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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 32 (1858) · p. Seite 127

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
32 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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127 bn Nacht und die Einsamkeit thaten dem Äembthe de- Wandererwohl. So. dasagte ihm die Ahnung seiner Seele, würde er die lieben Freunde nicht Wiedersehen. Wird eje der Fall sein? Der Abschied von ihnen erinnerte ihn an den Abschied vom Hause, alS er die Reise nach der Berliner Hochschule anlrat, die er nun wieder besuchen sollte. Der D'ter legte ihm damals segnend di Hand auf- Haupt, sprechend: „Sei nur fest und standhaft, denke der Mutter und bleibe Jude!" Moritz lehnte sich an einen Baum, de! i Blick .»ach oben. Da- Auge der Mutter leuchtete rhu» herab aldimmlischer Stern. Und der Stern sprach u ihm: „Mein Sohn, mein Herzen-sohn, der F immel selbst schwelgt jetzt iu Deinem von Sehnsucht gefeu hteten Auge, und der Glaube schwebt über der Lust De ne- Herzen-, wie der Duft über den Dluthen de- Früh ingS. Mein Genius wird Dein Streben verklären, urd Gott wird die immer aüfbrechende Wunde Judami seinem allmächtigen Zauber heilen." Und der Stert ward ihm;um Glauben-stern und sprach: „Ich leuchte e beim Auszug au- Aegypten und über der Pracht de- Gottgeweihten Tempel-, sah Spanien- Autodafv- und de Blutspurea rer Kreuzfahrer — und immer leuchte ich »och im alten Glanze." Und der Stern ward zum Hoffnungsstern und sprach: „Er schläft nicht und schlummert ni hr, der Hüter Israel»!" „Nein, Du schläfst nicht, ewiger Hüter", rief Moritz, „der Sonnen» und Sternenglanz Deiner Wa-rheit leuchtet nnS immerdar." „Kräftige in mir den guten Vorsatz, we he mich zum wahren Juden. Schütze mich und mein V»!k vor kleinlicher Selbstsucht, daß wir eingedenk seien deewigen Frieden-, den Deine Werke predigen. Eini rächrlich weilt da- Große neben dem Kleinen, von zarten Epheu umschlungen strebt die Eiche bimmelwärt-. Aas dem Bora Deiner Dalergüte laß un-Balsam schöpfen unfern Wunden, daß wir de- Schicksal- Bitterkeit nickt in unversenken, o laß mein Volk an Deiner Brus genesen von tausendjährigen Schmerzen-zuckungen!" — Die Eisenbahnglocke, die Ankunft deS Mannheimer AbendzugeS anzeigend, rief Moritz auf inen Betrachtungen und mahnte ihn an seinen Vorsatz. Er bog seitab durch eine Gartenthür und stieg den Berg hinan. Je näher er dem „Rie mstelne", der „Saroboruffenkneipe" kam. um so lauter, l «8er und verworrener tönte ihm Schreien. Toben und Ge äng entgegen. Er kannte da- Lied und stutzte, dennoch tx< t er ein. An langer Tafel saßen die jugendlichen Corp lbrüder,^meist Söhne hochadliger preußischer Gut-besttzer and Beamten, olle in Hemdärmeln, daschwarzwetßgrü! i« Bänd quer über die Brust gebunden und vor thne i Seidel und Humpen und hinter der einen Bankreth« einige Fässer Bier, audenen der geschäftige Wirth ba d diesem, bald jenem einschenkte. Die letzte Strophe de- Gesängewa, eben beendet, alsie de- Ankömmlingansichtig wurden Wie im Nu sprang eine verwachsene Gestalt, ein reich« r Kaufmann-« sohn au-Bremen, auf die Tafel, und na-« Moritz hinzeigend, setzte er mit einer Stentorbaßstio »e an: „Der vierte der hieß Moritz" — und schon wollte der ganze Kreis im Chor einfallen und die eben verklungene Melodie ,.Dater Abraham ist begraben" wieder ertönen lassen, alder erste Ehargtrte, es war Heinrich von Braun, aufstand, und indem er laut und oft „Silentium" rief, so lange mit seine« Bierglase aus'den Tisch schlug, bi- Allemäu-chenstill und erwartungsvoll da faß. ,.Sind wir Studenten", rief Braun, mit weittönen» der Stimme, „akademische Bürger, oder Handwerker und Spießbürger-söhne? Pfui über den Zopf der Judenhänselei, der dem „deutschen Michel" immer noch anhängt. Komm herunter vom Tisch, TherfijeS", rief er dem Buckelmännchen zu. „Ihr Miniator-Republikaner, Ihr an-, wohl« und erbgeseffenea Bürger unserer vier Liliputfreistaaten tragt den Zopf am längsten. Daist mein wackerer Freund und Stubengenoffe. zu dessen Begrüßung Ihr ein Lied beginnt, dessen gehaltlose Tendenz und Knotenmelodie mich schon vorher angewiden hat. Soll mein Freund unverschuldete Kränkung algastliche Gabe erhalten, soll er die Verachtung unsere» jugendlichen Treibenalden letzten Eindruck de- Heidelberger Studentenleben» mitnehmen, wollt Ihr morgen in der Nüchternheit Such schämen über die Lächerlichkeit, mit der Ihr heute im Rausche den ganzen gereimten Blödsinn religiöser Piquanterien in die stille Rächt hinauSbrüllt? Ist da» der Ehristenmuth. wenn ihrer fünfzig Einen höhnen? — Komm her, Moritz, fetze Dich zu mir. e» wird Dich Niemand wieder kränken, da» ganze Corp» bringt Dir durch mich die- GlaS!" „Hoch!" riefen Alle, wie umgewandelt und leerten die Gläser in Einem Zuge, rieben sie dann au* dem Tische und schlugen fl« in Einem Tarte auf. Moritz ging festen Schritteauf Heinrich zu. drückte ihm die Hand, grüßte mit leichtem Kopfnicken die andern Zecher und setzte sich nieder. Bald war er heimisch. Unter den frohen Trinkern vergaß er die Zeit und dachte nicht mehr an die Abreise, die ihm morgen ftüh bevorstand. Mitternacht war schon vorüber — die Heiterkeit war noch ftisch und allgemein, wir zu Anfang. Erst alder Wirth mittheilte, daß die verdächtige Gestalt eine- Vedrssi umherfpuke. dacht« man an» Ausbrecher». nicht aber, ohne daß man vorher in Rücksicht auf die Abreise de- Gasteda» angestimmt hatte: „Wohlanf noch gettunken!" Und selbst alder letzte Berverklungen, stavd der Bremenser'noch einmal auf und wie zur Sühne de- Unrechtbcim Empfange reichte er Moritzen die Hand und sang: „Leb wohl denn in Frieden, ob Jud' oder Ehrist, Wenn Du nur von Herzen ein Bruder unbist, Und bist Du eia Bruder, so drück' unsre Hand. Ein Gott für un- Alle, Ein Vaterland!" Und Heinrichschmelzender Ttnor gab da» letzte Wort im zarten Echo wieder, und wie Murmeln de» Dache-, dann wie Meere-brausen fiel da- „Juvtvallera" de» Choreein.

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