Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 46 (1858) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
46 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4908862-5999346-6000872--1217-4909815
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

182 ohne Nutzen für mich anhörte. denn sie enrhle.lt manche gute Lehre, deren ich mich später erinnerte und die mir wohl zu starren kam. An kleine Anweisungen darüber, wie ich mich als. Braut gegen meinen Bräutigam zu benehmen habe, fehlte eS auch nicht, und zuletzt empfahl sie mir ihre Ehe als Muster für die meine, Und in der Tbat eine glücklichere hat es nie gegeben. „Gegen Abend versammelte sich die Gesellschaft in den Zimmern meftrer Eltern. Ich befand mich allein in einem ankeren. Tenn der damaligen und vielleicht noch .heute bestehenden Sure unter den Juden gemäß, trat die Braut erst in den Kreis der Familie und der Gäste, , nachdem der Ebecoritracr von dem Notarius aufgesetzt, und sie um ibre schon im voranunzweifelhafte Einwilligung betragt worden wgr. Beklommen, in banger Erwartung saß ich in meinem Putze da. Ich glühte vor Angst. Es mußte mich dock eine Abnung von dem Berdängnißvollen des Schrittes durckstogen haben. Ich versuchte zu nähen, die Hand zitterte tnir. Ick sprang, von meinem Sitz« auf und ging im Zimmer auf und ab. Ich kam dabei vor dem Spiegel vorüber unv zum ersten Male erschien ich mir mehr gls hübsch. Dre Rötbe der Wanzen verlieb meinem dunkeln Auge einen noch erhöhtem Glanz, der kleine Mund war noch anmurbizer als sonst. Und taS apfel« grünr und weißgestreifte Kleid und der schwarze Federbm. wie vortrefflich standen sie mir! Biele Jahre sind seitdem an mir vorübergegangen, aber daS jugendliche bewegte Gesicht jenes Augenblicks, die ganze Gestalt, stehen so lebendig vor mir, daß ich sie malen könnte. „Endlich offnere sich die Thür, und der' Notar, von zwei Zeugen gefolgt, trat ein. Ich suchte mich zu fassen, ich wollte rubig scheinen, aber ich glaube nicht, daß es mir gelang. Denn ich weiß, daß ich, über meine EinwiUigung^bifragt. mein Ja! nur» stammeln konnte. Bald darauf kam mcin Bräutigam, küßte mir..die Hand und führte mich zu rer Gesellschaft. Ich wßßke kaum mehr von ihn», als daß er Arzt und Gelehrtewar. Daß er wenig von einem Liebhaber in meinen Nomanen' hatte, sab ick wohl. Er war fünfzehn Jahre äster als "lch, klein unk häßlich, und ick glaube kaum, daß ick damals schon seine Häßlichkeit über dem geistreichen ^Ausdruck seines Gesichtes vergaß. Aber ich drängte Alle^ in mich zurück, was midi baue stvrep können. weil ich'meine Eltern so gar heiter fad. so ganz glücklich, daß sie: noch liebevoller gegen einander waren als sonst. Eine Nachbarin machte meinen Bräutigam mit der Bemerkung aufmerksam darauf, ..daß es eineFrrude sei. eine solche Ehe zu ftben?' „Gedulden Sie sich ein paar Jabre". antwortete Herz. „und. Sie werten eine zweite sehen. »! „Blieb gleich diese Voraussage nich^' unbewäbrl. so kann ick doch von meinem etwa drinehallbjährigen Brautstände nickt sagen, daß er für mich ein sehr freudevoller -war. Mein Bräutigam, 10 viel alter aSs ich, und als praktischer Arzt, als deutscher Gelehrter und als wissenschaftlicker Schriftsteller nothwenvig noch älter als seine Jabre. behandelte mich als ein Kind, und was mich am. meisten verdroß, auch von mir sprechend.! nannte er mich daS Kind. „Allerdings war ich das noch, aber seitdem ich Braur war. wollte ick eS oicht mehr hören und am wenigsten von meinem Bräutigam. Dom'Spazierengehen am Arm des Bräutigams war auch nickt viel die Rede, wenngleick ich oft genug in feiner Gesellschaft war. Denn er kam fast allabendlich zu uns. unv zwar um seine Partie bei uns zu machen. Ick aber, die ich keine Karte kannte, mußte Mm Spiele neben ihm sitzen. Er wünschte das so, weil eS ihm angenehm war und ick langweilte mich dabei zu Tode. Daß man fick auf diese Weise unser Zusammensein nicht als das zweier Liebenden zu denken hat. leuchtet ein. Geistig suckle jedoch Herz schon damals auf mich einzuwirken, so viel sichS eben im Dorübergehen rbun ließ. „Endlich erschien cker Hochzeitstag. Biele, viele Jahre sind seitdem verstricken und doch ist mir noch fast jeder Moment deS Morgens wie dcS ganzen Tages erinnerlich. Nach einer unruhigen Nacht erwachte ick mit einem Gesudl unendlicher Wehmuth. Der Gedanke, meine Familie, zumal meinen Barer, zu verlassen, zerriß mich. Kein Blick in die Zukunft, welche meiner wartete, vermochte daS Dunkel in meiner Seele zu erhellen. Wie hätte midi das schöne, mit Rosen besetzte Kleid von weißem Ailaö. welches man mir bald als mein Brautkleid brachte, zu anderer Zeit erfreut! Ich betrachtete es gleichgültig, ließ mich mechanisch ankleiken, unv weihte es durch meine strömenden Tbränen. Der Bräutigam kam. die Gaste versammelten sich, mein Sinn war nur bei den Meinen. Schon nahete die Zeit der Trauung. Ich mußte versuchen meinen Bater noch einmal zu sprechen. Es gelang. Meine Liebe wußte in dem Augenblick keinen anderen Ausdruck zu-finden, als in der flehentlichen von heißen Tbränen begleiteten Bitte, mir in dieser Stunde der Trennung Alles zu verzeihen, wodurch ich ihn je gekränkt haben möchte, und mir feinen Segen zu ettheilen. Er that es, umarmte mich dann weinend, und winkte mir zu gehen, indem er mit halberstickter Stimme sagte: „Kind, brich mir tii Herz nicht!" Ich werde diese Worte bis zu meinem letzten Athemzuge hören. Gott hat seinen Segen erhört. Ich ging einem reichen, ja einem schönen Leben entgegen. „Es war der erste December deS Jahre- 1779. Aut dem Höre, auf welchem der Baldachin stand, unter dem ich nach jüdischem Gebrauch getraut wurde, lag hoher Schnee. Vornehme Herrschaften, Bekannte meines Bräutigams, umstanden mit kalten, neugierigen Blicken den Baldachin. Ich war wieder zur Schau gestellt, zum ersten Male zu meiner Pein. Alles war winterlich. „Am anderen Morgen faß die fünfzehnjährige Neuvermählte allein in ihrem Zimmer. Nock hatte ich als Frau Niemanden gesehen. Tausend widersprechende Gefühle durckwogten mich. Wie gern hätte ich 'ihnen, so weit ich vermochte. Worte gegeben gegen einen meiner Lieben im väterlichen Hause! - Auch sic dachten dort gewiß bewert an mich! Ich hoffte von jedem Augenblicke, er würde mir einen von ihnen zuführen. Endlich höre ich Tritte, die fich von der Treppe her nahen. Es sind Männerkritte. Gewiß mein Vater! Die Thür, geht aus. Da wird ein langgehegter LieblingSwunsch zur Unzeit erfüllt. ES ist der Friseur."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.