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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 2 (1858) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
2 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
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Reiz auf ihv aus. daß sein ganzes Sterben dahin ging, einmal nach Amerika auSzuwandern. Bei Lebzeiten seiner Frau aber scheiterte dieser Plan stets san der Anhänglichkeit. die diese für ihre Geburtsstadt und für ihre Der« wandten hegte. Oft sagte sie zu ihrem Ranne, bei besten lockenden Schilderungen von dem Soldlande: ..Gelt, Amschel. wenn in Amerika baS Gold 4uf den Straßen liegt, so haben eS Leib Tintenfaß und Schloome Streu« fand, die vor einem Jahre auSmandertpn, gewiß schon aufgelesen, und wenn die gebratenen, koscheren Tauben einem in den Mund fliegen, so kommt gewiß auf Dein Theil eine treifene, denn Du kennst Dein Scklemaffel." — Jetzt war die Frau gestorben, fir betrauerte sie aufrichtig, das muß man sagen, saß Schiwa und sagte Kadosch; alö aber ein Vierteljahr verflogen war, hielt tr-^-»^rben, eS nicht mehr im Orte auS, denn jetzt^stand ja seinem Lieblingsplane nichts mehr im Wege. Er verkaufte fein ziemlich verschulderes-HauSchen, sein Mobiliar, seine Han« delSgegenstände und behielt nach Bezahlung seiner Schulden^ und nachdem er die Ueberfahrtskosten berechnet, immer noch einen Ueberschuß. — Eines TageS nun Anüne er sein Bündel. —»es enthielt seinen Zidur, Twillen, TallkS >und noch einige andre Gegenstände. —- und nachdem feine achtzigjährige Mutter ihn, den Fünfzigjährigen, gebestscht, machte er sich auf den Weg nach Hamburg. UrtterwegS lebte er von der Mildthätigkeit seiner Glaubensgenossen und kam endlich glücklich in Hamburg an, wo er in einem ziemlich schmutzigen Gasthofe abstieg, von bejm man ihm aber gesagt hatte, daß es dort sehr koscher hirginge. — Bald war auch »in segelfertigeS Schiff gefunden, das ihn nach feinem gelobten Lande bringen sollte, und man sagte ihm Zeit und Stunde der A »fahrt, als er die UeberfahrtSkosten bezahlte. Indem er!daS Elnschreibe- Büreau verließ, betrat ein englischer Lord dasselbe, der die Reise nach England machen wollte.! — „Ich will nach England reisen,", sagte er, „doch ich liebe nur feiste Gesellschaft. Deshalb werde ich sie ersuchen, jeden Passagier von niederem Stande und schlechtem Aeußeren abzuweisen." — Der Capitain des Schiffes, der zugegen war, machte ihm begreiflich, daß das unmöglich wäre, weil ihm dadurch ein großer Nachtheil erwachsen würde. — „Unmöglich, sagen Sie," entlegne» der edle Lord! „Ich bin Lord DuckSkin, ich werde! daS UeberfahnS« geld für zwanzig Personen bezahlen, ab^r sie weisen jeden vlebejischert Passagier zurück." — „Wie, daS wollten Eure Lordsch eft," ries der umgewandelte Capitain! DaS ist etwas an)ereS. UebrigenS kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung flgen, daß ich auf meinem Schiffe eine sehr hübsche Gesell chaft habe, deren sich Ew. Lordfchaft nicht zu schämen bn ucht, eine Person ausgenommen, ein Jude, der eben dl» Local verließ. Zurücklaffen können wir ihn eigentlich nicht, da er schon eingeschrieben ist, aber da fällt mir ein Mittel ein, eS dennoch zu bewerkstelligen. Die Jude» sind bekanntlich nicht die pünktlichsten Leute. Ich habe ihm gesagt, daß mein Schiff um sieben Uhr abgeht; ist