Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 24 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 unsere- Vaterlandes bat bereits dem Vernehmen nach früher eine ähnliche Einrichtung getroffen. aber es sollte kirS eine allgemeine ^Maßregel werken. _ r.'zzr1 r*:x — Horic tBöbmen), im Juni 18)8. l>r. Ehrentheil, Rabbiner. Eine lächerliche, ja schädliche Nachäfferei. Wenn bei unseren Glaubensgenossen der neueren Zeit irgend, eine unlobenswenhe Eigenschaft auffLllt, so ist eS die Rachäfferei, kie in mancherlei Dingen.zum Vorschein kommt. Allerdings ist^ diese Erscheinung nicht unnatürlich. Denn da die Juden seit ungefähr sieben Jahxzebenven kie Ausgabe ru lösen batten. auS ihrer Abgeschlossenheit heraus die europäische Bildung unk Sitte sich aazueignen, eine Aufgabe, der sie mit so großer -ebenSnische und Geisteskraft genügt haben, so geschah eS und geschieht eS sehr leicht, daß dieses Streben, über kaS rechte Maß hinaus greift und selbst dahin gelangt, wo eS lächerlich, ja schädlich, wo eS zu wabrer Nachäfferei wird. ES zeigt dies von einem.Mangel an Charakter, "der bedauerlich ist und welcher bei. unum so mebr auffallt, alS jn den früheren Labrbunderten unsere Väter sich durch daü gerade Gegembeil abzeichneten. durch eine unerschütterliche Zähigkett. welche selbst den anerkannten Mißbrauch nicht fahren ließ. Schädlich ist diese Nachäfferei, in religiösen Dingen, namentlich dann, wenn d Dtng« bettifft, die mit den wesentlichsten Merkmalen und -ehren der verschiedenen Religionen verwachsen sind. Hier börl die bloße Schwäche auf, denn da in den Geistern der Menschen Ausdruck unv Wesen jufa immer bald an einander schließen. so muß der immer wiederbolle Ausdruck unmerklich ^auck den Gedanken in der Seele deimisch machen. Wir baden eS unS vorgenommen, gegen kiese Nachäfferei einen nachdrücklichen und ausdauernden Feldzug zu unternehmen, und hoffen damit dei denen unserer Glaubensgenoffen, welche noch Ernst t'ür die Religion bewabrr haben, Bedenken und Nachdenken bcrvorzurufen und somit der falschen und unreinen Strömung einigen Einbalr zu tdun. Wir fordern daher auch Alle, die mit unS bierin übereinstimmen, auf. sich in diesen'Bestrebungen uns anzuschließen und durch Wort und Schtift mit zu witken. Heben wir beute nur einige Punkte betvot. Eine Sitte, die sich unter den Juden in Deutschland immer mebr verbreitet, ist die der Bescherung und deS CbristbaumS an Weihnachten. Wir finden diese Sitte :n christlichen Familien sehr schön. Sie ist aber mit dem Namen und Gedanken deS Stifters der christlichen Religion zu sebr vereinigt, als daß sie nicht einen völlig christlichen Charakter angenommen bätte. auch wenn sie bloS in deutschen Tauen gebräuchlich ist. also einen alt Nationalen Ursprung hat. DaS Weihnacht-fest knüpft sich unmittelbar an die Person jenes Stifter- und die Gaben, die dvS jubelnde Kind empfangt, werden im Namen ..deheiligen Christi gespendet. Welchen Einfluß muß VieL-auf daS Gemüth de- JudenkindeS haben, und wie werden durch solche Feier, durch die Verbindung der beglückendsten Jugenderinnerungen mit dem rein christlichen Feste die Ideen so verwirkt, die unterscheidenden Merkmale so verwischt, daß der religiösen Nivellirung Lhür und Tbor geöffnet wird. Will man einmal um diese Zeit sich und seinen Kindern die Freude deS BeschenkenS nicht vorentbalten, will man daS kindliche Gemüth vor den Gefühlen des Neides bewahrt», warum verbindet man eine solche fröhliche Feier nicht mit dem ersten Abend des Cbanukkafestes, dem sie so natürlich ist? Jn trüberen Tagen war die jüdische Trauung mit vielen Bräuchen verbrämt, welche unserer Zeit geschmacklos erscheinen muffen; diese muffen fallen, wie sie an den meisten Orten auch schon gefallen sink. Aber der Kern der jüdischen Trauung ist schon und erhebend, dem bedeutungsvollen Acre völlig angemessen. Diese Vereinigung unter dem schön geschmückten Baldachin mit den tbeuersten Verwandten zur Seite; diese SegenSsprüche in der herrlich klingenden Sprache Zion-, dieses gemeinsame Trinken de- Brautpaars auS den Bechern unv vor Allem daS Anstecken des CberingeS seitens des Bräutigamauf den Finger der Braut mit. den vielbedeutenden Worten: „Siebe, Du wirst mir geheiligt durch diesen Ring, nach dem Gesetze MoseS und Israels" — sind sie nicht ergieifend und vollständig genug, um noch durch die Nachahmung anderer Riten vetstärkt werden zu sollen? Wozu also noch auS der christlichen Kirche die Entlehnung der dem Brautpaare votgelegten Fragen, die sie mit ..Ja" beantworten müssen? Nichts ist lächerlicher, als wenn man Juden in Gesellschaft von Christen mit hundertfältigem..Herrje!" unv der weiteren Ausführung dieses AuSrufeS um sich werfen hört, gleichsam um sich damit für Christen halten zu machen — alS ob sie, wet.n einmal solche AuSruse stattfinden sollen, nicht mit ihrem „Herrgott" genug hätten. Begnügen wir uns heute mit diesen drei Beispielen, die jevock schon an sich noch vielfache Besprechung zulasten, deren Reigen aber noch zu vergrößern ist. Wir ^wollten heute nur andenten. Patriotismus lithauischer Juden. (Sine wabre Anekdote vom Jabre 1812. milgetbeilt von -von Kordon auS Ponivest 1 Auf feiner Flucht' auS Rußland batte Napoleon die Trümmern feiner Armee in Smorgonv verlassen und sich unter dem Namen Coulaincourt fast einsam der Grenze von Galizien zu geflüchtet. Während dieser Reise kam der hohe Flüchtling an einem Sonnabend Nachmittag in ein kleine-, auf.dem Wege zwischen Wilno und Rowno liegende-, größientheils von Juden bewobnteS Städtchen, Namens Schischemor, wo er. auS Mangel an Relais- Pferden, einige Zeit aufgehalten wurde. Obschon das Inkognito auf's Strengste beachtet war. so haben doch die israelischen Einwohner desselben Orteerfahren, wer ihr Gast wäre und beschlossen daher, alle Aeltesten der Gemeinde sofort nach der Synagoge zu berufen, um dort nämlich Rath zu pflegen, ob man denselben ouffangen oder weiter ziehen lassen solle. Nun hörte man plötzlich die sonore Stimme de- Schulrufers ertönen —, der