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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 8 (1858) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
8 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 mit noch cieUn itfueten aut fern Friedhöfe, der iwb ganz dicht hinter seinem und den. übrigen Iudendäusern hinzog und noch beute, überwuchert von Unkraut, bier aufge/ragen. dort eingesunken, unmittelbar am Stadttbor sichtbar ist. War e- Milde. daß man die Stätte des Frieden- 'den im Leben Verfolgten so nabe angewiesen batte, oder spielte auch darin die Ironie des Schicksals, daß de- Todes immer eingedenk sein sollten, die schon im Leben wie Gespenster einverschlicken? — . ES war im Anfang de- Monats September, Abends neun Uhr, der Monat Ellnl batte begonnen, der Wecketon deS SchofarS war schon einmal am Tage erklungen. Der Rabbi saß am Tisch in einer kleinen Stube der vbern Etage vor einem großen Buche, das Haupt sorgenvoll aus die Hand gestützt-, man. dem Erlöschen nabe, brannte vor idm eine kleine Lampe. Die Tochter sab dann und wann vom Lebnstubl auf. aber deS Vater- Antlitz wollte sich nicht erbeitern, darum mied sie jede Krage, jedes Gespräch und wabrte ein ängstliches Schweigen. Bräunche batte wiederholt ihr LieblingStbema begonnen und auf daS rotbe Meierche, daS AsuSponim. geschimpft, aber Nieutand antwortete ihr. und mißntutbig über die Erfolge losigkeit ibrer Zungenenisigkeit. bockte sie in einer Ecke der Stube und strich das Fell ihrer Liebling-katze. „Vater von Israel, steb' unS bei," seufzte der Rabbi, stand aut und ging hinunter. Nachdem er sich versichert batte, daß der schwere Riegel der Haustbür vorgeschoben, kebrte er in die Stube zurück, sab nach den verschlossenen Läden, setzte'sich auf den Stubl uizd wie er um sich her blickte und winkte, waren Eüab und Bräunche sofort zu ihm getreten, ließen sich an seiner Seite nieder und lauschten ängstlich und neugierig auf seine Rede. '„Kinder", sagte er mit gekämpfter.Stimme, „es wird einen bösen Rosch-Hasckanah geben für die Gemeinde, für mich und für Euch. Der Acker, der Acker!! Nickt dcs Papstes. nicht Luther'-, nickt. Zwingli - Anhänger werden unS jetzt Leid bereiten, sie haben jetzt mit sich zu thun und peinigen unS erst, wenn sie keinen andern Zeitvertreib haben; aber von dem da oben (und bier deutete er mit der Hand nach der Gegend der Bergstadt, wird das Zeichen gegeben und die Geserab angerübrt werden. Ich weiß eS. ich kenne den Acher." »Gebt, da liegt eö vor mir. daß neueste Buch, welcheder Diaconir-' bei der St. Aegidien-Kircke geschrieben bat. Er baz es genannt „Cbelek, ober Thalmudischer Iudenfchatz", welches daS 11. Capitel deS BucheS Sanhebrin aus dem 4. Theil deS TbalmudS ist. und bat darin unfern heilige» Tbalmud geschmäht, wie er es vor einigen Iahrfu in seinem andern Buche „de- Juden- TbalmudS fürnehmster Inhalt und Widerlegung" gttban, bat gespottet der Aussprüche unserer großen Weisen über dte Buße deS Sünders, die Auferstehung der Tvdten und den Mefchiah. Und weil er ein so großer Schriftgelehrter ist und gesessen bat m den hohen Schulen der Rabbi's zu Fulda und Frankfurt am Main, und weil er ein Freund ist von Burtorf zu Basel und der König von Dänemark sein Gönner, so wird ihm geglaubt von Fürsten und Prälaten — und