Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 44 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ohne Ruhm", setzte er bedeutungsvoll hinzu. -..Doch kalt, noch eins Heinrich. Du bist ein Freund von Moritz .... Er ist ein wackerer junger Mann und mit Vergnügen habe ich gestern feine Bestallung als Anwalt unterschrieben. Aber er ist der Bruder des HauvtradelS-' 'ührerS und Du bist des Ministers Sohn. Das bedenke! Zn Zeiten wie diese wird jedes Privatleben öffentlich. HerzenSneigungen muffen der öffentlichen Stimme weichen. Du wirst selbstverständlich Emil nie sprechen, seinem Bruder nie schreiben. -Keine Widerrede. Herr Assessor, ich befehle cS im Namen deS Landesherrn! Adieu! (goniefcjina folgt.) » Aleppo.*) Eine Strecke von 12 Tagereisen trennt DamascuS und Aleppo, deren Verbindung durch die vielen arabischen Straßenräubcr eine sebr gefährdete ist. Aleppo wird von den Zuven mir zwei Namen genannt, nämlich Zova und Aramzova, von denen der erstere noch heute in allen jüdischen Schriften gebraucht wird. Es war die Hauptstadt eines Königreiches, dessen Beherrscher zur Zelt David'S Hadarezer, Sohn Rechob'S. war. Die jüdische Einwohnerschaft der Stadt besteht auS etwa 1500 bis 2000 Familien, die unter devr Schutze der europäischen Confuln, deren einige ihre Glaubensgenossen und. sich großer Freiheiten erfreuen; denn die Herren Raphael di Piechoni, Consul von Rußland und Preußen, und EliaS Pfechotri, General-Consul von Oesterreich, haben sich über den Pascha «inen^gewissen. Einfluß errungen.. . dessen sie sich oft zu Gunsten ihrer Glaubensbrüder bedienen. Die Synagoge ist von bedeutendem Alter, und im Innern durch eine dreifache Reihe von 72 Säulen getragen. Eine Grundversenkung veranlaßt es, daß man. um in den Tempel zu gelangen, 20 Stufen binabsteigen muß. Der dortigen Tradition zufolge ist das Gebaude'von Joab, dem Feldherrn David's errichtet. Die Fenster, die in einen großen, schönen, der Gemeinde angehörizen Garten fuhren, laufen in Folge der Grundversenkung mir diesem parallel. Ein Zimmer in der obern Etage ist etwas verfallen und bient heute den die Synagoge besuchenden Frauen zum Aufenthalt. Die jüdische Bevölkerung AleppoS zeichnet sich ebensowohl durch ihre treue Hingebung und Anhänglichkeit an baS große und heilige Dermächtniß ihrer Väter, das jüdische Gesetz auS, wie durch'große jüdisch-wissenschaftliche Bildung. Nicht weniger als 60 gelehrte Männer tragen den Namen ..Chacham". (Der Weife). Der ehrwürdige, greise Oberrabiner Abraham Anribi, welcher sich durch Herausgabe iEetfd>i«&fneigelehrter Schriften, unter denen ich nur' sein Werk „Ohel Zefcharim" erwähnen will, einen großen Namen erworben, und der zweite Rabbiner', Mardochai Liwaton, der die Güte hatte, mich mehrere Male in meiner Wohnmtg zu besuchen, stehen ganz besonders als Muster von Gelehrsamkeit und Frömmigkeit da, und verdienen den tüchtigen Äabbiuern Polens zur Seite gestellt zu werden. DaS GefetzeSstudium wird hier mit der größten.Auf¬ *) Aus dem in zweiter Auflage so,ebea erschienene« Reisewerke: „Acht Jahre in Asten nab Aftica", von I. I. Benjamin. Hannover. 1858. opferung gepflegt und eS giebt wähl keinen Juden in Aleppo, welches Alter- oder Standeer sei. der nicht trotz aller Anforderungen, die da- Geschäft oder die Stellung an ihn richtet, Muße findet, täglich zur bestimmten Zeit zu dem euchren Born der Thora zu pilgern, in dem auS ihm sprudelnden „Wasser deS LebenS" .Belehrung zu schöpfen und sich zu begeistern für die heilige, hehre Ausgabe feines Glaubens. Zur mitternächtlichen Stunde sieht man den größten Theil der Gemeinde in den Mauern der Synagoge versammelt; Jünglinge im Gefühle ihrer jugendlichen noch ungefchwächren Krall, Männer mit den Sorgen für Weib und Kind, schon dem Leben hienieden halb ent-' zogene schwache Greise, alle schaaren sie sich um die alte treue Mutter Zion und während draußen Nacht die Erde umhüllt, erwacht hier zum Hellen Lichte der gottdurchdrungene Geist der treuen Söhne JudaS. Bis zum Erscheinen der Morgenröthe bleiben sie beisammen, mit dem Studium des Talmuds und Sohars beschäftigt oder sich frommen Gebeten hingebead. Das Morgengebet beschließt diese Versammlungen und der Tag findet sie rührig und fleißig in ihren Geschäften. So Nacht für Nacht. Nur die.Nacht vom Freitag auf den Sabbarh macht eine Ausnahme, in welcher die Beschäftigung nicht getbeilt ist, sondern wo von vier Chorführern geleitet, die ganze Versammlung begeisterte, heilige, von ihren Chachamim verfaßte Lieder singt. Auf einen Europäer macht diese Art des Gesanges, durch die Eigenthüm^rchkeit der Sangweife und der begeisterten Stimmung der Gesangchöre den erhebendsten Eindruck. Die größte Anzahl drr Gesänge sind von dem berühmten Dichter Rabbi Israel Nagarah aus DamascuS verfaßt, dessen ausgezeichnetes Werk Semirolh Israel allbekannt ist. Die Chorführer besitzen ein ganz außergewöhnliches Gedachtniß; man hat mir von einem erzählt, der über 1000 Gesänge auswendig konnte. Außerdem besteht noch ein besonderer Gesangverein für den Dortrag der Psalmen, welche dieser mit einer Erhebung und Würde vorträgt, wie ich sie niemals vernommen, so daß sie den Zuhörcr mit einerwirklich davibischen Begeisterung erfüllen. Die Sabbalh- und Festtage sind zwischen AndacklS- Übungen und Bergnüguugen getheilt. Letztere werten ebenso gewissenhaft wie die erfieren begangen. Alle nehmen an denselben Theil; der Unterschied deS Reichthums und der Armuth hört hierbei auf. Die Wohlhabenden sorgen mit solcher Liebe für die Armen, daß letzteren auch nicht daß Geringste zur Sabbalh- und Festfeier fehlt. Ueberhaupt ist die Wohlthäligkeit und Gastfreundschaft der Juden AleppoS wahrhaft groß.- Sie sind in der Thal würdige Söhne Abrahams. Dem europäischen Juden stehen alle Hauser offen; er kann Wochen, ja Monate lang hier zubringen im Hause seines WirtheS. ohne baß auch nur die geringste Unaufmerksamkeit Seitens des Wirthes und der Hausgenossen ihn erinnert, daß er nicht Glied deS HaufeS sei. Ich selbst fand in dem Hause deS angesehenen Salomon Lunjado fünf Wochen lang die freundlichste Aufnahme. Aber nicht nur den Stammes- und Glaubensgenossen, jedem christlichen Reisenden öffnet sich gleichfalls bas jüdische Haus. Die Hauser sind sehr schön und zeichnen sich durch ganz besondere Reinlichkeit aus. Die Speisen werden