Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 17 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 rS ein frisches Rauschen überall gab. An einem türkischen Leichenbose vorüberkommend, befanden sich, was ich sonst nirgend im Oriente sah. Monumente auS gelrecknSlem Lehm auf einzelnen Gräbern. Giebt eS eine einfachere Illustration;u dem zerknirschend demütbigenden Gedanken: Staub bist du und zum Staube kehrst du zurück. Durch .den ungebeuren Schneefall dieses Winters. der an Hausern und Llivenbaumen und Garten einen Schaden von 70 chiS 80 Millionen Piastern ungerichtet bat. wurde dieser Fnedbof völlig zerstört. Leichen und Gerippe lagen hervorgewüblt und die Regierung, stau rasch an die Wiederbeerdigung zu denken, gab den Befebl. die Hunde, die die Leichen zu fressen ansingen, zu erschießen. Mein Führer sagte mir, daß auf dem jütischen Leichenhofe die Grabsteine aüS der älteren Zeit ebne alle Inschrift sind und wie bei den Kartbäufern w'ercr vcn Namen deS Todren nennen, noch, etwas von seinem Leben zu sagen wissen. Wie elend nebmen sich dagegen die immer prunkender «erdenden Grabschriften aut den Friedhöfen des Abendlandes aus, die trotz der vielen Worte, die sie zur Schau tragen, selten poetisch und noch seltener von einem bistorischen Lapidarstile ge» ' tragen sink. Ein künftiges Jahrhundert wird, staunen, was daS unsere reich war an Weises, an Gelehrian, an Glaubensbrtrcn, an Woblthatern der Menschbeit! I Unweit VeS jüdischen Friedhofs treibt sich seit Jahren ein berüchtigter Mann Namens Kaurdschi berum, der die Gemeinde, wenn ne mit einer Leiche kommt, brandschatzt üyd je nach dem Anseben der Familie, welcher die Leiche' angebort, 10, 20. 50, 100 bis 200 Piaster 'abnimmt. Alle-Reklamationen baben bisher nichts genützt, und es mag dieser Zug eines der vielen Beispiele geben, wie im türkischen Reiche» regiert wird. Dem Kabbalisten Ebajim Vital, vo>? dessen Grabe auf diesem Friedhöfe wir bereits gesprochen haben, wird nacherzählt, daß. er von redem Grabe wußte, wer in ibvl begraben liege. Der Todte verkündete ihm, wenn er über daS.Grab sich beugend, zu ihm hinunter sprach, sein Alter, daS er im Leben erreichte u^d^seine Thaten. Wenn ein Gewaltiger in unsere Gräber, zu deren Schmuck ganze Marmorgebirge geplündert wurden, hin» unterfragen würde, welche Antworten, weil der Mund der. Lotten nur Wahrbetten verkünden darf, würde man bören. wie schmachvoll lügenhaft erschiene oft die prunkende Legende! Da von den vier Tagen, die ich in Damaskus verlebte. einer ein Samstag war, so besuchte ich alle Synagogen, deren schönste die Franchi ist. Hock und lustig mit drei Bogen, die auf zwei kleineren Säulen ruhen, sind die Wände blau gemalt in eingerahmtea Feldern barbarische perspectivlose Landschaften, Minarett mit Mono und Stern geschmückt, chinesische Thürme. geschmacklose Blumenvasen u. dgl. Als die Thorarolle aus der Lade genommen und aufgerollt der Gemeinde gezeigt wurde, erhoben sich in dem ungedeckten Dorhofe der Synagoge an zweihundert Frauen in weißen, weiten .Linnenmänteln, die auch ihr Haupt bedeckten und drängten an die offene Pforte der Synagoge heran, ihre Arme inbrünstig auSbreitend gegen die Thora.. Keine von ibnen bat ein Gebetbuch, denn sie sind nicht des Lesens kundig und die geschilderte Bewegung und Pantomime ist der einzige Antheil, den sie am Gottesdienste nehmen. Ich wurde vor die Thora gerufen. auS welcher, mir vom Verbeter. Herrn Dung, welcher der beste jetzt lebende Dichter in Palästina ist. vorgelesen wurde. AIS der Gottesdienst zu Ende war. wurde ich der Zeuge einer erschütternden Scene. Ein Kind wurde im feierlichen Aufzuge zur Synagoge gebracht, um am achten Tage die blutige Bunkesweihe zu empfangen. Alles drängte heran und mir wurde alS dem Gaste Platz gemacht. damit ich das ^Kind besser sehen könne. Dem Kinde war ein reiches, goldgesticktes Kleidchen und ein solches Häubchen, das mit Blumen geschmückt war. angethan. Es rubte auf einem ganz mit Palmenblättern und mir Blumen bedeckten, niedrigen Tischchen. Es war seirre Bahre! ‘ Als die Operation vor^enommen werden sollte, nahm der mit ihr betraute Mann Anstand, denn das Kind kam ihm febr bleich und regungslos vor. Man rief nach einem Arzte, der sich in der Synagoge befand; er trat heran, tastete, wie es im Oriente- Brauch ist. an beiden Händen des Kindes ^en Puls, dann schob er ihm seinen kleinen Finger in den Mund und in orientalischer Ruhe sprach er noch immer kein Wort, während die Menge lautlos auf seinen Ausspruch harrte. Ich bemerkte leise meinem Nachbar: „Nehmt daS Kind fort und sorgt, daß eS begraben werde." Er sagte meine Worte weiter und die eben noch herrschende Stille verwandelte sich in ein von den Frauen erhobenes, Entsetzen erregendes, Wehklagen. ES war ein wortlose- Schmerzensschreien, bis eine auSrief: ,,Die unglückselige Mutter!" und nun schrieen alle, im weinenden Eher, die Worte nach. Die Frauen rangen die Hände, mancher war der weile, weiße Schleier entfallen und sie standen in kostbaren Gewändern da und kasteiten sich an Brust und Wangen, während manche die Stirn an die Steine der Svnagoge schlug, lieber die wild schmerzlich bewegten Gruppen warf ein blühender Granatbaum seine Schatten, und durch dessen Zweige schimmerte zu tausend Diamanten zersplittert, die Sonne vom tiefblauen Himmel. Wir gingen die Svnagogeverlassend an einem Hause vorüber, welches als dasjenige gezeigt wird, in welchem der Kabbalist Vital wohnte. Diesem Hause gegenüber befindet sich ein anderes uraltes, über dessen Pforte auf einer steinernen Tafel der Name GotteS eingegraben ist. Es war einst das Eigenthum des berühmtesten, sepharedifchen DickterS. Rabbi Israel Nadscha, der vor hundert Jahren blühte. Sein Divan befindet sich nur in wenigen Abschriften. Herr EliaS gerieth in begeisterte Stimmung, als er von ihm sprach, und fing einzelne Verse zu singen an: „Die jetzt Lebenden sind nur Monde, die von ihm Licht empfangen und er ist eine Nebensonne teS Don Jehuda Halevi." Die Gemeinde hat zwei Lehranstalten, an denen fünfzehn Lehrer in verschiedenen Abtheilungen unterrichten. In zweien wird Talmud, aber wenig gründlich gelehrt. Bemerkt muß es werden, daß mitunter Juden und Mohammedaner ihre Kinder, auch zu den französischen