Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 43 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Sie mochten kaum eine halbe Stunde sich unterhalten haben, als der GerichtSbote erschien und mit einem „schönen guten Abend" ein Briefchen von Heinrich über« brachte. Moritz gab ihm daS gewöhnliche Pono von zwei Cigarren, entließ ihn und laS den Brief: —Trlljeber College! Dein Freund und einstündiger Affejsisr — die Juristen reiten schnell in unserem Lande —- ist als inquisitorisches Eilgut vom GerichtSdireetor mir einem Citissime nach der Hauptstadt gerufen und hat, wenn Du dieses gelesen, die erste Bvrriere und damit die Grenze deS theurkn. vielgetheilten Vaterlandes schon überschritten. Kaum habe ich Zeit gehabt, mich reisefertig zu machen. 9Ba8 eS giebl, weiß ick nickt, vielleicht ein Sturm in einem Wafferglase. Deine Autorisation liegt bei Herrn Amt« mann Schreck, jetzo Gerichtsratp>-und Dirigent der hiesigen Gerickls-Commisstou, Du wohlbestallter Advoeat für den Kuhschnappelrevier von D. Ich. soll schon morgen vereidigt werden. 'Leb wobl, grüße Mathilde, auf baldiges Wiedersehen. Dein Heinrich. „Bravo, lieber Junge", sagte Moritz. „Mußte eS so eilig kommen, daß ich Dir nickt einmßl die Hand zum Abschied drücken konnte? Und Du. Alexander, hast ihn nun auch nickt kennen lernen!" „Ah, Deinen PvladeS?" erwiederte dieser lächelnd. „Du wirst ibn auch nicht Wiedersehen, Moritz, denk' an mich." „Bist Du von Sinnen. Alexander, mich so zu erschrecken, er ist mein Lebensretter, der Retter meiner" — „Braut willst Du sagen, Moritz, erröthe nicht — aber ich sage ja nicht, daß Du Herr» v. Braun nicht Wiedersehen wirst, ich meinte Deinen Freund Heinrich." „Derstebe ich Dich doch nicht, Alerqnder." „Tbut mir leid. Moritz, aber Schiller sagt schon in 'einem verloren gegangenen Distichon: „Nimmst Do sie enyeln, als M ä n n e r, da sind sie leidlich, vernünftig, Doch zusammen mit Frau'n, gleich wird Rischeß daraus". — .«Auf diesen Ipaßr Dein Spott nicht", fuhr Moritz balb entrüstet auf, „ich babe ibn treu und echr erkannt, Alexander, dieser kalte Hauch Deines Zweifels, ist ohnmächtig gegen das heiße Gefühl der Dankbarkeit und Freundschaft, welches für Heinrich v.'Braun ewig in meinem Herzen fortleben wird." „Jbr Juden Süddeutschlands seid beweglicher und leichtgläubiger, als wir im Nozden", m»rmelte Alexander spöttisch vor sich hin, und wie um daS Thema abzubrechen, nahm er ein Zeitungsblatt und las. Das Lesen wollte ihm aber so weriig gelingen, als Woritz daS Schweigen. Wie von eine« guten Gedanken ergriffen, eilte « an das Pi-noforte, u»d dessen Last an Acten und Büchern eilig entfernend, öffnete er dasselbe, schlug einige Molltöne an, winkte Moritz zu sich heran, strikte ihn scharf und sang halb wehmüthig, halb lächelnd: „Wohin in Deinem Lahn Allein, o Fischersmann? Mein Buge folget Dir, So wert es folgen kann. Bet Deinen Brüdern bleib, Wir meinen'- treu mit Dir. Doch fort zum Abendroch Den Fischer trieb der Kahn, Bis meine Augen ihn Am Ende nicht mehr sahn." Moritz sagte ärgerlich: „Du und Heinrich, wo die prosaische Logik Euch nicht hilft, da greift Ihr zur trügerischen Poesie!" Alexander schlug daS Clavier wieder zu. stellte sich vor seinen Freund, legte die Hand auf seinen Kopf und sagte: „Du wirst sehen, daß ich Recht habe, die Macht der Verhältnisse durchbricht Niemand. Doch jetzt will ich Deine Laune euriren. Ja wirklich", fubr er pathetisch fort, „lache nicht. Wie der vr. B. Deine Wunde oben auf der rechten Kopfseite, einen Zoll von der Mittellinie entfernte, da wo daS Seitenwandbein in das Stirnbein übergeht — o, ich denke dabei an. die Lamina vitrea und Arachnoidea und an daS ganze Herenlatein deS Hamburger Storchs — bloS durch antiphlogistische Diät, und gleiche Arznei curirte, warum? nicht Deinethalben, sondern weil er ein Todfeind der Verfechter deS prophylaktischen Aderlässe- und-der Trepanation ist, so will ich Deine HerzenSwunde, da wo die Vorkammer der Freundschaft an die Herzkammer der Liebe grenzt, euriren, aber homöoparisch. — Komm, laß unS zu Mathilde gehen, stelle mich dem Mädchen vor. Bitte, laß unS in Familie Thee trinken, Moritz; zögere nicht. Sieh, wie Du schwärmst für Judenchum. so geht eS mir mit den Jübinnen. ES leben die Töchter meine- Volkes die hellwie die dunkeläugigen! Za, Moritz, wenn ich so manchmal nachdenke über alle Uubill, die wir von außen erfahren und die auch die politische Gündfluth dieses Jahres nicht abgewaschen bat, wenn ich dann den erschreckten Blick zurückgleiten lasse auf die eigenen Gefilde und oft RichtS sehe, als Hader und Streit. Lippendienst und Fanatismus, immer und immer Verehrung de« Fetisch Mammon. Geldstolz und Nachäfferei. Tausende baar jedes Ehrgefühl- und ideelleren Streben«, Sclaven der Courfe, an die Elle und den Ladentisch gebannt — bei den Frauen und Madche» finde ich noch poetisches Gemüth, eine Anhänglichkeit an Lehrer und Prediger, die nicht mit'der Confirmation und Copulation erstorben ist. wie bei unseren blastrten Commis und Prinzipalen, eine Ahnung de« Wahren und Schönen inmitten der häuslichen Und geschäftlichen Alltäglichkeit und bei Uarem Verstände ein so warme- Gefühl, daß sie fast alle trotz der Tyrannei des Herrn Schiduch liebe Bräute, treue Kranen, brave Mütter find. „8iwper eint , in florel“. Und damit legte er einen Mantel um die Schultern des Freunde« «od zog ihn, halb sich sträubend, halb willig, mit sich fort. «*«*»"«* kotzt.) Die Wellen zieh'n Dir nach. Sie rufen: Bleibe hier,