Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 29 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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tut bei dem Lberlandrabbiner Frankel,') der ihm Gelegenheit ztlm gründlichen Studiren de- Talmud und der damit verbundenen »ütischen theologischen RechtSgrlchrsamkeit verschaffte und' ihn zum Abschreiber feiner Manuskripte gebrauchte. Der philosophische Kopf Menkelfohn's sehnte sichbald nach edler Geistcsnabrung. suchte sie aber vergebend. Ein junger jüdischer Arzt auS Prag. NamenS Kisch, gab ibm den guten Rath, sich vor allen Dingen mit der lateinischen Sprache bekannt zu machen, wenn er» in den Wiffenschasren weiter bringen wollte; aber Mendelssohn war zu arm, sich auch nur die wohlfeilste Sprachlehre zu verschaffen; und doch war sie so äußerst nothwentig zu seinem Zweck. WaS tbat er? — er hungerte; er lebte .viele Tage lang von trocknem Brote und Waffer. wozu er sich einige Groschen mit Abfchreiben verdiente. TaS Brot. daS er sich kaufte, bezeichnete er sich ponionS. weise mit Abschnitten, um nach Verhälrniß seiner Kaffe auf eine bestimmte Zeit damit auSzureichen. Der respectable Iudenjunge! So erhungernder sich endlich eine alte Grammatik und auch ein altes Lericon. Kisch gab ibm au» Mitleiden täglich eine Viertelstunde lateinischen Unterricht und in Kurzem brachte eS MendelSsohn mit unsäglicher Mübe so weit, daß er Locke'» Werk vom; menschlichen Verstände lateinisch lesen und verstehen konnte. Er schlug jede» Wort im Lericon nach und schrieb eS auf. bis ein paar Perioden da waren, alsdann dachte er über den Inhalt demselben nach. Durch Nachdenken suchte er den Verstand derselben zu errathcn und wenn er ihn gefunden E ^aben glaubte, verglich er ihn wieder, soweit seine Keyntniß der lateinischen Sprache zureichen wollte, mit dem Wortverstande. DaS war doch wahrlich Pferde- . arbeit und hieß recht eigentlich: die Weisheit mtter Dornen suchend Auf ähnliche Weife wagte er sich an die griechische Sprache und nach und nach auch an die neuern noch lebenden. y Der Fleiß wird endlich immer gekrönt. Ein reicher jüdischer Seideafabrikant. Dernard. nahm Mendelssohn zum Erzieher seiner Kinder in'S HauS und machte ihn endlich, zum Inspector, dann zum Direktor und zuletzt gar zum Compagnon seiner Fabrik. Alle NahrungSforgen hatten nun ein Ende. Mendelssohn sah mitleidsvoll auf die tiefe Unwissenheit seiner Nation herab und wünschte -einen Lichtstrahl in diese ägyptische Finsterniß fallen zu lassen. Er schrieb deswegen mit einem seiner Freunhe. TobiaS Bock, eine hebräische periodische Sckrift, unter dem Titel: „Koheleth Muffor" (der moralische Prediger), aber kaum waren drei Bläue? davon heraus, flehe! da fingen die orthodoren Rabbiner, die die Fiasterniß mehr liebten, denn da» Licht, auf eine solche Weife an;u toben, daß Mendelssohn für gut fand, die Segel einzuziehen und daS Licht wegzutragen. Die Schrift, unterblieb. Die» Judenlicht hatte jetzt schon so glänzende Strahlen von sich geworfen', daß auch die christlichen Weisen auf diesen Stern in Israel aufmerksam wurden. Er gerieth in Bekanntschaft und gelehrten Ilmgang unv Briefwechsel mit Lessing. Abbt und Nicolai, welcher letztere ihn auch *) Dieser gelebrte Rabbiner war srüber in Dessau und kannte die geistigen Fädigkeiten d«S kleinen Mose». D. 9. zum Mitarbeiter an der allgemeinen deutschen Bibliothek annahm. Seine gelehrten christlichen Freunde suchten ibn zu überreden, stin gelehrte» Licht, waS die Juten verschmäht halten, nur vor den Christen leuchten zu lassen. Dazu war aber Mendelssohn auS Schüchternheit nickt zu bringen. Bescheidenheit ist immer Merkzeichen de» wahren Weisen. Lessing machte also seinen Freund aus folgende Weise zum Autor. Er gab ihm einst einen Aufsatz von einem auswärtigen Gelehrten, den ihm Mendelssohn nach Durchlesung mit den Werten wieder zustellte: ..Ich genaue mir allenfalls darüber etwas auf« zusctztn." — ..DaS möchte ich wohl scben". erwiederte Lesfing. Mendelssohn schweigt und bringt ihm einige Zeit nachher daS erste seiner bckannuü philosophischen Gespräche. Lessing nimmt eS mit der Entschuldigung, er habe jetzt unmöglich Zeit cs zu lesen, und so verstrichen einige Wochen, ebne daß Mendelssohn daS Manuskript zurückerhielr. Bei einem abermaligen Besuch Mendelssohn'S bei Lessing, fragt jener riesen: „ob er bereits seinen Aufsatz gelesen habe?" Statt der Antwort sagt Lessing: ..nehmen Sie doch dort da» kleine Düchelchen" — und siebe da! Mendelssohn erstaunt, fein Manuskript gedruckt zu sehen. So kam er zur Autorschaft, er wußte; nicht wie? — Bald darauf erschienen Mendel»sohn's ..Briefe über die Empfindungen", ein klassische» Werk unseres Jahrhunderts. ES giebt wohl kaum etwas Zarteres und Dunkleres, als diesen Gegenstand, welcher dem beobachtenden Geist so leicht entschlüpft, und doch verfolgte ihn MendelSsohn's forschender Blick bi» in seine tiefsten Verborgenheiten und anatomirte gleichsam da» unsichtbare Lebendige. Zugleich ist der Dortrag dieser ernsthaften Untersuchung so lieblich und harmonisch und bildet einen einladenden Sckleier über den trockenen Gegenstand, daß vor ihm neck kein Deutscher seinen philosophischen Spekulationen ein so angenehmes Gewand zu geben gewußt hatte. Diesem gelehrten und mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Werke folgte ^ein „Phäd on'^. Er beweist darin, daß die Seele nicht mit dem Leibe sterbe; daß sie auch nicht wie dieser zusammengesetzt sein könne; und endlich, daß fie nach der Anlage ihrer Natur vom Schöpfer zur Fortdauer und zum WachSthum an Vollkommenheit bestimmt sei. Diese» Werk ist noch bi» jetzt immer da» vortrefflichste, waS die Menschheit über diesen Gegenstand hat, und die Unsterblichkeit, welche Mendelssohn hier lehrt' und begründet, hak ihn schon selbst, unsterblich gemacht. Sein Vortrag ist auch hier so anmutbig. seine Bewegung»gründe meistens so treffend, seine Auflösungen so scharfsinnig, er breiter so belle» Lickt über den Weg. auf welchem er mit feinen Lesern gebt, sein Ton ist dabei so äußerst bescheiden, und die Materie begeistert ihn zuweilen zu einer so ungefuchten natürlichen Beredtsamkeit deS Herzen», daß man ibm glauben und alle Zweifel Niederschlagen-muß. Mendelssohn'» Ruhm war nun entschieden und die Weisesten deS CbristenthumS räumten ihm eine der ersten und ehrenvollsten Stellen in der Rangordnung der großen Geister unseres Jahrhundert» ein. Von allen Katbedern christlicher Universitäten. obgleich Mendelssohn nirgendswo zu den Füßen christlicher Professoren gesessen batte.