er Punkt sieben nicht am Bord, so segle ab." Der edle Lord erklärte sich damit einverstanden und verließ bau Bbreou. — Der Tag der Abfahrt war herangekommen und Amschel Meier stand schon eine halbe Stunde vor sieben Uhr auf dem Uferdamm. . Das Schiff lag noch ganz ruhig, kein Boot war altsgesetzt, die Segel hingen schlaff, eS schien kein Leben am Bord zu herrschen. „Noch habe ich einige Zeit," dachte er, und da eS ihm eingefallen war. daß er als rechtgläubiger 'Jude eigentlich aus dem Schiffe wenig Hen dür e.' so ging er noch einmal nach der Stadt, um einige Einkäufe zu machen. Am Thore saß eine Krau, die mir Zwiebeln handelte. — „Wie viel kost:r eine Reihe?" fragte Amschel. Die Frau nannte den l)reiS. „Was," rief er erstaunt, „bei mir zu Haufe bekomme ich sie doch zum halben . Preis. Frau. Ihr müßt werden reich bei Eurem Geschäft." .— „Ich wünsche Ihm den Reichthum, den ich erenlgegncle sie „und wenn Er meine Zwiebeln zu theuer sinder, so hol' Er sich anderSwo billigere.". — Amschel ließ sich aber nicht abschrecken, und so wurden sie endlich hand«l»einig. Er nahm seine Zwiebelreihen und ging, in eiw n Laden,vuo er sich zwei Boote kaufte. Nachdem er nr n noch einige andere Einkäufe gemacht, begab er sich wi'ker zum Uferplatze. Eine geraume Zeit war indessen verflossen, und er sah daS Schiff nicht mehr an der alten Stelle. Bestürzt nagte er einige . ^Matrosen, wo denn das Schiff hingekommen? Bon ihnen erftrhr er. daß eS schon seit drei Vierrel-Stunden in See . gestochen sei. und sie zeigten es'-ihm noch in der Ferne. — „Weih gcfiilen." fing Amschel zu wehklagen an, „wo bleibt mein Geld.'inemUeberfahrtsgetd, mein schönes Geld! Der Schurke voll Capitain/ wie kann « mich sitzen lassen; aber so wahr i h Amsche.l heiße, ich verklage ihn, er solls bezahlen, ja. i'as soll er, aber jetzt sitz' ich hier an dem rbeuren Ort, r>aS soll ich anfangen!" — Man denke sich.!den Herrn Amschel im langen! polnischen Rocke, mit herabhängenden PeieS, unter jedem Arme ein Brot, die Zwiebelreihen an seine« Rockknopfc aufgehängt, und man. wird nicht ermangeln über^ diesen tragischen Helden, mitleidig zu lachen. — Seine Wehklagen unterbrachen die beiden Matrosen, indem sie fragten. waS er ihnen geben wollte, wenn sie ihm dem Schiffe nachruberten. Hocherfteul durch diesen Vorschlag ries Amschel: — „Ich gebe Euch, waS Ihr wollt!" — „Gut. so gebt unS einen Thaler." — „Einen Thaler?' entgegne» er. „ein halber wird'» auch thun". — „Nein Jude, und wenn Du nicht willst, so ist's Dein eigner Schaden. Zögre nicht, denn jeden Augenblick entfernt sich da» Schiff weiter." — Endlich verständigte er sich dazu, und die Matrosen fuhren mit ihm dem Schiffe nach. Unterdessen hatte ezu regnen angefangen,! und eS war schon ziemlich dunkel geworden,, als man daS Schiff erreichte. Kein Mensch zeigte sich am Bord^ Deshalb riechen bir Matrosen. Amschel solle ein hergbhängende-Tau ergreifen und auf'S Verdeck klimmen. Sie halfen redlich und al» er oben war, fuhren fie wieder ab, ohne von Jemand gesehen worden zu sein. Amfthel indessen, der noch nie auf einem Schiffe gewesen und sich deshalb nicht zurechtfinde« konnte, setzte sich ruhig auf einen Haufen Taue, obgleich «S noch immer stark regnete, wo er, vom übergebeugt und vor Frost zittemd. fitzen -lieb. » .

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