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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 26 (1858) · p. Seite 102

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
26 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 habe, nnd bei den trefflichen Nachrichten, die ihm geworden. nicht anstehe, mir die Stelle anzutragen, welche freilich nur ein Firum von 100 Thalern einbrächte, und nicht zweifle, daß seine Mitvorsteher freudig ihre Zustimmung geben würden. Das war ein sehr glücklicher Anfang unserer Bekanntschaft. Um so geflügelter fetzte sich die Unterhaltung fort. Herr Henoch gab mir leise zu verstehen, daß er noch einen Wunsch auf dem Herzen habe, und als ich in ibn drang, mir ihn mitzurheilen. sprach er ihn dahin aus. daß ich mich auch dem Amte eines Möbel unterziehen solle. ES fehle jetzt an einem solchen hier und in der Umgegend, und da sich ein oder zwei junge Leute dazu bestimmen wollten, fürchte er. daß dieses Amt wieder in Unrechte Hände falle. ES sei immer seine Meinung gewesen, baß vorzugsweise die jüdischen Aerzte sich diese- Amtes befleißigen sollten. Dann aber wäre eS auch notbwendig. daß ich im Leben den Juden etwamehr bethatige, als die Aerzte unseres Glaubens gewöhnlich tbun. Denn dieses Amt sei ja doch nur ein religiöses, zu welchem der Arzt sich nur vorzugsweise qualiflcire. und die Verrichtung eine rein religiöse. Der richtige Instinkt der Masse wollosie daber nicht von Jemandem vollzogen sehen, der dem religiösen Leben sonst ganz entfremdet wäre. Andererseits würve es für mich den Donheil haben, mich schnell in den Sckoß der jüdischen Familien hier und in der Umgegend einzuführen, wo ich, um so leichter Gelegenheit hätte, mir Achtung und Freundschaft zu erwerben. Es waren nicht allein diese mir so vortbeilhasten Anträge, sondern auch mehr die Art. wie sie ausgesprochen wurden, welche mein Herz dem würdigen Manne zuführten. Dieser Freimulh, diese freundliche Fürsorge, ohne im geringsten die Linie .zu überschreiten. die noch zwischen ihm und mir liegen mußte, diese Achtung, die er mir bewies, ohne daß sie irgend eine Ueberschatzung verrieth, kurz kaS ganze-Wesen des Mannes entzückte mich. Ich nahm Abschied, ohne die übrigen Hausgenossen gesehen zu haben, selbst daS schöne, blühende Mädcken, welches den Vater herbeigerüfen, war nicht wieder erschienen. Ich ging nun zu Herrn Freund.. Es war ein schönes. prächtig geschmücktes, mit dem üppigsten LuruS auS« - gestattetes HauS. in welches ich eintrat. ES stand Alles darin auf vornebmem Fuß. Ein reich gallonirrer Diener tübrte mich in den Boriaal und meldete mich an.. Aber ich mußte wobl eine Viertelstunde wanen, und eben wollte ich mich wieder entfernen, als der Diener geräuschvoll die Flügeltbüre öffnete und meinen Namen laut nannte. Ich mußte über biete Nachäffercr lächeln.' Als ich in daS glanzende - Empfangszimmer eintrar, stand Hert Freund kerzengerade in der Mitte desselben und empfing mich mit einem stolzen Kopfnicken. Er sprach eine Zeitlang siebend mit mir, schritt dann zum Sopb^,. und winkte mir mit der Hand mich auf einen. Sessel niederzulaffen. Diese ganze Manier ärgerte mich, und sagte mir im Voraus., daß ich in tiefem Haute nichts zu tuchen hakte. Der Arzt, untz^rvenn er ganz Neuling ist, tarf sich niemals als Client behandeln lassen. Sein Beruf ^erfordert eS. daß er -such von den