Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 7 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ihren Schleier bcrabgelaffen, und all Antwort aus die Frage nach den verschiedenen Arten, wie er in Portugal getragen" würde, ^battc ffie ihn jetzt so dicht zusammenge« zogen, daß er ihre Züge vollständig verhüllte. „SBittt, saa.-n Sie ibr dock, daß es in England nickt üblich ist, daß Damen ibren Schleier Vorbehalten," flüsterte Azavedo der Krau vom Hause zu, in einem Tone so ungewöhnlicher Auslegung, daß ne idn verwundert ansab. Sie erfüllte indessen seinen Wunsch, und Znez schlug bald nachher mir einnehmender Freundlichkeit ihren Schleier zurück. Azavedo war einigermaßen Weltmann geworden, und cs war gu!, daß er es war, sonst möchte es ihm schwer geworden sein, seine .innere Bewegung so zu unterdrücken, daß seine Umgebung ste nicht bemerkte. Er sah Vas Wesen wieder, das vrer volle Zadre langem Stillen sein Herz so eingenommen baue, daß es kein anderes Bild, nicht den leisesten Gedanken an eine andere Liebe darin aufkommcn ließ. Sie war da. nicht tzur noch strahlender in vollendeter Schönheit. als da er sie zum ersten Male gesehen haue, sondern auch frei, und von seineln eigenen, Stamme und Glauben. Und so beseligend waren die Gefühle dieses Augenblicks, vaß er fürchtete,.sich ibr vorstellen zu lassen, damit nicht ibr erster Blick aus sein Gesicht, wenn er das Entsetzen verrietbe, das er ahnte, ihn zu ewigem Leiden verdamme. Daß er unnöthig gezittert baue, bewies der Umstand, daß er den ganzen Abend nickt mebr vonibrer Sekte' wich. Die Lebhaftigkeit der jungen Fremden schien durch einen außergewödniicken magnetischen Einfluß dieselbe Lebendigkeit in ihm hervorzurut'en, und er unterhielt sich lebhafter, rückbalrsloser, als man ihn je gesehen haue. Zuda Azareto fuhr nach seinem Lanvbause. unv Znez nueibeke sich bei einer jüdischen Familie in London ein. und bebaute bei dem Vorhaben, sich nach Näharbeit um-' ,useben, nickt weiter an ibren früberen Reichthum denkend, als daß sie wünschte, daß ein Lbeil davon für ihren? Knaben erdalren worden wäre, der durch Pater Zose's' und Julian Alvare;' Bemühungen ungefähr drei Wecken nach ihrer Flucht ihr folgte, und die Sckmerzenskunde mitbracktt, daß Alles, was sic einst besessen, gerichtlich eingezogen und für verfallen erklärt worden sei. Zweimal die Woche, dann dreimal, und zuletzt alle Lage besuchte Azavedo, unter einem oder dem andern Vorwände. die schöne Fremde. Die Leute sprachen und wunderten sich darüber-, eiber er kehrte sich nicht daran. Doch wozu unsere Geschichte weiter auSspinnen, die währ ist, obgleich sie wie Dichtung klingt? Nicht sechs Wochen, nachdem Znez Portugal verlassen hatte, ftiehend für ihr Leben, wurde sie die Gemahlin Juda Azavedo s, deS reichsten Juden in London, der eine so warme unv unwandelbare Liebe zu ibr hegte, wie je von einem Manne empfunden wurde. Aber sie. konnte sie seine Neigung crwiedern? Lieber Leser, wir wollen die einfache Wahrheitnicht mit den falschen Farben des RomanS aus» schmückcn. Sie liebte ihn nickt, in dem gewöhnlichen Sinne deS Wortes, und sie sägte es ihm und forderte ihn auf. seinen Antrag zurückzunebuien. wenn sein .Herz sich nickt begnügen könnte mir der Hochachtung und Erkenntlichkeit. die sie allein für ihn fühlte, Er dankte ihr für ibre Aufrichtigkeit, aber zog seine Hand nicht zurück. u,td sie wurden verbunden. Einige Biographen brechen hier ab und ersuchen den wißbegierigen Leser, in die Geschickte des ebelicken SebcnS nicht zu tief hineinzublicken. Zn Betreff unfercr Heldin a-ber scheuen wir diesen Blick nicht. Die Romantik der Liebe vor der Ebe mochte sie nickt gekannt baben, aber die Wirklichkeit derselben nachher bewies sie so schlagend, selbst als Krankheit und andere Gebrechen ibren Gemahl so beimsuchten, daß er grämlich und reizbar wurde, daß noch Personen am Leben .find, welche bezeugen können, daß nie ein Weib zärtlicher lieble, oder ihrem Gatten treuergebener war, alS Znez Azavedo. Auch ihre außerordentliche Schönheit schien vom Alter unangetastet zu bleiben, denn man hat mir gesagt, daß sie selbst im Sarge, und sie erreichte ein volles Lebensziel, dieselbe nickt ganz verloren batte. Analekten. (Entnommen aus dem zweiten Tbeil der Geschichte des Iudentbums unv seiner Serien von Dr. Jost. der unter den diesjäbrigeu Schriften des Instituts erscheint.) II. Richterliche Wirksamkeit der Rabbincn. Ehe wir den weitern Verlauf der Geschichte darstellen. dürste es nicht unangemessen erscheinen, auch von der Lhätigkeir der Rabbinen als RiHler einen Begriff zu geben. Wir finden nicht, daß dre beiden Hauptschulen hierin von einander abwicken, nur glauben wir, daß die ausgebildereren Rechtsformen mehr den babylonischen Schulen ihre Bestimmtheit verdanken, weil dort den Richtern einegewisse Gewalt eingerauml war, von welcher in Palästina sich keine Spur zeigt, wenn auch die wesentlichsten Formen auch hier herkömmlich grübt wurden, wie sie in der Mischnab bereitverkommen. Jedenfalls unterschied' sich das Rechtsverfahren in beiden Hauptschulen darin, daß in Palästina mehr die Achtung vor dem Gesetz. in Babvlonien mehr die richterliche Macht vorwalrete. Daraus erklärt sick's, daß man hier genauerer Rechtssormen bedurfte. Als ein Beispiel diene' das Verfahren gegen Schuldner. Der Gläubiger legt die Schuldverschreibung dem Gerichte vor. Findet sie sich richtig, so wird der Schuldner zur Zahlung verurtheilt. Zahlt er nicht, so vernichtet das Gericht den Schuldschein und schreibt dem Gläubiger ein Zdracktha *), eine Ermächtigung, de- Schuldners Vermögen überall zum Belaufe der Schuld in Anspruch zu nehmen. Diewirb zugleich durch Ausruf zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Laßt der Schuldner'die im Ausrufe festgesetzte Frist verstreichen, so wird das Eigenthum des Schuldners geschätzt und dem Gläubiger zugcsprochen. Zst kein freies Vermögen da, so händigt man ihm eine Tirfa (Besitzergreifungsrecht) an liegende Gründe ein. Hat er Besitz ergriffen, so zerreißt da- Gericht diese- Erkenntniß, und übergiebt ihm ein« andere Zdracktha (wie eS scheint, um dem Schuldner Zeit *) Anub s. t. Nrr-HN. Die Recht-ausdrücke bedürfe» noch der Erläuterung.