alterthümlichen traditionellen Gebrauches zu erwähnen, der sowohl in Kurdistan, wie im ganzen Orient beobachtet wird.' Wenn.eine.Frau in Wochen kommt, so schüttet man auf eine mit glühenden Kohlen versehene Rauckpfanne wohlriechende Kräuter, nur welchen zuerst die Synagoge und dann hie Stube, in der sich die Kindbetterm besindet. geräuchert wird. Die kurdischen Israeliten sagen, daß sie damit ein dem Ewigen wohlgefälliges Opfer darbringen, und daß wäh« rend des Opfers selbst der Wohlgeruch in die Höhe steige, wie im Tempel zu Jerusalem. Wahr ist eS. daß die Talmudisten davon sprechen und einer Mühle in Burm erwähnen, in welcher verschiedene wohlriechende Gegen« stände gemahlen wurden. Im Messechet. Sanhedrin Cap. 4. Fol. ^9, S. 2, erklärt Raschi den Tert und fügt hinzu, daß wohlriechende Kräuter gebraucht wurden, ^nn die durch die Beschneidung entstandene, Wunde gu' heilen. Sodann findet man in demselben Messechet den Ausdruck Schewua h&bben (Woche deS EohneS). Dieser Ausdruck kann wohl derselbe fein, den man noch heute bei dieser- Gelegenheit gebraucht und der nur in der Aussprache etwaS von dem ohgenannten abweicht. Man nennt nämlich während elfter ganzen Woche, von der Geburt bi4 zur Beschneidung deS SohneS. den Vater Avi halben (Vater deS SohneS) und er wird von den ifraeliti^en Familien sowohl a!S auch sogar in der Synagoge mit Ehrenbezeugungen empfangen. In unserer Zeit ist zwar die Anwendung der Kräuter verschieben, doch werden'sic als Rauchwerk benutzt. — TS"beweist dies, daß sich untci den Israeliten im Orient ein sehr alkerthümlicher Gebrauch biS, beute erhalten hat. ' - j Wenn ein Chachäm auö Jerusalem in diese Gegenden kommt, waS nur höchst selten geschieht, so geht ukan ihn«" feierlich entgegen, küßt ihm die Schultern, den Bäu. und sogar die Füße, je nach dem Range dessen, der ihm begrüßt; dann trägt, man ihn im Triumphe in das HauS dcS Nassi, entblößt seine Füße lind wäscht sie; daS dazu gebrauchte Wasser wirb gesammelt, -um eS zu trinken. Ich übertreibe br) dieser Angabe nicht-. Die Vornehm« -sten des OrteS ‘ haben daS Reckt zum Genuß dieses Wassers, der Rest wird unter die Frauen und Kinder lpertheilt, man hält dieses, unreine Getränk für ein Schutz« mittel gegen alle Krankheiten. Trotz Eines Widerstrebenwar ich genöthigt, mich dieser sonderbaren Ehrenbezeugung zu unterwerfen. Während der Wochentage tragen die Männer nur ein Hemv, mit einem Gürtel um den Leib, ein kurze- Beinkleid, daj>i0 au die Knie hinabreicht, und eine kleine Mütze, um welcha^yj» leichter schwarzer Stoff gerollt ist; sie gehen dabei^Drfuß. Ich erkundigte lmich, we-halb sie eine solche KlÄung trügen, worauf/ man mir antwortete, daß dieselbe zur Arbeit beq^Lpr sei. Am Sabbalh legen sie diese Kleidung ab und tragen einen langen dunkln Rock auS Wollstoffen. Dieser Rock 1 ist vor der Brust blzum Gürtel zugeknöpft, von da ab!