Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 5 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 Begleiter, anscheinend so sorglos, alsob sie einen Spa» ziergattg machten. Sie sahen die Reiterschaar rasch heran» kommen, gerade vo.r ibrem Versteck halten, sich forschend umsrhen; einer oder zwei sprengten vorwärts, als ob sie daS Gebüsch durchstreifen wollten; eines Mannes Schritt wurde;u derselben Zeit in ihrem Rücken gehört — seine Kleider streiften sie beinabe, als er voröeizing — eS war einer von Donna Jne^ eigenen 'Arbeitern. Sie hörten, daß er anzerufen wurde, als er erschien, daß Fragen an ihn gerichtet wurden, von welchen sie nichtunterschieden als dumpfe Klange, so peinigend für die, welche glauben, daß Leben oder Tob von den Worten abhängt. Einige Minuten — die ibnen Stunden rauchten — dauerte die Unterredung; dann erkannten sie aus einem laut gege» benen Befrble, daß die Kragen sich nur auf den Weg bezogen batten, der nach der Villa Bcnik» führte, und die Reiter galoppirten davon. Obne ein Wort zu wechseln, eilten Jnez und ibr Be« gleiter vorwärts. Sie hatten noch eine gute halbe Stunde bis zum Strome, die Sonne war am Unterzehen, und der Wind* hatte sich frisch- und stärkend erhoben. Aber während Julian sich seiner belebenden Kraft freute, zitterte er. daß er die einzige Aussicht auf Rettung für Jnez von ihnen binwegführen könnte. Ibr Schritt war so schnell wie möglich, aber Blei schien ihre Füße zu belasten, und unendlich schien ihnen der Weg, bis deS Stromes Ufer erreicht war. Uebergossen vdn der sannen Gluth eineherrlichen Sonnenunterganges lagen die bellen Wasser vor ihnen, und mit vollen Segeln, ruhig aber flasch fortgleitend. sahen sie das langersehnte Schiff ihren Blicken entschwinden. * Eine Minute lang standen sie da, ibm nachschauend, stumm, gefühllos wie Stein, außer daß es ihnen furchtbar klar wurde, daß Flucht jetzt unmöglich, an Entkommen nicht mehr zu denken war. Aber große Notb läßt nicht lange verzweifeln. Ehe Julian sich noch von der Betäub bung des Schreckens erholt batte, hatte Ine; einen Boot« führer herbeigerufcn. und einen Diamantrinz von bedeu> tendem Werrhe von ihrem Finger ziehend, versprach sie ibm denselben;um Lohne, wenn er sie an Bord des englischen Schiffes brachte. Der Mann besann sich,. fiirut dann, es sei des Versuches werth, unv febr bald war ein Boot bereit, bemannt mit vier starken Ruderern, so ungeduldig wie sie selbst. ...Und nun lebe wohl, theurer Julian!" sagte sie rubig. daS Packt! auS seiner Hand nehmend und mit dem ibr eigenthümlichen lieblichen Lackeln in sein erstauntes Gesicht blickend-- ..Du gehst nickt weiter; ich will Dein Leben nickt in Gefahr bringen, da- Deinem Weib -und Deinen Kindern so kostbar ist, auS schwächlicker Furcht. allein meinem Gcickicke entgegen zu geben. Versuche nickt, »nick anders;u bestimmen. cS wäre vergeblick. wie Du wobl weißt. Sorge für. meinen Knaben, er bedarf Deiner mebr als ick." Und leiser fubr sie fort: »Der Gott, dem wir Beide dienen, segne Dick und bebüte Dich vor ernem gleichen Geschick." -t «if drückte ihm die Hand und sprang leickt'in daS Boot, das^abstieß und pfeilscknrll tabinschoß, bevor. Julian Alvare; sich von seiner GernüthSerschütkerung bin.' reichend erholt hatte, um ibr