Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 6 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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28 4neben den heil. Anno begraben, vorher ^ber rin Handchen davon abgelöset, um dasselbe als Reliquie in Silber einzufaffen. Die eigne Mutter de- KinheS aber hatte vorher insgeheim dK Glied eines FingprS von jenem Händchen geschnitten, um eS al- Helliglhum mit nach Hause zu nehmen. Doch Wunder! Die Mutter vermochte keinen Fuß auS der Kirche zu setzen, bis fie den Raub eingestanden und die Reliquie zurückgegeben hatte. Die schlimmste Judenverfolgung fand! im I. 1348 statt, da man den Israeliten Schuld gab.^ ste hätten die Brunnen vergiftet und die damalige Pest hervorgerufen. Alles Unheil wurde den armen Kindern!, Abrahamin die Schuhe geschoben. Nachdem bei erstarkten Landeshoheiten keine allgemeine Judenverfolgung mehr au-führl bar war. wurzelte und wucherte jener Aberglaube im Volke fort; in jedem Jahrhunderte har er noch.blutige Opfer de- VorurrheilS und der Raubsucht geliefert. Noch zu Anfang dieses Jahrhundertwurden im Amte Miselohe im Belgischen tnehrere Juden darum gemordet, und in neuester Zeit.noch mußte in der Gegend, wo zehn Jahre später der heilige Schäfer von Niedsrempt sein Unwesen trieb, die bewaffnete Macht zum Stutze der Juden einschreiten, da man ein todte- Kind gefunden, dessen Mord auS jenen verrotteten Märlein erklärt wurde. Wo selbst die gelehrtesten Leute, wie Bimerim, gegen der Päpste AuSspruch mit ihrem schriftstellerischen Ansehn für die Wahrheit jener Märlein eintraten^ und wo selbst zur Berichterstattung aufgeforderte Rabbister durch eine unglücksame Verwechselung auf die Nachsicht gekommen sind, daß eS im fernen Alterthume wirklich eine Judensecte gegeben habe, die auS religiöse«. W»n Kinder abgeschlachtet — da ist eS dem ungebildeten, zum Aberglauben geneigten Volke weniger zur Schftld zu rechnen, daß es an jenem Aberwitze fest halt. [ Wirklich findet sich bei allen sogenafinren classtschen Schriftstellern jene Beschuldigung einer Jufiensecte; freilich nicht ohne Schuld damaliger Kinder AbrqhamS. Jedoch die Schuldder Israeliten ist dabei anderer Art, und die gemeine Judensecte keine andre. als daeben in Ausbreitung begriffene Christenthum, da-, wie!alle» Erhabene und Heilige, den Verleumdungen bloßgestrllt war, und daS auch namentlich mit der Kinderschlächierei verdächtig wurde. Als nämlich Claudius Nero den römischen Kaisetthron durch seine Grausamkeiten beschmutzte, bezüchtigte ein Gerücht dle Juden, daß ste die FeuerSbrunit, welche einen großen Theil der Stadt in Asche legte, lau- Rachsucht veranlaßt hätten. Der blutdürstige Kaiser, dem auch selber jene Brandstiftung in die Schuhe geschoben wurde, griff diesen Borwand zu schrecklichen Tode-iurtheilen eifrig auf, wurde aber von seiner Freundin Popdäa und seinem Liebling-schauspteler Alituru-, die beide zum Volke Israel gehörten, von der rechtgläubigen Zudenfchaft auf die schuldlosen Christen mit seinem Blutdurste äbgelenkt. Die Christen galten unter den Heiden damals fdr eine Judensecte, während die altgläubigen Juden selbst eine Nation darstellten. Um so leichter aber ward eS, die harniloscn Christen mit den Märchen von Kinderfchlachten i nd Menschensteischeffen zu verleumden, weil ste die Geheimnisse ibreS göttlichen Glaubenwirklich als Geheimnisse bewahrten und weil die in dej Heimlichkeit der Nackt gefeierte Eucharistie bei den Heiden wirklich einer schiefen Auffassung nahe lag. ES war damit damals acurat wie heutzutage. daß gerade die gelehrtesten Leute da- Christenthum am allerwenigsten begriffen, und darum auch die auffallende Erscheinung, daß die ehrlichsten und geistvollste» heidnischen Schriftsteller, wenn sie mit irgend ein paar spärlichen Zeilen das damals junge Christenthum erwähnen. von seinen Anhängern als einer verworfene» gottlosen Seele reden^ die sich durch die größten Abscheulichkeiten dem Hasse gller wobldenkenden Menschen bloßgestellt habe. Daß diese Abscheulichkeiten aber^pur in Verleumdungen, namelnrlich in ähnlichen Märchen bestanden haben, wie man im Mittelalter von den Juden auftischte, gehr auS gleichzeitigen Schriftstellern und befonderauden aurbebalicnen Sckutzreden damaliger Christen hervor. Ein neugeborenes Kind, hieß eS. sei über und über mir Mehl bestreut und dann mit unzähligen Messerstichen auf die grausamste Weise getödtet, tat Blut von der Gemeinde getrunken und das Fleisch gierig verschlungen worden.') Cornelius TacituS Annalen: .Um den haben, Andern aufzub den ausgesuchtesten Martern, die gemeinbin unter dem Namen Christen bekannt und wegen ibrer Schandthaten allgemein verbaßt waren. Der Name und der Ursprung dieser Secte schreibt sich von Cbristuher. der unter der Regierung deS TiberiuS und, dem Statthalter VontiuS PilatuS hingerickner worden war. Der damals für den Augenblick unterdrückte Aberglaube brach in der Folge wieder von Neuem auS und verbreitete sich nicht allein über Judäa, dem ersten Sitze! dieser Schwärmerei, sondern kam auch nach Rom, als dem Sammelplätze. wo Alle-, waabscheulich oder schändlich ist, binziebt und Unterstützung findet. Durch die Geständnisse derer, di« man zuerst ergriffen batte, entdeckte man eine große Zahl ihrer Andänger, die bann jnSgesammi nickt sowohl de- Verbrechens. die Erabt aygestcckt zu haben. als des Haffes deS ganzen menschlichen Geschleckteüberwiesen wurden" ic. Jene der Religion der Liebe angedichtere Schändlichkeit und Gottlosigkeit bestand aber einzig in den objgen Märlein vom Kinderschlächten und in dem Umstande, daß die Christen die Verehrung. der beidnischen Gottheiten mit Abscheu von sich wiesen. Wundersam bewährte sich darin die ewig waltenide Gerechtigkeit, daß gerade an der Stätte, wo die verachteten Christen unter dem robesten Spotte von wilden Thieren zerrissen verbluteten, der päpstliche Thron gebaut wurde, der erhabener und mächtiger a!S jener der heidnischen Kaiser, und daß jene Verleumdungen auf die Nachkommen der Urheber zurückschlugen. Bedauern-werth aber ist eS, daß neuere Gelehrte, wie z. B. ein Professor Daumer, jene, daälteste Christenthum verunglimpfenden, von den Kirchenvätern auf's Gründlichste widerlegten Märchen, gegen da- Christenthum •) Minuciaa Felix, ca®. A, 10, 30, 31. — Tertnllia», Apologia cap. 7, 8, 8. — Justin: Wurtyr.J Apologia cap. 14. .etc. lerzählt cap. 44 im 15. Buche feiner ^erdacht, die Stadt angezündet zu!irden. belegte Nero diejenigen mit