Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 43 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Das Greigniß in Bologna. Unsere Leser werden über dasselbe einige Details nicht ungern sehen, die wir einem, an die Redaktion der Archiv«« israelites de France von einem Augenzeugen gerichteten Schreiben entnehmen. Eine ehrenhafte Familie, schreibt man nn», die Mortara, lebten ruhig und glücklich in Bologna, im Schoße der Arbeit und des Wohlstandes; die innigste Liebe, die ergebenste Ehrfurcht vereinigten alle Glieder derselben. ES war am Abend deS 23. Juni a. e. grgea »ehn Uhr, alS, nachdem Herr Mortara mit seinem ältestenj Sohne auSgegaogen war und sich seine jüngeren Söhne schon i« Bette befanden, Madame Mortara mit ihren beiden alte* sten Töchtern noch am Arbeitstische saß. Plötzlich schellte man mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit pn der Hau»- thüre; einer blickte den anderen verwunderten; die Magd öffnete daS Fenster und rief hinab: „We^ ist da?" — „Oeffnet!" — ..Wer find Sie?" — „SKa&km", sagt die Magd zu ibrer Herrin, ,,eS sind bewaffnet« Zerrte da."— ..WaS wollen ne?" — „Ich sehe nur, daß fie bewaffnet sind." — ..WaS wollen Sie?" rief ihnen die Magd zu. — „Ist Herr Mortara hier?" — „Er ist in Bologna, aber nicht zu Hause." —* „Oeffnet!" — „Aber waS wollen Sie?" rief jetzt Madam Mortara ftlbst, „we^r mein Mann, noch sonst Jemand au« unserei Familie ha etwas mit der Polizei zu thun!" — „Oeffne, wir wollen Euch nichts Bösethun." } Madam Mortara zitterte ein Wenig, abtr endlich befahl sie der Magd zu öffnen. ES war eine Abtheilung Polizisten, begleitet von einem Unbekannten in bürgerlicher Kleidung. Einige blleben an der Zhüre, andere postirten sich auf der Treppe; der Hauptwanu und der Unbekannte traten allein in daS Gemach. , Wie groß ist Ihre Familie", ftagte der HauprmchM — „Sie bestcht aus meinem Mann, aus mir unff acht .lindern." — „Nennen Sie mir die Namen Ihrer Kinder!" Bei dieser Frage trat ein kalter Scht»eiß auf die Stirn.der unglücklichen Mutter, die-»^lötz ich erschreckt wurde durch die Erinnerung an gewiss L egebenhetten. die sich selbst in dem Laufe unseres neunj khnten Jahrhundertereignet haben. Sie flehte den H< uptmaan an, die Rückkehr ihres ManneS abzuwarten. Bit ließ ihn suchen; er kam eiligst und trat erstaunt ein. „WaS giebt eS denn?" rief er. Der Hauptmann befahl ihm die Namen seiner Kinder zu nennen; der Vater willigte ein. „DaS genügt nicht", sagte der Hauptm mn„e» ist vöthig. daß ich sie sehe." Man mußte dann die Kinder aus ihren Setten holen und diese armen schlaftrunkenen Wesen mußten die Besichtigung deS HaüptmanneS und deS Unbekannten ertragen. welcher immer noch in Stillfchweigin verharrte. Herr Mortarafragte mehrere Male diese P< rso», wer tx wäre, und der Andere gab entweder eine »»»weichende oder gar keine Antwort. Als jeder Name noch einmal genannt worden war, sprach der Hanpttmna folgende schreckliche Worte: „Ich habe dalebhafteste Bedauern, Ihnen zu sagen, (und diese» Wort Bedanecn war aufrichtig, da» sah man an brr Bewegung, wilche sich auf dem Gesichte de» rechtschaffenen MUitairS av »drückte) ich habe da» lebhafteste Bedauern, Ihnen zu sagen, daß Ihr Sohn Edgard Ihnen nicht «ehr gehört, weil er getauft worden ist; e» ist durchaus nöthig, daß er mir unS kommt." — „Wie? aber dies ist unmöglich. «S ist «in Jrrthum, eS ist eine Verleumdung", riefen die unglücklichen Eltern. ^.DaS geht mich nichts an", sagte der Hauptmann, „eS ist der Befehl deS S. Officium« und ich kann ihn nur auSführen." Wir wollen hier nicht versuchen, die herzzerreißende Scene zu schildern, die diesen Worten folgte; der schreck- Uche aber zurückgedrängte Schmerz deS Vater«, da» Geschrei der Mutter, die Klagen der Kinder und diejenigen deS kleinen Edgard; ein Kind von sechs Jahren, der nichts von alledem begriff, aber sich unwillkürlich an dqs Kleid der Mutter klammerte, durch alles dies konnte man von dem bis zu Thräuen gerührten Hauptmann erlangen, daß er die Wegführung deS Kinde« aufschöbe. biS der Daker, begleitet von einigen Freunden, sich an daS E. Offirium gewendet hätte. Nun begab sich der Vater eiligst in da- Kloster der Dominikaner und verlangte den Pater Inquisitor zu sehen. ES war schon spät. Dev Pater Inquisitor, welcher da» Kind erwarttte» sah sich bestürmt von dem Flehen de» DaterS, von de« Bitten seiner Freunde. Er verweigerte vor allem jede Erklärung und gewährte ihnen endlich nur einen Auffchub von einigen Stunden', unter der Dedtnung. daß MS Kind tu der Zwischenzeit unter der Wache GenSdarme» bliebe,, und daß zwei der vornehmsten Israeliten Bürgschaft leisteten. Diese ganze Nacht ward in der Familie Mortara in Schlaflosigkeit und Verzweiflung verbracht. Don der einen Seite die weinende Familie,, der kleine Edgard von Krämpfen befalle», die erschütterten Wächter und von der anderen der Unbckannte. der immer stuiyw und unveränderlich blieb. Beim Beginn de» Tage» fingen Herr Mortara und seine Freunde an, sich wieder in Bewegung zu setzen, um einige Erklärungen über den Grund dieses traurigen Geheimnisses zu erhalten. Der Cardinal Legat und der Cardinal Erzbischof waren alle beide abwesend von Bologna; übrigenwar e» eine Sach«, die vom S. Officium au-ging und ist ezweifei. Haft, ob sie sich hätten hinein mischen wollen. E» blieb also nichtübrig al» zu dem Pater Feletti, dem Inquisitor von Bologna, zu gehen. . An diesen wendete man sich. Man ftagte ihy. wie, wann und durch wen diese Tauft gethan worden sei. Dieser erwiederte, daß er kein« Erklärung geben könne, daß der.Befehl von Rom komme und daß er nur wisse, baß allevollkommen in Ordnung sei und daß man eine regelrechte Untersuchung angestelll hätte, wo. die Rechte de» DaterS yertheidigt worden wären. Man weiß. waS diese gerichtlichen Untersuchungen de- S. Officium» in der Abwesenheit der. dabei brrheiligten Partei und ohne verrheidigeode Debatte» heißen wollen, deren Eristenz man mit der VerurtheLung zu gleicher Zeit erfährt. Bei allen Bitten blieb der Pater Juquisftvr unbeweglich. Man verlangte von ihm, den Autoritäten die Bitten der Familie zu übersenden. Nachdem er die» verweigert hatte, sagte er: „E< ist vollkommen unnütz; Ich werde, um Ihnen zu willfahren, Ihre Reklamationen auf-