Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 11 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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42 frei von der Decke herabschwebte im metallenen Glanze, in roiy der Widerschein von vier Lichtern sich spiegelte, schien sie Jedermann zu fragen: Wenn ick auch wieder ein Jahr älter geworden bin, blinke und strahle ich nicht heute noch eben so schmuck und hell, alt vor 50 Jahren, t>j just der Rabbi am Vorabend seiner Darmizwabfeier stand? Unter der Lampe stand der Tisch, mit reinem Linnen bedeckt, und darauf war-für drei Personen blankgescheuerte» Zinnengerätb. Auf de- Rabbi'- Teller lag da- ' geflochtene Weißbrot und drüber die sammetne Decke, mit silberdurchwirktem Gebetspruche. Und davor stand eine Flasche mit Wein und eia Gla-, eine Schaale mit Höing und eia Körbchen frischer Aepfel. Ellah lain der Te. sillab. in ihrem inbrünstigen Gebete der frommen Hannah gleich, deren Lippen sich nur bewegten, deren Stimme aber nicht gehört ward. Dräunche mochte die häusliche oder die Sckulandacht schon zu lange gedauert haben, denn fie sagte i« unwilligen Tone: »Wenn da- Esten kalt wird, auf wen geht'- wieder au-tz auf mich. Zwar habe ich fbt meine Person keinen Hunger — denke ich an die schreckliche .... De- Rabbi'- Eintritt unterbrach tbre!Rede. Sein Gang war sicher, sein Auge blickte heiter, nicht. eia Hauch von Kummer trübte den Gotte-frieden setne- Antljtze». Er schritt auf seine Tochter zu, die eben ihr Gebet beendet und küssend die Testllab «eggelegt hatte. Er legte die reckte Hand auf dasich neigende Haupt der Jungfrau und segnete sie. dann reichte er auch Dräuncken die Hand und wünschte Beiden »ein gutesüße- Jahr." Hierauf sprach er am Tisch die herkömmlichen Segen-- sprücke und gab den beiden Frauen vom Weine. Droce und den in Honig getauchten Aepfeln. ..Binder," bub er aber an, „ick verlange noch nickt nach Speise und Gettiak, ewerden noch einige Gemeindeglieder «ick besuchen, laßt unspäter essen pnd zieht Euch vorläufig zurück. Seid aber unbekümmert, verlaßt Euch darauf, der Herr wird mir altreuer An» wall gegen meinen Ankläger beistehn/' Beide entfernten stck..— Der Rabbi trat an'- Fenster und sah hinauf zur azurnen Wölbung, zum sternenbesäten Teppich de- Ewigen. „Ein neue- Jahr!" sprach er. „Der Menschen kurzsichtiger Verstand bat Dich, o unendliche Zeit, durch Endlichkeiten beschränkt, er will mit seinen» Gesichtskreise Deinen unermeßlichen Himmel umschließen. Ruheplätze hat er sich au-gefucht auf feiner Erdenpilgersckaft, von gleicher Entfernung sie alle, aber nicht von gleichem Werkhe^ Gleichgültig eilte so Mancher über Freud und Leid hinweg und steht gleichgültig am neuen Wendepunkte, und hie eine Leidenpilgersckaft vollendet haben, sehen klagend zurück, sehn in bangender Hoffnung vorwärt-, und über die das verflossene Jabr die Fülle irdischer Freuden auSq,gossen bar. ob sie nicht undankbar gegen die Bergangen- * beit mit nock größer» Erwartungen der Zukunft entgegenschauen? Der Menschen eitler, bettüglicher Sinn! Wie Viele stürzen im Rausche der Festlichkeiten vom alten Jahre in'- neue, für wie Wenig, ist der Uebergang bemerkbar? Denen er zuerst ein „Halt! Sammle Dich!" entgegenrufen sollte, sse hören Dich nicht, und wie die Lawine rollt ihrealte« Jahre» Sündenlast auf Dich