Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 45 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
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138 ttt Anwalt unentgeltlich übernommen, aber nur einmal blühete ihm daS Glück der Assefforatsfunttioo. Er batte sich vermeffrn. es nach.dem Contracle deS Vorbeters nicht al- EntlaffungSgrnnd, oder wie eS kort heißt, als eine ,.unwürdige, unmoralische Handlung" zu finden, daß dieser am „Purim die Mezileh ohne Trov geleint'' und mußte diesen AuSi'rruch mir solchem Toben. Zischen und Stern* rtifln büßen, daß er Mübe hatte zu entkommen, um das Feld einem christlichen Coüegen zu raumen. Sonst lebte Moritz heiler, glücklich und zufrieden. Da- Städtchen D. war ron den politischen Ereignissen so lmberübrt geblieben, wie seine Straßen von Pflaster und Laternen, er hatte also nirgends nöibig sein politische- GlaubenSbekenniniß abzulegen. Bräutigam wieer war, suchte er Gesellschaften nicht aur. War er denn aber nicht auch ein glücklicher Bräutigam? Wenn dem Kranken jede weibliche Pflegerin in einer gewissen Verklärung erscheinen wirk, muß diese nicht zur vollsten Glorie stch entfalten, muß nicht die Dankbarkeit zur wärmsten Liebe sich steigern, wenn die lilienweiße Hand einer zarten Jungfrau den Verband auf die Wunde legt, wenn die großen dunkeln Augen des schönen Lockenbauples eine Tbräne deS Mitleids über ren stumme» Sckmrrz des Kranken erglänzen lassen? Nur zwei Gedanken btkümmerten ibn, der an Emil, dessen Auftreten immer schärfer und enl''chicdener wurrs, je mebr die Anzeichen. nneS starken Gewitters am politischen Himmel sich zeigten, der sein einträgliches Geschäft immer mebr vergaß', trotzdem die Gefchästsiostgkeit jener Tage die renommirtesten Hvnd» lunHSdauser rur ängstlichsten Wadrnebmung ihrer Jnrerssen avffordene — und der an Heinrich, dessen Briefe, wie sie seit einigen Monaten immer seltener, wurden, so oucb zunabmen an Kalte und bis zum grwäbnlichen Tone conveniionrller Sprache sich derabstimmten. .'.Wie wird eS Deinem Bruder noch ergeben, sollte Alerandrr binsichtlich Heinrichs Recht baben?" Auch dieser vorurtbeilSlose. edeldenkente Mann, Dein Freund und Retter nicht anders als die anderen, auch dieseseltsame Freundschaft-- bünbniß eine Beute der Hvtra Vorurtbeil?" Diese Gedanken mochten ihn aber auch beschäftige», als er im Mälz 184.' im Audienzsaale deS KrriSgerichtS an feinem VertpeidigunzStische saß. unbekümmert um VaS UrtheiN welches die abgetretenen Richter eben über einen jüdischen Juweliergrhilt'en berietben. dev nach achtjähriger unradeldafter Aufführung wenige Tage vor seiner Gewinnung kcS MeistcrrechtS von seinem christlichen Brotberrn der Unterschlagung eines ibn, zum Einschmelzen übergebenen alren^ Ringeim Werkhe von 1 Tblr. 7 Sgr. 6 Pf. beschuldigt und mit hinreichender Warme von Moritz ver* theidigt war, unbekümmert um den Staatsanwalt, der auf ein versöhnliches Privatgespräch nach. der bitteren Tagesfehde wartete, unbekümmert um den Angeklagten, dessen. Auge in fieberhafter Glutb nach der Thür des DeralbungszimmerS stierte, bangend, ob die 3 Richter deS Eollegii ihm wiedererschienen mit Gefängniß. Schande und Noch oder mit Freiheit, Ehre und Brok. Da ^auf einmal entsteht eine lebhafte Bewegung im Zuhörrrraume. daS Exemplar einer Zeitung