Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 39 (1858) · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
39 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4908862-5999346-6000864--1187-4909790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

154 dennoch im Ganzen die Richtung einbalten. die wir ein; mal eingeschlagen: vielleicht bringen wir eS unS von Zeit Zeit in die Erinnerung, daß nur Liebe und Mäßigkeit glücklich machen, und daß diese ganz gewiß glücklich machen — und erlangen damit für einige Zeit — ein Stück Glück. So wir also beute unseren Lieben Glück wünschen und itf fragen un-. was für ein Glück wünschest Du unS? So antwortet: Vor Allem Liebe und Mäßigkeit! Anwalt und. Assessor. - Pom Rechtsanwalt Dr. (ittlm. III. C. 18 4 8. i5PTtff?nit3.) Ter Postmeister knirschte mit den Zahnen vor Wuth. ..Herr Doktor". rief er. „wir sind alle dem Herrn Lowe Nichts schuldig, empfangen auch zu Neujahr keine Briefe mit Einlagen. „Hat Herr Löwe brav gedient, so ist er, überschwänglich durch die Gnade unsere- Fürsten belobnj worden, der um seinetwillen dieser glaube»srreuen. echtlutberisch 'christlichen Stakt die Aufnahme eines -Juden gegen uraltes Privilegium anbefahl!" „Und lei'*, rief ein Tuchfabrikanl. dessen Finanzen Wein unv Spiel erschüttert hatten, dazwischen. „schlechtes Tuch von Crossen und Guben feil halr und unser gutehie» sigeS Fabrikat verdrängt, der mit Heideck'fcheu und Kramsta'fchen Mafchinengara unsere armen Weber zu Bettlern macht!" „Und dessen Töchter Musik treiben und Französisch sprechen und sich als große Damen nach Berlin verbeirarben". trumpfte ein schwindsüchtiger Pastor auf. dessen -zimperliche Tochter ihrem Alter nach bereitin den Roccocostyl übergegangen war, „und der nicht kommt zu unseren Taufen, nickt sitzt in unseren Kirchen und nicht hört unsere Evangelien und Predigten — wie leider jetzt auch gottlose Christen thun." „Ja. und das Letzte ist sicher Schade". entgegnete ein lustiger Steuerofficiam, wohl merkend, daß der Vorwurf der Gottlosigkeit nur ibm und dem Ärzte gelte' — „denn sonst würde er mit mir sagen: Vergib ihnen, sie wissen nickt waS fie thun!" „Nein. Zank und Streit bei Seire. meine Herren", sprach wieder der fürstliche Oberförster, „ich habe Herrn Löwe selbst gern und achte ihn hoch, aber die Consequenz, denken Sie an die Folgen! Ist so ein Löwe erst unter unS, fo beißt er uns alle heraus, und gelingt'- nicht, dann kommen die Hirsche unv Wölfe, die Baren und Hasen — sie Helsen ibm und wir müssen au- \«m Revier. Ich denke, Ihr laßt'- beim Alten und rüttelt Nicht an §.18 der Statuten: Ein Jude kann nicht Mit. glied der städtischen Ressource sein!" „Meinetwegen", ries der Ilr. B.. „Löwe weiß nichts. von meinem Anträge, sonst dankte er wohl für di« Ehre, sich wie ein wildes Thier in Eure gebildete Mitte hineinbuchsen zu müssen, um auf de- Herrn Försters Bild einzuzehen. Mich aber bitte ich auch zu streichen -rmich widert diese Fülle religiöser Beschränktheit an. pfui über—solch kleinstädtisches Fratzenbild von Bildung, wie diese Ressource, die eher in ihrer Langweiligkeit erstickt, alS sie ein frisches Element gewinnt, die keinen frechen Trieb und Zweig duldet, weil er über daS niedere Gestrüpp und Gesträuch hinausschlagen könnte — ich bitte mich zu streichen." Damit stand er auf und griff nach Hut und Stock. „Ho. bo!" riefen drohend verschiedene Stimmen, „solche Reden dulden wir nicht." „Ruhig Kinder", sprach der Postmeister beschwichtigend, „so viel Lärm um einen Juden — dawolle der Himmel verhüten, daß unsere 19jährige Eintracht durch die Ladenscheere eineS Israeliten zerschnitten wird, .daß unser allverehrter Herr Pbysikus, ver Mitbegründer unserer heilsamen Ressource, die unseren Mädchen Männer, unseren Männern Spieltische, unserer Wirthin Nahrung giebt. in Verkennung unserer Opposition auS falscher Votliebe für ein AuSnahmeeremplar keS zudringlichen, vorwitzigen JudencorpS uns Vale sagt. „Ich babe einen Vorschlag zur Güte. Herr I)r. B. zieht seinen Antrag bis zum Passabfeft zurück. Da bole ich uür gewöhnlich eine Mazzeh vom Nachbar Löwe. Die wollen wir dann im kleinen Saale annageln, der Herr Pastor spricht als Einleitung vom Auszuge auS Aegvpten und vom Durchzuge durchs rolbe Meer und alS einen Zug jüdischer Dreistigkeit werde ich ohne Verzug den Löwenantrag zur Abstimmung bringen." Die Meisten lachten über diese geschraubten Wortspielereien. „Aber so wahr ich Postmeister bin" — und hierbei hob sich das Männchen und schlug auf seine Brust oder vielmehr auf den dickwatlirten Schlaftock, „so wenig der Bar auf dem Stadlbrunnen trüben mit den Sperlingen sorlfliegt, die auf seiner Krone nisten, so wenig unter uns in diesem Augenblicke ein Jude ist, oder ein Jude je Staat-minister sein wird" — — Da ging die Thür auf. bastig trat ein größer ältlicher Mann ein, dessen joviale Gesichtszüge durchden Ernst durchfchimmerlen, der eben wie eine lästige Decke ans ihnen lagerte. Ihm folgte Herr Krause, in jeder Hand ein Licht, aber mit verbissenem Grimme, denn wider alle Erwartung hatte ibn der Amt-ratb heute gar nicht berückfichtigt. „Sie sollen entscheiden. Herr Arnlsrath", piepte ihm die Stimme des Landrentenmeisters entgegen, „ob ein Juve, wie e- Herr Dr. B. will, ein Jude, hören Sie wohl. Mitglied unserer Ressource werden kann, während der bürgerliche MittwochSklub. dre Concordia der Handwerker, ja selbst daS sogenannte Rammelcasino rein von solcher Zwiebelsauce sind?" ,.Da haben Sie die Entscheidung", entgegnete der Angeredete mürrisch und warf ein gedrucktes Blatt auf den Tisch, „lesen Sie!" Jedermann war gespannt, der Lanbrentenmeister nahm die Drille aus der Tasche und wischte daran hin und her — daS dauerte aber dem Steuerofficianten zu lange. SHnell riß er das Blatt fort, rief Krause zum Leuchten, stellte fick auf einen Stuhl und laS hastig aber laut: „Extrablatt der Cölnischen Zeitung. Pari-, den 24. Febr. 1848. LouiS Philipp ist gestürzt und flüchtig, mir ihm die ganze Königliche Familie.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.