herab. Nickt entblößten Hauptebetteten sie Dein Heiligthum. für sie bist Du nicht da, denn ein Tag wie der I andere löst sich in Uebel für sie auf. De» Geiste» Fackel leuchtet nicht auf ihrer Bahn, der blinde Zufall ist ihr -Führer, ob sie auf Rosen wandeln, ob sie in Abgründe stürzen, deß bangt sie nicht. Die frühe Sonne weckt fie wicht, sie ruh'n und raste» noch am Hellen Mittag, und wenn der „Held Cie Bahn durchlaufen hat" — fie sind noch nicht am Ziele, die Nacht umfängt sie. Für sie ist, o Zeit. Dein ewiger Kreislauf nur ein wilder Taumel, ein rasender Tanz; de» Radegleichmäßigen Umschwung, da» Getriebe de- Werksehn und verstehen sie nicht, denn wer in der Sekunde nicht die göttliche verehrt, für den ist die ganze Ewigkeit ein weile» Nicht», Zeit und Raum verschwimmen ihm, sich stellt er hin al- Mittelpunkt der großen Ewigkeit, sein kurze» Dasein, die Dauer einer Secunde ist ihm groß und lang genug. So lebt er ein Sklave seiner beschränkten Sinne. „Heil aber dknen! die im freien Aufschwung zur Ewigkeit nicht verkennen den im Wechsel ewig beharrenden Geist, der Zeiten Herrlichkeit blendet sie nicht, und nicht entmuthigt fie ihr Bittere-. Verschlingen sie auch die wogenden Flurhen. wie sehr sie kämpfen, so ahnt sie doch die Zeit, die Unsterblichkeit!" Ja diesen Betrachtungen wurde Elkan durch den Einttitt dreier Männer, Genossen seiner Gemeinde, gestört. Wollte er mit ihnen wegen feiner Rettung berachschlagea. galt es eine Flucht zu bewerkstelligen oder Pläne gegen die Verfolgungen Gerson'- zu verabfaffenk Nichtvon alle dem. Keiner in der Gemeinde außer Meyer wußte, daß die Gefahr für Hirsch Elkan so nahe bevorstand. der aber wollte sich kitzeln an der Ueberraschung de» Opfer», an dem Schrecken der Gemeinde und hielt noch mit der Sprache an sich. Elkan aber vertraute dem Herrn, und wa» noch an Furcht und Zagen im Winkel seiner Seele übrig gewesen war, dahatte die ernste Abendfeier dehochheiligen Roschhaschanahseste» völlig verbannt. Sehen wir die drei Ankömmlinge näher an. Der erste, eine llohe, breitschulterige Figur, eine wahre Athletengestalt, war der Chasen Jechiel. Keiner batte seiner äußern Erscheinung nach in der ganzen Gemeinde so sehr den Anspruch auf den Titel eine- Manne», wie er, und dock nannte ihn die Laune Kahal'S nur da- „Chasenche* oder „88.'' Man sagt, daß er diese Bezeichnung den Krauen verdanke. So tief und sonor nämlich sonst seine Stimme war, so pflegte er doch an einigen Kernstellen hoch zu fisteln und laut zu schreien. Diese „ Kriesche" nannte er feine Runbürgel, die er dann und wann abschicken müsse, um da- Sperling-gezwitscher im Frauenchor zum Schweigen zu bringen. Da hieß eS denn aber nicht andera!S: „ES zeigt sich wieder, nun ja Cbasenche und Chuzpeh fangen mit einem Kebllaut an. Der ihm zunächst folgte, war der Muffaphbaltiphilla und Baltekiah Salmeb, eine spindeldürre, lange Figur, ein wahre- AnSrufungSzeichen. Seht ihr'» der süßlächelnden Miene nicht an, wie er schon heute im Dorgenuffe de- Triumphes schwelgt, deir-Eapriccio-, Triller und Eadenzen ibm morgen bereiten werden? Nur einmal in seinem Leben hatte er den Nigan völlig vergessen, a!» er beim Malech Eljon durch heftige Gestikulationen die Brille sich von der Nase geschlagen hatte und ungewiß dastanv. ob er fie aufheben dürfe oder ob »hm Jemand zur Hülfe kommen würde,