wird 'berum-xreicht, zehn Hände auf einmal werden danach auSgestrecft, die Augen deS Ergreifenden verschlingen fast eine rothgezeichnete Stelle deS .Papiers —*, und Freude und Schreck malt sich auf den verschiedenen Gesichtern. Eine lange Gestalt, sie gehörte einem jüdischen Schneidermeifttr Levison. an. einem nach Verderben lechzenden Moßerer^ reichte Moritz daS Blatt, freundlich grinsend und mit den Worten: ..Sine neue Dertheidigung. Herr RegierungSadvoeat/' Moritz nahm VaS Blatt. eS war eine preußische Provinzalzeitung und las: „2n unser Nachbarstadt C. ist heute Blut geflossen, wegen der Verhaftung des Kaufmanns Emil ... 14 Personen sind erschössen, die Zabl der Verwundeten ist illckit genau bekannt. Militair ist von H. requirirt worden, der Belagerungszustand ist proclamirt. die Untersuchung ist im Gauge, viele Verhaftungen find erfolgt. Die näheren Nachrichten werden wir in der Abenvnummer bringen." - Post Scriptum. ..Der Assessor v. Braun ist zum Untersuchungs-Commissarius ernannt und entfaltet eine große Thätigkeit...." Moritz erbebte im Innersten, er bedeckte seine Augen mtt beiden Händen. Wie durch eine wunderbare Jteenaffociation stand auf einmal im wachen Traume leibbaftig die Gestalt seineverstorbenen DaterS vor seiner Seele, im Sterbekittel, mir tbränenfeuchtem Blick, die Hand aufs Herz gelegt, wie um den Schmerz zu bewältigen und rief ibm in markdurchdringenden Angsttönen zu: ..Er ist mein und Deiner Mutter Sohn, laß Deinen Bruder nicht sinken!" — Moriy ließ sich beim Gerichtspräsidenten entschuldigen, bestellte Ertrapost und reiste schnell nach seiner GeburtSstadt ab. Auf jeder Station kam ihm daS Gerücht größer und fürchterlicher entgegen. Abend war eS, als er sich dem Tbore der Hauptstadt näherte. Ein Piquet fremder Soldaten war dort aufgestellt. Barschen ToneS trug ihn der Feldwebel nach seiner Reiselegitimation. Er konnte deren keine produciren. Als er hierauf sei- 'neu Namen, nannte und der zufällig anwesende Aronstein ihn als Bruder deS HauptwühlerS und Unruhstifters Emil ... mit schadenfroher Eile bezeichnete. hieß ihn der Feldwebel auSsteigen und sagte grimmigen ToneS: „Ha! bä! Eie auch, nun für die Attaque einen Tag zu spät, aber für Hotel Hammermann (so hieß der Gefängnißinsprclor) früh genug." Man führte ihn nach der Haupt- -wache, iw deren obern Räumen der Assessor v. Braun noch mit Vernehmung von Zeugen und NntersuchungSgefangenen begriffen war. Der Feldwebel meldete den neuen Ankömmling und überreichte dem Eommiffar auf vieles Bitten deS Anwaltes dessen Karte. Er erhielt den kurzen Bescheid: ..man solle den Herrn ruhig deS WrgeS geben lassen, übrigens bedauere es Herr v. Braun wegen dringender AmtSgeschäfte den Herrn Moritz .. . nicht sprechen;n können-Aronstein, der gefolgt war. machte ein verdrießliches Gesicht, alS er statt der erwarteten Verhaftung deS Anwaltes die vom Feldwebel referirte Antwort deS Assessors hörte. Seine verrätherifchen Züge verzerrten sich aber zur Grimasse, als ihm Moritz zuries: „Orur, makeh reehu bassasser.“ (Verflucht, wer seinen Nächsten heimlich schlägt.) Ohne weiter an die noch vor dem Thore harrende Ertrapost und seine darin befindlichen Effecten zu denken, ging Moritz eiligen Schrittenach dem Daterhause. Lebte der Bruder noch, waren noch andere Freunde und Der.