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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 35 (1858) · p. Seite 138

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
35 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 138 (sequence 2)
Language
German
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138 Johanne- Parricida schildert. Ueberhaupt ist eS zu be. wundern, wie Schiller die Oerilichkeiten in seinem Drama so genau zu zeichnen wußte, ohne sie jemals betteten zu haben. Ich la» hier feinen Wilhelm Tell noch einmal, und, obschon mir die Schwächen de- Stückein ästhetischer Beziehung nicht entgingen, war ich doch ganz he» geistert von der glücklichen Mischung der Localfarben, von der richtigen Zeichnung de» Volk-charakter» in seiner Natürlichkeit, Energie und seinem Fernsein von aller nebulirenden Idealität. Die Schweizer sagen freilich: So spricht keine Schwyzer Bäuerin wie Schiller de» weisen Jberg- Tochter reden läßt. Allein hiermit hätten sie über ihre Urtheil-fähigkeit selbst den Stab gebrochen. Die Geschichte erweist, baß die aften Schweizer so gedacht, gefiihlt und gehandelt. Der Rede Schmuck ist de» Dichter» Sache, wenn er damit nur nicht zu «eit über Ort und Zeit hinau»greifr. Allein e» mischt sich in obige» Unheil sicher etwa» Undankbarkeit und Eifersucht, welche beide Unarten den Schweizern gegen die Deutschen nicht fern liegen; sonst hätten sie längst Schillern ein einfache» Gedächtniß in der Gegend, die sein großer Geniu» verberrlicht har. gestiftet. Aber zu verwundern ist e», wie Schiller r» doch nicht dahin gebracht hat. diese Gegenden einmal zu besuchen; ebenso wie e» nicht Jean Paul gettieben. di« borromäifchen Inseln zu sehen, die er durch seinen Titan beruh»! gemacht. Aber in der That waren e» wobl damal» auch nicht mehr'die Schwierigkeiten einer solchen Reise, welche die Herren abfchreckte», al» daß der Gedanke an sie so fern lag. Jetzt freilich, schnürt so ein junge» Studeutchen. da», wie ich. noch weiter kein Derdienst hat, al» einige Kranke in der Klinik gesehen und nicht curirt zu haben, eine» schönen Morgen sein Bündel und fährt und pilgert'hierher und berauscht sich an Wrt Herrlichkeiten der Gotte-schLpfung, alob sie erpre» hierzu gemacht worben. Don Altars bi» Amsteg geht e» ziemlich eben durch da» Reußthal. Cs^ist eine entzückende Wanderung; die lieblichsten Auen, von reichen Obst» und schattigen Nußbaumen bedeckt, ziehen sich am Fuße kolossaler Berge hin. Manen und Wälder überall mir Sennhütten besetzt, steigen die Berge bi» zu den Wolke« hinan; unten im Thale rauscht die breite, grünweiße Reuß. Hinter Amsteg legen sich zwei Brücken über den Fluß und hinter diesen beginnt die eigenüiche Gotthardtstraße. Doch denken Sie nicht, daß die Uebersteigung der Alpen auf dieser, sowie den anderen Paßstraße«, irgend eine Heldenthat sei, und daß »an sich hiermit den Namen Hanmbal». Eisar», Suwgrow» und Napoleon» etwa aornhe. Täglich gehe« drei Diligeozen über den Gotthardt «ach Italien «nd drei kommen au» Heftterie» herüber. Dazu zahllose Kutschen und Lastwagen und die Sache muß nicht gar so schwierig sei«. Doch ich will Ihnen gleich die Sache anschaulich machen. Do» Gotthardt hat sich nordwärt» die Reuß durch da» Kel»gesteia ihre» wilden Lauf gebroche« oder vielmehr der wilde Wasserstur« der Vorzeit brach fich diese Bah» und ließ die Reuß al» an kleine» Andenken zurück, die au da» einmal gewonnene Bett ewig durchbraust. Ebenso send« der Gotthardt nach Süden zu durch eine tief