auch nur ein Wort zum Abschiede zu sagen. Unv jetzt verfolgte er, mit Gefühlen. die fast an Verzweiflung grenzten, die Kraftanstrengungen der Ruderer, die ihn so äußerst vergeblich schienen. Denn immer behielt daS Schiff seinen Vorsprung, aber der Eifer der Männer ermüdete nicht. Er hörte ihre Stentorstimme das Schiff anrufen. aber eS erfolgte keine Antwort. Wieder, und immer wieder! Es ist Täuschung. Nein, die Segel werden gestrichen, des Schiffes Schnelligkeit verringert sich, bis das Boot eS fast erreicht hat. Julian strengte feinen Blick an, während sein Herz zu schlagen aushörte. auS Furcht, daß man sich weigern könnte, sie aufzunehmen. Er konnte nichts mehr erkennen, denn die Dämmerung war hereingebrochen, und eine Ewigkeit dünkte ihm die Zeit, bis daS Book mit der beglückenden Versicherung zurückkam, daß die Senora wohlbehalten an Bord wäre. Die Nacht kam hernieder; die liebliche Nacht de- Südens, mit ihrem silbernen Mondschein auf den leuch« rcnden Wassern, mit ihren funkelnden Sternen, wie flüssige Licktkugeln im Aelher schwebend, mit ihren weichen, küblen Zephyren, die so balsamische Düfte von den gewürzreicken Küsten brachten, daß Dichter glauben könnten, himmlische Geister erhellten die Luft mit ihrem reinen Lichte und erfüllten jeden Windhauch mit ihrem wonniglichen Athem. Jnez saß auf dem Verdeck, landesflüchtig und allein, sie. welche noch den Abend zuvor der Mittelpunkt einer glänzenden Gesellschaft gewesen war, deren Säle von munterer Fröhlichkeit und lustiger Ballmusik erschallten, der Schmerz so fern zu liegen schien, daß er nur ein Name, nicht eine Wirklichkeit für sie war.- UnS, die wir auf die außerordentliche Erscheinung zurückblicken, daß die cheiden allerkatholiscksten Königreiche buchstäblich mit heimlichen Juden bevölkert waren, deren Eigenthum und Leben keinen Augenblick außer Gefahr war. erscheint eS unbegreiflich, wie'.diese sich je sicher oder glücklich fühlen . konnten, und noch schwerer zu begreifen, welch' geheime- Gefühl eS war. das sie so an ein Land fesselte, wo daS JudSnibum. öffentlich bekannt oder entdeck», den Tod nack sich zog, während eS ankere Reiche gab, wo sie Schutz und Aufnahine sinken konnten. Doch war eS so; und es zieht noch Familien in England, die ihre Herkunft von Personen ableiten, welche, wie Senora Benito, plötzlich fliehen mußten, wenig mehr rettend, als das nackte Leben. Manche Gemülbcr würden gesunken sein unter einem so plötzlichen, so überwältigenden Mißgeschick, aber Jnez erhob sich über dasselbe. Sie war auf sich allein angewiesen; die wenigen Werthsachen, die sie geborgen halte, nlußten. wie sie wohl mußte, bald erschöpft sein, wollte sie sich auf sie allein verlassen. Sie ging nach einem Lande, wo sie Niemand kannte, ohne alle Empfehlung, außer einem Briefe ihre- Vetteran einen Freund in London. Einsamkeit, Entbehrungen, Sorgen und selbst Händcarbeit erwarteten sie, die ein Kind de- LuruS und des Rricktbums gewesen war. und verschwenderisch, wie ihre Schätze unermeßlich waren; dcnnock, alS sie in die herrliche »Nacht mit ihrem fferncnbesaeten Firmamente, hinauSblickte, als sie den süßen Duft von tausend Blürhen athmete, der auf de»n Abendhauche schwebte, wußte sie, daß sie nicht verlassen war. Er, der für die ganze Na-