höchst gestellte^ ftcn und reichsten. Personen sofort als einer ibreS Gleichen behandelt werde, oder er muß fick ' znrückziehen. Ich nahm es daher sehr frostig auf, als Herr Freund eine Gönnermiene «an,hm. als eS mir schien, als ob er es doch darauf anlege, nachdem er mir, seiner Meinung nach, imponirt hätte, mich zu seiner Partei heranzuziehen; und als er mich frug, bei wem ich schon Besuch gemacht, fügte ich unumwunden der Reihe der chrjftOche, Honoratioren den Namen deS Herrn Henoch hinzu. Ei» Schatten lief über sein Gesicht, und er war wieder der vornehme Mann von vorher. ..Nun", bpb er an, mit einem spöttischen Zuge um den Mund. ..ich habe seit Jabren den Herrn Geheimen Sanität--. Medieinal- und Hofrath zum HauSarzt. Er fährt, selbst wenn nichts in meinem Hause zu tbu» ist. jede Woche bet mir vor. besucht alle meine Gesellschaften und nimmt nicht selten ein Diner bei mir ein; den kann ich doch um Ihretwillen nicht abschaffeu?" „Das verlange ich auch nicht von Ihnen", antwortete ick. „Und so ist es bei allen meinen Bekannten, und ich kann Ihnen daher gar nichts nützen." „Ich wollte Jbnen nur meine Achtung bezeugen. Ich weiß sehr wohl, fügte ich stark betonend hinzu, daß ein Jeder seinen Weg selbst machen muß, und daß er nicht bei dem steben bleiben darf, was ihm Andere in den Schoß werfen." Ich weiß nicht, waS den Mann bei meinen Worten so frappirte, doch da ich ihn gerade anblickte, sah ich ihn plötzlich erbleichen, und mich einen Augenblick anstarren. Dann erhob er sich schnell und machte mir eine kurze Verbeugung. Ich war entlassen. Die Behandlung dieses Mannes verursachte mir durchaus keinen Verdruß. Beim ersten Anblick hatte ich nichts Andereerwartet. Ich hatte meine Pflicht gethau und war ihn mm loS. Unter welch' anderen Verhältnissen sollte ich dieses Zimmer noch einmal betreten! — Herr Henoch sandte mir bald eine Einladung zum Mittagsmahl am Sabbath. Ich folgte ihr freudig, denn ich fühlte, daß mir. dem Fremdling, hier eine heimische Stätte sich schaffen würde. Aber in dem Sinne, in welchem eeinrraf. hatte, ich eS doch nicht erwqrtet. Ich will' aber den Leser nicht mit einer langen Erzählung dieser Episode.aufbalten, und fasse daher-die Sache kurz. Ich lernte natürlich alsbald die sammtlichen Glieder der Familie kennen. Der älteste Sohn, der trotz seines unglücklichen Geschickes, in der schönsten Jugend zu einem Leben voll Entbehrung und Hilflosigkeit verurtheilt zu sein, und trotz der bitteren Zurücksetzung, die er erlitten, sich das edelste Herz, voll flammender Begeisterung für .alles Schönt und Humane bewahrt hatte; der zweite Sohn, gerade und bieder; Amalie, dieses in ihrer Jungfräulichkeit verklärte Wesen, welches trotz seiner Resignation cur die höheren-Freuden keS Lebens, einen erhabenen Beruf in der Erfüllung mannigfacher Pflichten, in der Pflege ihrer Mutter, in der Sorge für Vater und Geschwister, in der Führung deS HauSwefenS, in der Ucbung guter Werke gegen jtranfe, Wittwen und Waisen erblickte — welch' ein KreiS herrlicher und inreressanler Menschen. Und dennoch gesellte sich zu diesen ein Wesen, welches mich noch mehr anzog, als alle anderen, daS bald mein ganzes Her; erfüllte, die jugendliche, blühende Lina. Aber erwarte nicht, mein Leser, daß ich dir nun eine Göttin mit all' ihren Schönheiten beschreibe,

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