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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 41 (1858) · p. Seite 162

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
41 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 Fugen gesprungen und begehrte stürmisch zu so später Stunde noch Einlaß. Ueberlaffen wir einstweilen den kaum erschrockenen, schon wieder gefaßten Familienvater mit der vvr Angst bebenden Tochter und mit dem winselnden und wimmern» den Joel, der sich beständig vor die Brust klopfte, in immer leisern Klagetönen die Widuj mit blaffen Lippen murmelnd, ihren Gefühlen und seben uns die Scene von außen an. Ein dunkler Knäuel Männer und Frauen, Burschen und Mädchen stand auf dem.Fahrweg in der Gegend eine« kleinen SckuttbergeS, der dort von einem bauenden Nachbar des Löwe aufgeworfen war. Die Fäuste der Männer und Burschen griffen nach größeren Steinen und schmetterten sie gegen die Laden, während die Frauen und Mädchen mir Dreck und Sand das gleiche Ziel erstrebten. Gelachter, Halloh, ^ubelruf bei jedem kühnen Wurf. ..Laßtnun gut sein". rief eine Stimme, „der Jude denkt sein Lebelang an. diese- Concerti" „Nein, da Capa!" brüllte ein Anderer, und eine neue Ladung Steingeschoffe bekundete den DeifaL seiner Gesinnung. „Ganze Orchestermusik!" kreischte wieder em Frauen- <*bild, und wie der Hölle entsandte Furien riefen, schrieen, zischten, pstffen an Hundert meistentheilS besoffene Kehlen, während gleichzeitig hier auf ein Hackebrett. dort auf eine alte Pauke geschlagen wurde, wahrend alte Töpfe zu tausend Scherben auf den Doven geschmettert, mir Peitschen geklatscht, Waldteufel gedreht, auf der Tuba deS Ochsen» $ Hirten geblasen, mit Hüten und Mützen geschwenkt, bald geschimpft und geflucht, fcaltr gelacht und aufgejauchzt wurde. In der Stadt war Alles still, kein Lickt in einem Nachbarbause, keine Bewegung auf den Straßen, nicht einmal das ewige Licht deS TburmwachterS zu erblicken, der Sock gewohnt war, die Sturmglocke zu läuten, wenn die Butterfraue» auf dem Wochenmarkl den städtischen Narkrmeister in bochverrätherischer Gesinnung mit Geschoß von Eierschaalen und Bollen in seine unterirdische Ratb- ° bauSwohnung zurücktrieben. Der Sturm der Belagerer batte sich gelegt,-als man den festen Widerstand der Läden sah. Einige machten schon'Miene abzuziehen. Andere die Flucht zu 'ergreifen, als eine herkulische Gestalt auf den Schulrberg sprang und laut rief: „Ist da- Alles? - Darum ein Diert.elstag versäumt, daS Geld verkneipt, den Schlaf gestört, um dem verwünschten Juden blos anS Trommelfell und an Pie Farbe _ feiner Fensterläden zu kommen? Der nimmt uns die Arbeit mit seinen Tucken und Leinen auS fremden Fabriken. , die andern nehmen unS taS Geld mit ihren Zinsen und Wechseln. Drauf, Jungens, zur Attaque, wir wollen die Stadl reinigen und hier den Besen, probiren!" „Bravo", brüllte ein Anderer, „schickt sie mit allen vier Winden nach Palästina zu MoseS und den Propheten/' „Ja. ja. wir wollen beute Abend alle unsere Rechnungen Und Schulden mit' klingender Münze bezahlen", schrie ein Dritter höhnisch. Die Verwegensten eilten mit Knitteln, Stangen und Hacken nach der Löweschen HauSthür zu — als durch das nabe Stadtthor ein Wagen in rasendem Galopp über das Pflaster gefahren kam, baß die Feuerstmken wie auS den Hufen der Pferde stoben. Der Wagen hielt. Ein großer Mann sprang heraus, hinter ihm Moritz. Der Elftere schritt dreist auf die Tumultuanten zu, stellte sich gerade vor einen Wortführer derselben hin und rief mit vernehmlicher Stimme: „Im Namen deS Fürsten und deS Gesetzes gebiete ich Ruhe und Ordnung! Begebt Euch nach Hause, soll ick nicht die schwere Strafe deS Aufruhrs über Euch verhängen. Ihr zaudert? So werde ich schleunigst meiner Amtspflicht gemäß aus der Hauptstadt Militär requiriren!" Der jüngere und der weibliche Theil der sogenannten Katzenmustkbande war sichtlich eingeschüchtert und schon im Begriffe auseinanderzugehen, als ein athletischer Eckmiedegesell vor den Redner trat, die geballte Faust ihm drohend zeigte und laut auSrief: „Sie denken wohl, wir fürchten unS vor dem Militär, Herr Justizamtmann, oder vor Ihnen und Ihrem Juden» gehülfen da? Wir sind nicht mehr vor 1848. wir sind freie Leute, unverhastbar nach der „HocuS-Pocu-acte!" „Bravo", brüllten an zwanzig Kehlen, „er ist der. Kanenfreund von Löwe, zeigt ihm einmal, waS Schellenunter ist!•' Moritz näherte.sich eilig dem Justizamtmann, zog ihn halb mit Gewalt nach dem Wagen, ließ ihn schleunig einsteigen, schlug die Kutschenthür hinter ihm zu und atbmere leicht auf, als die Pferde durch Steinwürfe und Hurrahgebrüll erschreckt, schnell anzogen und im raschen Trabe den Wagen fortrollten. Er selbst blieb und ging festen Schrittes mitten auf den Haufen loS, dem dieser Beweis von Muth und Ent» schlossenheit imponine. Hier thut andere SpraAe Noth, als Drohung, sagte ihm die List, und indem er sich mitten auf den Schuttberg stellte, redete er im freundlichen Tone, halb ermahnend. halb vorwurfsvoll so zu den Anwesenden: „Meine' Herren. weihen Sie mit dieser Katzenmusik die religiöse Freibeit ein, ist das die Begrüßung Verjüngen Emanripation? Diese Manifestation geht nicht vom braven Volke auS. dem sich auch Herr Löwe stets als ein wohl» thatiger, humaner, freidenkender Mann gezeigt hat. . Hie sind irregefübrt, aufgebetzi durch einige Concurreaten und Feinde deS Löwe. Ich beschwere Eie, entehren Sie die Stadt nicht durch solche mittelalterliche Judenbetze, lassen Sie ab, wackere LandSleute. von dem unwürdigen An» griffe Hunderter gegen Einen!" „Er hat recht, Leute, schrie ein wohlbeleibter BrauerS» knecht, wir sind Narren, daß wir für einige feige Re» aclionäre die Kastanien aus dem Feuer holen. WaS gehlS unS an. daß hiesige Fabrikanten nickt mit ihm concurriren können, uns. liefert er Tuch und Leinwand billiger. alS sie. Ja. mit ein BiScken SchnapS lassen wir unS kaufen, setzen uns schwerer Strafe auS, indessen die Herren — Ihr wißt, wen ich meine — ruhig schlafen. Kommt fort — marsch!" ' „Halt, halt", donnerte jetzt eine gewaltige Stimme dazwischen, „ich bin selbst Jude, laßt Euch von dem neugebackenen Auscultator nicht bethören. Löwe hat mich wie einen Hund auS dem Hause gejagt, mich, seiner Tante Sohn, er hat mich angezeigr und 81 Jahre habe

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