Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 32 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
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126 stackere damit meinen Ehrgeiz, wie sie neue» Muth mir | einflößle. ..Ich absolvirte da- Gvmnasium." ..Frei ist der Bursch", riefen die Genossen im Chor. „Zn Bier und Tabak, in Kleidung und Sckulvsn", enrgegnete Moritz. „Ich studiere mir großer Liebe Philologie unter Böckb und Lackmann, GrimmS Mythologie fesselte mich nickt mebr al- Immanuel BeckerS Kritik Tbucvkideiscker Varianten. ..Zwei liebe Freunde au« bee Näbc meiner Vater« statt. Glaubensgenossen, lernte ick aut der Hocksckule zu Berlin kennen, der eine. gleichfalls Philologe, wurde mein Stubengenosse, der andere war Mediciner." ..Aber dock kein Frosckkönig. wie unser Eduard?" rief da- Berliner Rechenerempel. waS der Elbfobn aber heute Abend nickt übel aufnahm. „Nacktem ich ein Iadr diesen Studien obgelegen batte, meldete mir plötzlich ein Brief de« DaterS den Tod der geliebten Mutier." — Moritz dielt bewegt inne, eine beiße Thrane ebne kaS Andenken an die tbeure Entschlafene. ».Zugleich kündigte er mir den durch deS Vater- Rücksprache mit einem einftußreicken. Beamten bervorgerufenen Entschluß an. daß ick die eingeschlagene Laufbahn verlassen und mick der Rechtswissenschaft widmen sollte." ..Und so wurdest Du Sabinianer und Proculianer, Pucklajaner und Dangerowianer", rief der Hamburger lackend, „und wirst endlick als Trojaner die wanke!» mürbige Helena „Gerechtigkeit" nach Deiner Vaterstadt entführen." „So kamst Du nach Heidelberg", rief.Alexander, ..wurdest unser Freunv und' sollst eS bleiben. „Darauf stoßet an!" Hock! tönte eS im Kreise, bell erklangen die Glaser, der Kellner brachte den weiter verlangten „Stoff." ..Wir kennen Dick nock nickt ganz, Moritz, enthülle Dick weiter", rief der Virtuose, weder Deine Freund» sckast mit Heinrich von Braun, wie kommst Du. Sodn eine- Jsai, Du jjüdifcker Hirte, zum Hockgebornen christlichen Jonathan*" „DaS ist ein Lichtpunkt meines JugendlebenS, at den ich mick gern erinnern lasse", entgegnete Moritz. ..ES war beim Beginn meines vorletzten Semesterin der Prima. Die Ferien waren beendet, alle Mirfchtler batten nck früh zur ersten Schulstunde eingefunben ,nd erzählten sich von der Heimath in Wahrheit und Dichtung. Da trat kurz vor der Ankunft des Lehrerein junger Mann in den 17er Jahren, von kräftigem Bau, bochgewackfen, in den schönen GesichtSzbgen, in Haar und Auge durchweg den reinsten germanischen TypuS zeigend, in die Elaste. ES war Heinrich von Braun. Sein Vater war vom Fürsten als Regierungspräsident, d. h. als höchster Beamter unserS LändchenS berufen worden. „Die ganze Erscheirfung Heinrich«, seine feine aber bescheidene Kleidung, sein freundliche-, artige« Benehmen, empfahlen ihn sofort allen Mitschülern. Die erst, Stunde war beendet, die Freiviertelfiunde trat ein. „Meine Mitschüler, welche alle zu einer Verbindung gehörten, an der ick al« Jude statutenmäßig nicht Thcil nehmen durfte, wollten den Ankömmling zur Genossenschaft bewegen, (bei der bis auf Sprache und jeden Popanz sich erstreckenden Nachäfferei der Studentenver» bindungen nannten sie eS auch „Keilen"). „In meiner Gegenwart wollten sie aber. auS Furcht vor Verratb. ihre BundeSgebeimniffe nicht mittheilen, sie verlangten deshalb, ich solle auf 10 Minuten die Claffe verlassen.. Ich weigerte mich, man wurde zudringlicher und umringt« mick. Ick setzte mich schnell auf eine der hintersten Danke, stemmte die Füße gegen eine Dankleiste und klammerte mick mit beiden Händen an den Tisch. Jetzt begann ein neue- Manöver, man wollte nicht schlagen und wählte List. Einer sprach von der „Neugierde unsere Stamme-", der Andere von dem Berrather „Juda- Ischariol", ein Dritter legte sich auf- Bitten. biS ein rvtbhaariger PastorSsohn ein mächtige« Tintenfaß ergriff, damit auf mich zukam und mit den Worten „kennst Du daS schwarze Meer?" Miene machte, da- Gefäß auf meine Hände auSzuleeren. In demselben Momente sprang aber Heinrich von Braun hinzu — ich sehe noch daS gerötbere Antlitz und die vor Zorn anschwellende Stirn und indem er ries: „besser als Du da« rothe Meer", schlug er den künftigen Theologen in« Gesicht, daß daS Blut ibm auS Mund und Nase quoll und seiner Hand daS Tintenfaß entfiel, dessen Inhalt, vermischt mit dem Blute, den Beben besudelte. „Jetzt trat gerade der Director ein. WaS weiter erfolgte: Auflösung der Verbindung, Relegation ihrer Häupter — kann ich füglich übergehen. Don jenem Augenblicke an grub sich Heinrich« Bild in meine Seele ein. Mir war danie passirt, daß ein christlicher Mitschüler mich nicht, wenn auch nur in Worten und Geberden gehänselt hätte. Hier trat einer für mich gegen die ganze Claffe in Schranken und dieser ein Sohn unserehöchsten Beamten, altadeligem Hause entsprossen. Heinrich schloff sich seit der Zeit immer enger an mich an. In Berlin und hier find wir Slubengenoffen geblieben. Doch, weil ich eben von ihm erzähle, mahnt e« mich, daß ich nach dem „Riesensteine" gehen muß. um ihn abzuholea. „Habt Dank, werthe Freunde, für Eure Liebe, leb* wohl und vergeßt mich nicht." Bewegt reichte er jedem die Hand, und — die angebotene Begleitung der Freunde abwehrend — war er schnell verschwunden. 3. Begleiten wir unfern jungen Glaubensgenossen über die Hauptstraße und den MuseumSplatz zuuz Thore hinaus nach den „Anlagen". Der Mond schien hell am klaren Himmel. Leise schwebte er im Aethermeere dahin, alS scheue er sich, den süßen Schlaf der Erde zu stören. Seine Wolkenheerde umwebte ihn zuweilen mit duftigem Nebelschleier, aber nur auf kurze Zeit — dann brach sein volle- Antlitz um so freudiger durch. Die Stille