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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 37 (1858) · p. Seite 146

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
37 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 schlafenden Freunde- und rief diesem -zu: ..Brief von Heidelberg." Worte giebt eS so magischer Kraft, daß ibr Hauch schon mit der Seele sich in Rapport fetzt. So'ist es mit der» Namen Heidelberg, klingt er an das Obr eines Studenten, den die bolde Mutter Oarvlu kuperta einst :u ihren. Söhnen zahlte. Moritz sprang aut. kleidet« sich an 'und las halblaut den Brief folgenden Inhalts: ..Dich grüßt der Stamm der Alten. Der-Skorch ist ..nach Hamburg geflogen in ein christlich germani» ^.scheS Nest. Meyer Hirsch studirl den Anakreon aus ..Liebe zur Tochter deS katholischen Professors R. Er ..bat vaS Rechnen verlernt, sonst würde er wissen, daß ..sein Dämchen nickt den Juden vom Menschen. sondern ..den Menschen vom Juden subnabin. - .,Der Reichsadler horstet auf Liebfrauenmilch. ..Dein Freund Braun ist schon ©er' 14 Tagen abge- — wir vermuthen, bei einer Paukerei in der Hirsch- ..gasse gefaßt und, geschickt. ..Wenn Du wohl bist, ist's gut,'wir sind's auch. ..Wir schreiben Dir nur. weil wir Deinen kompetenten ..Schiedsspruch haben wollen. Das: Bingerloch und „Asapb wetteten gestern. Jener sagte: Ein Berliner ,,Thtj dansant erzeuge mehr Hunger, als Langeweile, „dieser meint, umgekehrt. WaS sagst Du dazu? ES „gilt 10 Flaschen Markgräfler, eilige Antwort rbut also „Roth. Heidelberg for ever. Deine re. re." Herrmann lachte. Moritz' warfden Brief unwillig auf den Tisch. „Hat der Böse ihnen auf telegraphischem Wege mein gestrige- Beqegnrß mikgetheilt, oder spielt der Zufall die Rolle des Bösen, daß ick nach einigen Stunden unruhigen ScklafkS zum Morgenimbiß die Erinnerung an die lächerliche CommerzienrarhS. Soirve erhalte?! Aber ja, Herrmann. Du weißt ja noch nicht, wie glanzend ich gestern bei meinem. ersten Debüt Fia-co machte, spüre rch auch schon daS attische Salz Deines SpotteS, mein Soerares." Moritz beichtete ganz aufrichtig. > ..Du siebst mich dieses Mal nicht lächeln", entgegnete Herrmann, als jener beendet batte, „hast auch die trium« pbirente Miene. deS Einsiedlers nicht z« fürchten. Ich fasse bei dieser Erzählung nur die Schattenseite Deines Gemälde---in'- Auge. Sieb', als ich gestern dem Decan H. meine Aufwartung machte und von meinem Vorhaben sprach, mich als Privatdoeent bei der philosophischen Facultäl inbabilniren zu lassen, und als die s-indeltürre Gestalt nun auffprang, kerzengerade vor mir stand und sein Deckendes Auge, so weit es die blaue Brille zugab. mich nrirte und der halb geöffnete Rund. eine Zeit lang sprachlos, in Hohlem Ton die Worte stammelte: Wir leben irr einem christlichen Staate und brauchen feine jüdischen Priester der Wifftaschaft — da batte ich nur ein Lächeln, nahm meinen Hut und wünschte guten Morgen und ging. Ganz anders ergeht eS mir jetzt. Sind es im Grunde auch nur-Possen, die Du mir erzählt hast, sie werfen doch ein grelles Schlaglicht auf unsere Zustande. Der Jude in der Provinz' sieht 'ans die großen Städte, in diesen ragen die Reichen hervor. Und was lbun sic für den Glauben ihrer Väter, für die Ehre ihrer Nation, zur Unterstützung jüdischer Künstler und Gelehrten? Nimm Wenige aus. bei den Meisten triffst Du den pur. sten' Dünkel. Dünkelhaftes Haschen nach Orden und Titeln, Aemtern und Auszeichnungen. Staat im Hause und auf der Straße. Pracht in Kleidern und Equipagen. Aber daS haben ste mit den Reichen aller Stande und aller Confefsionen gemein. Was sie kennzeichnet, waS sie mir widerwärtig und verhaßt macht, daS ist ihr Bestreben. das gerade nicht zu sein. waS wir find, was ibre Väter waren. waS ihr Name und Gesicht Jedem verrätb, was ihtlen entgegenspiegelt anS dem Blick ihrer armen Verwandten und aus dem spöttischen Lächeln jedes vernünftigen Christen. waS sie doch einfehen müssen zur Zeit der Krankheit und des Todes, was sie gleich nnS hören müssen von der lispelnden Heuchelei seiner Pietisten, wie von dem brüllenden Hauken deS fanatischen 'Pöbels, waS der Staat ihren Söhnen, die Gesellschaft ihren Töchtern entgegcnbält — Juden. Triffst Du in solchen Kreisen einen jüdischen Gelehrten, einen Zn uz oder Steinschneider? Sicher nickt, dagegen ist die Dame des,Hauses hoch beglückt, wenn eine christliche Romansabrikantin oder ein abqeblaßter Tbeaterrecensenl vdn nickt semitischer Raee den faden Cirke! mit seiner Gegenwart beehrt. „Du findest dort alle Zeitungen und Zeitschriften, nur kein Organ für Judenshum und jütische Interessen. Du siebst Sprach, und Zeichen-, Musik- und Tanzlehrer, nirgends Religionsunterricht oder Erlernung der hebräi» scheu Sprache. „Meide diese Gesellschaften, Moritz. ES giebt der Glaubenstreuen, der Gesinnungstüchtigen noch genug in dieser Stadt, wenn auch nicht unter den NabobS. Mir aber erzäble nickt wieder von diesen Narren. Gott sei Dank, daß ich des.ReichthumS entbehre, der mich in ihre geselligen Vergnügungen ziehen, und der Armutb. die mich von ihnen abhängig machen könnte. Du. Moritz, freue Dich deS praktischen Berufs, der Dich aus ihrer Nahe in eine gesundere Atmosphäre führen wird. Mich bannt mein Studium an diese Stube, an die Bibliothek und den Hörsaal und meine Muße schütze Gott vor solchen Widerwärtigkeiten." „Du hast Recht, Herrmann", sprach Moritz. ..Deine Einsicht besiegt mich immer. Ich bin curirr. 'Im nächsten Monat ist mein Triennium absolvirr. dann adieu ibr steifen Judencirkel. „Aber Deine Jnhabilitation und der judenfeindlicke Decan, wirst Du auch Stand halten, oder mit klingendem Spiele in'S feindliche Lager marschiren?" Herrmann dampfte einige starke Rauchwolken in die Höhe, stellte dann seine Pfeife zur Erde, was nur bei den seltensten Anlässen zu geschehen pstegte )>nd erwiederte: „Ich kenne ein großes Thal, von hohen Bergen umschlossen, von einem schmalen, aller silberhellen Bach durchschnitten. RechlS graSreiche Wiesen und schattige Bäume. links dürres, ödeS Haideland. Berge, Bach und Ebene gehören einem Herrn. Wer mag der Herr wohl sein? „Alle Bewohner der Ebene nennen ihn Vater, aber wie verschieden find diese Bewohner unter einander! Lachen und Jauchzen der Masse ans der einen, Thraneu

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