wer spricht für uns? Ich aber habe beim letzten „Sckiur" geeifert gegen bieseS Buch und den Pastor und habe ibn selbst genannt einen Amalek und gesprochen: „GotteS ist der Krieg gegen Amalek von Geschlecht zu Geschleckt!" Und daS Alles ist dem Pastor zu Obren gekommen, das Alles hat ihm daS rothe Meierche. meiner Schwester Sohn, wiedererzahlt«" Bräunche murmelte einen Fluck zwischen den Zahnen, vermochte aber doch kaum Oel aus die erlöschende Lampe nachzugießen, dermaßen zitterte sie. „Und der Pastor ist zum Adoocat Süßmilch gegangen und der soll mich anklagen der Gotteslästerung. Der aber ist ein Freund meines Hauses von Zeiten her meines Vaters — Friede über ihn — und hat mich gestern in der Dunkelheit auf der Straße von Allem benachrichtigt und hat mich gebeten, öffentlich zu widerrufen, was ich gesagt habe in unserer Synagoge vor der heiligen Thorah, denn die ReichSgesetze bestraften die Gotteslästerung an Leib ober Gut. sogar mit Benehmung etlicher Glieder." Ellah und Bräunche sprangen vor jähem Schrecke in die Höhe, ängstliche Neugier ließ sie aber schweigen. „Und kann ich widerrufen was wahr ist. und kann ich leugnen, wenn mir meiner Schwester Sohn als Zeuge gegenüber steht? Und wenn ich eingekerkert werde, und mein Vermögen wird confiScirt, wer giebt Euch Obdach und schützt Euch, wer erbalt vor Allem meine arme Gemeinde, wo sollen ihre Glieder hinflüchten in dieser Zeit deS Elends und Jammers? In den Dörfern stürben sie HungerS. die Städte nehmen sie nicht auf. Unseres Fürsten Gnade kann uns.nicht retten, denn er irrt selbst unstät und flüchtig umher, außerhalb unsere- Landes wüthet der Krieg." ..Aber Vater," unterbrach ihn Ellah mit gehobener Stimme. ..Du hast doch Gott nicht gelästert, wakann Dir geschehen?" „Habe ich das nicht auch dem Süßmilch gesagt, Kind, und hat er mir nicht darauf erwieberl: WaS der Mund nicht gesprochen und der Zeuge nicht gehört, das vernimmt doch das Ohr des Inquirenten und sagt der Schmerz der Tortur, und waS daS Gesetz nicht spricht, dittirt der Haß, und auch ohne Schuldbekenntnis folgt ein Straferkenntniß. Und so sehe ich mich schon beim Beginn unserer hohen Festlage in der tiefsten, dumpfsten .Gefängnißzelle neben Dieben und Mördern, gefesselt die Hände, die ich zu Gott für meine Gemeinde mit inbrünstigem Gebet emporstrecken möchte, die Gemeinde selbst ruth- und schutzlos, Euch der Verzweiflung Preis gegeben — und dennoch, (bei diesen Worten stank er auf. seine Gestalt erhob sich, wuchs fast bis zur Decke der Stube heran, es leuchtete sein Auge, und wie der weiße lange Ban ibm berabwallte und er so. den Blick gen oben, die Hände auf der Brust gefaltet, dastand, hätte man ihn für -einen göttlichen Seher oder für einen jener GlaubenSzeugen halten mögen, die jede Schtyach ohne Munen eNrugen und dem Tode opfermulhig entgegengingen) stürbe ich. ewiger Gott, eine der vier Todesstrafen deS Beth-Din. ich fürchte sie nicht, nur meine Gemeinde und Diese da schreib ein in's Buch deS Lebens!" — — Ein Klopfen an der Haustbür ließ sich in dem Augenblicke vernehmen; der Rabbi hätte eS nicht, Ellah und Bräunche aber fuhren erschreckt zusammen. ..Sie kommen schon, um Dich zu holen!" schrie Ellah, indem sie mit beiden Händen den Vater umklammerte.

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