etngrschnitteae Schlucht den Tefsia hinunter. Der kluge Mensch ist dem Laufe dieser Flüsse gefolgt, hat sich in stnher Zeit durch diese beiden Schluchten hinan und hinab einen Saumpfad gesucht, und al» dieser dem Wach-thum de» Derkeht» nicht mehr genügte, wurde 1820 au» dem Saumpfad eine herrliche Kunststraße gemacht. So steigt diese Sttaße immer dem Laufe der Reuß entgegen in taufend Echlangenwindungen den Gotthardt hinan und folgt dem Lause de» Tessin den Gotthardt hinab. Don Amsteg beginnt die Straße die Felsen hinanzuklimmen; zugleich wird da» Thal immer enger, kaum daß oft die schäumende, brausende, stürzende Reuß sich durch die Felsen über mächtige Klippen und riesige Blöcke hinwegdrängen kann — da» Liebliche verschwindet, da» Gewaltige und Schaurige hebt an; die Vegetation und mit ihr die Wohnungen der Menschen hören immer mehr auf; kaum daß der Fuß der schlanken Alpenziege oder der de» armen Wildhauer» sich hierher versteigen kann, um ein wenige» Gra» vom steilen Abhang hinweg zu gewinnen. Die Sttaße läuft meist in der halben Höhe der Felsen, wo ihr bald da» hindernde Gestein abgesprengt, bald der Raum durch Untermauerung gewonnen ist und muß sich über eine Menge von Brücken, die sich hoch über den io der Tiefe donnernden Flußvoa Fel» zu Fel» wölben, bald recht», bald link» wenden. E» ist eine wilde, erhabene Natur. Der kleine Mensch wandelt da den Felfeusteg, unter fich den Sttom. über sich einen schmalen Bogen de» Himmel», der auf den Rändern der furchtbaren Felsenkoloffe zu ruhen scheint; aber wo ftüher kein Raubthier und kein flüchtige» Wild zu schreiten vermochte, wo nur der Geier mit seinen Schwingen hindurchrauschte. wandelt er sicher, weil er durch seine» Geiste» Gewandtheit und seiner Hände Geschicklichkeit einen festen Pfad sich zu bereiten verstand. So ka» mir, mitten in dieser erhabenen Oede. wo ich mich mit dn Mächtigkeit der GotteSuatur allein fühlte, und ihr gegenüber so klein», so einem einsamen Punkt oder Sandkorn, doch der Gedanke an die Größe de» Menschen, die ihm sein Batet im Himmel al» eine Morgengabe verliehen hat. So steigt man wohl fünf Stunden in die Höhe und gelangt endlich an „die Brücke die da stäubt". E» ist die „Teufel-brücke", wo die Kelsen am riesigsten, am nacktesten, am engsten, wo die Reuß den furchtbarsten Sturz macht, wo ihre Wasser, durch die Tiefe de» Fall», durch die zahllosen Zacken de» Gestein», durch den gewaltigen Windzug, der immerfort durch die Schlucht fich drängt, zerrissen, zersprengt, zerstäubt werden, so daß sie wie feuchter Rauch vom Winde die ungeheuren Fel-wände hinan und über die Drücke hinweggeführt werden, und der erschreckte, vom Donner de» Wafferschwall» betäubte Wanderer, durchnäßt und durchschauen, nicht weiß, ob er seinen Schritt fördern soll, u» von dannen zu fliehen, oder znrickhalten, um die Furchtbarkeit der Scene tiefer in sich oofzunehmen. Aber kaum über die Brücke gelangt, komme» neue Schotte» über feine Seele. Ei» schwarze» Kelsenthor gähnt ihm entgegen, da» „Ursener Loch" geoaant. Ist er scho» früher unter großen Schutzdächer» öfter hindurchgeschritten. welche an den gefährlichsten Stelle» Kege» den Kall der Lawinen errichtet worden, die vo« der Höhe dex Felsen im Frühjahr ihrrn verheerende» Weg in die Tiefe» der Schluchten »rh»e», so hat »»» e» hier au der gefährlichsten Stelle vorgezogen» lieber den Fel» zu durchbrechen, der fo sonst keinen Kaum für den Weg gelassen. Man ist hier bereits 4700 Fuß über

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